„Freie Affen“ Teil 14

Freie Affen Theaterstück Von Reinhard Tantow Berlin, April/Mai 2016

Vierzehnte Szene: Reformationsplatz

Auf dem Reformationsplatz, im Prinzip deutlich voneinander abgegrenzt: Einerseits Wittenberg, Monica, Zoltan, Anastasia, Richard, Sebastian, Johannes — er trägt einen schwarzen Adidas-Trainingsanzug —; andererseits eine bunt zusammengewürfelte Clique von Alkoholikern. Die Protagonisten verteilen sich auf einem Areal rund um zwei oder drei Sitzbänke. Im Hintergrund die Häuser an der Nordseite des Platzes; zentral gelegen, mit schöner grüner Fassade, das „Café · St. Nikolai · Museum“, Reformationsplatz 12. Rechts hinten, mit dem Rücken zum Publikum, einer dieser unsäglichen, plumpen „Buddy Bären“ (oder wie man die nennt), angestrichen in der Hauptsache in einem merkwürdigen, an Mostrich erinnernden Ockerton, die Rückenpartie zudem mit bläulichen Längsstreifen verziert. Man kann den Eindruck gewinnen, der Bär trage einen altmodischen Badeanzug und sei weniger dem Zoo als vielmehr dem Strandbad Wannsee entlaufen.

Johannes:
Beim Hinsetzen eben hätte ich mir beinahe den Fuß verstaucht.

Richard:
Wie denn das, altes Ungeschick?

Johannes:
Unter der Bank ist eine richtige Kuhle. Ein falscher Tritt und schon bist du Invalide.

Richard steht auf und inspiziert die (vom Publikum aus gesehen) rechte Sitzbank. Er geht in die Hocke und tastet vorsichtig nach dem Fundament unter der linken Bankstütze.

Richard:
Johannes hat recht. Das Fundament hier ist auf etwa 20 cm freigelegt. — Vielleicht sollten wir das Gartenbauamt alarmieren?

Wittenberg:
Die Mitarbeiter dort werden nicht ausgerechnet von uns Aufträge entgegennehmen wollen.

Monica:
Wieso nicht? Wir sind besorgte Bürgerinnen und Bürger wie alle anderen auch. Es geht um Unfallverhütung.

Richard:
Wir könnten die App des Ordnungsamtes nutzen.

Johannes:
Heute hat die Polizei eine ganze Bande hochgenommen — lauter Taschendiebe.

Richard:
In der Altstadt?

Johannes:
Am Vormittag. Am hellichten Tage. Alles Ausländer. Gleich abschieben. Es langt. — Der Papst hat gut reden.

Wittenberg:
Man muss die Umstände, unter denen heimatvertriebene Migranten und Asylanten in Deutschland delinquent werden, zunächst einmal differenziert analysieren, bevor man nach dem Henker ruft.

Monica:
Das hast du wunderschön gesagt, Wittenberg.

Johannes:
Du musst dir um die kriminellen Ausländer keine Sorgen machen, Wittenberg; die Gendarmen werden mit Hilfe eines Dolmetschers ein Protokoll aufnehmen und die ganze Mischpoke nach kurzer Zeit wieder laufen lassen.

Monica:
Einer der Sexualstrolche von Silvester in Köln soll jetzt vor Gericht gestellt werden.

Richard:
Das habe ich im Radio gehört. Ein Algerier aus einer Gruppe von etwa zehn Leuten. Die Anklage lautet auf: „umzingeln, belästigen, bestehlen“.

Wittenberg:
Es wird wieder nichts dabei herauskommen. Die Zeugin kann nach über vier Monaten keinen einzelnen Algerier guten Gewissens als Täter identifizieren.

Johannes:
Anklägerische oder staatsanwaltschaftliche Symbolpolitik.

Sebastian:
Unser Reformationsplatz gilt mittlerweile als „Brennpunktgebiet“. Die Polizei darf Platzverweise erteilen. Wer nicht innerhalb weniger Minuten der Aufforderung, den Platz zu verlassen, folgt, kann bis zu 24 Stunden eingeknastet werden.

Im Hintergrund machen Touristen Fotos von dem „Buddy Bären“.

Monica:
Es ist wirklich angenehm ruhig heute.

Wittenberg:
Man könnte leicht ins Meditieren geraten.

Sebastian:
Worüber möchtest du nachsinnen?

Wittenberg:
Ich frage mich, wie der Niedergang der deutschen Sozialdemokratie vielleicht aufzuhalten geht.

Sebastian:
Kein aufbauendes Thema, Wittenberg, das zieht einen eher mit in die Depression. Warum freust du dich nicht einfach an dem schönen Frühlingswetter?

Wittenberg:
Wir liegen nach den Umfrageergebnissen in der Wählergunst bloß noch fünf Prozent über der AfD! Mit „sozialer Gerechtigkeit“ verbindet kaum noch jemand die SPD. Und unsere Parteiführung fährt unbeirrbar weiter ihren Schlingerkurs in Richtung Mitte.

Sebastian:
Eine letzte Chance gibt es, aber erst müssen die Wahlergebnisse für SPD und Linke weiter bedrohlich in den Keller gehen.

Wittenberg:
Und dann?

Sebastian:
Dann muss es einen Wiedervereinigungsparteitag in Berlin geben. SPD und Linke, Gabriel oder sein Nachfolger und Lafontaine, müssen sich verständigen und Sahra Wagenknecht zur Vorsitzenden und Kanzlerkandidatin der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands wählen lassen.

Wittenberg:
Das werden die kleinen und mittleren Funktionäre in unseren beiden sozialdemokratischen Parteien zu verhindern wissen.

Sebastian:
Einen anderen Ausweg sehe ich nicht.

Wittenberg:
Und im Grunde ist es dir auch egal? Du hast mit der Politik abgeschlossen?

Sebastian:
Aber auch umgekehrt — die Politik hat mit mir abgeschlossen. Diskussionsbeiträge der antikapitalistischen, leninistischen Linken werden instinktiv abgelehnt. Sie gelten unbesehen und ungeprüft als des Teufels. Im Gegensatz dazu lassen sich beispielsweise in Spandau eifrige Bemühungen beobachten, AfD-Sympathisanten „einzubinden“, wie es beschönigend heißt, und für die SPD in die Bezirksverordnetenversammlung zu entsenden.

Wittenberg:
Ich war bei der entscheidenden Kreisdelegiertenversammlung in der Bertolt-Brecht-Oberschule ausnahmsweise anwesend, als stellvertretender Delegierter. Die große Mehrheit der Kreisdelegierten ließ sich auf die neunmalklugen Spielchen des Kreisvorstandes ein und unterstützte die AfD-Leute.

Monica:
Das darf man niemandem erzählen, und es glaubt einem sowieso keiner.

Aus der Gruppe der Alkoholiker löst sich Rollstuhlfahrer Hagen und fährt zu Wittenberg & Co. die kurze Strecke hinüber.

Hagen:
Wittenberg, möchtest du dich mit einem kleinen Einsatz an unserem Wettspiel beteiligen? Der vorletzte Auftritt von Hertha in dieser Saison muss unbedingt entsprechend gewürdigt werden.

Wittenberg:
Mein Urvertrauen in Hertha BSC war nie besonders ausgeprägt, Hagen, und ich fürchte, sie verlieren sogar noch zu Hause gegen die Kellerkinder.

Hagen:
Dann wettest du eben auf Niederlage. Zahlreiche angebliche Hertha-Fans tun das in realistischer Einschätzung der Möglichkeiten „ihrer“ Mannschaft.

Wittenberg:
Das wäre aber ein ausgesprochen unehrenhaftes Verhalten von mir.

Hagen:
Na und? Wenn’s ums Geld geht?

Richard:
Schlimmer als Herthas Niederlagen sind für mich die anschließenden Kommentare des Trainers. Aber er hat Glück. Sein Unernst und sein analytisches Unvermögen werden ihm als „Humor“ abgenommen. — Zum Schluss haben wir wahrscheinlich wieder einen banalen Platz im Mittelfeld zu erwarten.

Monica:
Eine Freundin von mir hatte vor einiger Zeit einen befristeten Job im „Haus des deutschen Sports“ auf dem Olympiagelände. Dabei konnte sie beobachten, wie die jungen Hertha-Cracks mit ihren teuren Autos umgehen. Sie regte sich richtig darüber auf. „Wenn ihr Vater,“ so sagte sie ungefähr, „sich jemals einen Wagen dieser Kategorie hätte leisten können, das wäre für ihn vermutlich der Höhepunkt seines Lebens gewesen, und er hätte das Teil gehegt und gepflegt wie seinen Augapfel.“

Johannes:
Genau, sage mir, wie du mit deinem Auto umgehst, und ich sage dir, wer du bist. — Das ist eine hundertprozentige Lebensregel.

Hagen:
Gibt es irgendein Thema auf der Welt, das ihr Ganoven nicht sofort ins Allgemeingültige und Ewige zu verkehren wisst?

Wittenberg:
Bayern München — dazu fällt uns nichts mehr ein.

Monica:
Hoffentlich schafft Werder Bremen den Klassenerhalt. — Den grünen Jungs gönne ich es von Herzen.

Hagen rollt zurück zu seiner Clique.

Sabine:
Und? Haben sie ein paar Euronen herausgetan?

Hagen:
Fehlanzeige.

Caspar:
Ich habe meine Eingangstür jetzt endlich verstärken können. Drei Stahlriegel. Nicht einmal die GSG 9 kommt ohne Schwierigkeiten in meine Behausung.

Sabine:
Das glaubst aber auch nur du! In meiner Kampfsportzeit hätte ich dir dein Gerümpel notfalls noch selber eingetreten.

Marianne:
Menschen, die sich einmal entschlossen haben, ein
Unbestimmtes Stück des Lebensweges gemeinsam zu gehen,
Liebende, wie sie gemeinhin genannt werden, machen,
Es lässt sich leider nicht vermeiden, unterwegs Fehler.

Sabine:
Ich dachte, mit dem Thema „Männer“ sind wir durch, und zwar endgültig.

Marianne:
Sie drücken sich falsch oder feindselig aus,
Geben, womöglich mitten in der Nacht,
Unbedachte Äußerungen von sich,
Trinken viel zuviel Alkohol,
Bieten Anlass zur Eifersucht,
Wollen gewisse Gewohnheiten,
Die den Partner zur Weißglut treiben,
Partout nicht ablegen.

Sabine:
Du scheinst dir mächtig Gedanken gemacht zu haben, Marianderl. Aber glaube mir: Das ist alles für die Katz! Die Kerle sind es nicht wert, dass wir unsere kostbare Lebenszeit an sie verschwenden.

Marianne:
Fragen der Hygiene sind keineswegs zu unterschätzen,
Auch die notwendige Verständigung über gemeinsam
Als angenehm empfundene Sexualpraktiken
Gelingt nicht immer reibungslos.

Sabine:
Im Prinzip läuft alles einzig und allein darauf hinaus, ob und wie lange sie unsere Titten mögen. Früher oder später erkennen sie ihren Irrtum und suchen sich eine neue Spielkameradin.

Marianne:
Die Möglichkeit einer Trennung
Steht permanent einerseits
Als Risiko, als Bedrohung, als Gefahr,
Andererseits aber auch als Chance
Zu Neuanfang und Befreiung
Im logischen und emotionalen Raum
Des Beziehungsalltags.

Sabine:
Um sich trennen zu können, muss man erst einmal zusammenfinden.

Marianne:
Auf diese Weise lassen sich derartige Entwicklungen
Zur Psycho-Physiologie des Liebeslebens wenigstens
Annäherungsweise und halbwegs verständlich
Beschreiben, aber das Gesagte bleibt unbefriedigend,
Denn es bietet offenkundig keinen allgemein verbindlichen
Und gangbaren Ausweg aus der Misere.

Sabine:
Die meisten Paare, die ich kenne, bleiben nur deshalb zusammen, weil sie zu feige sind, einen Schlussstrich zu ziehen.

Marianne:
Auffällig ist indes eine stets und ständig wiederkehrende
Radikalität des Anspruchsdenkens, die ansonsten
Überhaupt nicht radikale Persönlichkeiten ausgerechnet
Gegenüber ihrem Lebensgefährten glauben entfalten zu müssen.
Die althergebrachte Forderung nach dem „idealen Gatten“
Oder dem „reifen Charakter“, dem „anständigen Menschen“
Wird natürlich längst nicht mehr in unverblümter Art und Weise
                                                                                                            erhoben.
Die Methoden sind auch in Liebesdingen merklich subtiler geworden.

Sabine:
Subtilität und Finesse müssen mir bei meinen Männern komplett entgangen sein.

Marianne:
Es könnte sich deshalb als nützlich erweisen, über offene
Und mehr noch über versteckte Erscheinungsformen des
                                                                        Irrationalismus
In der Ästhetik des Liebeslebens nachzudenken. Eine einseitig,
Um nicht zu sagen: undialektisch aufgefasste Sexualität bietet sich
Als Einfallstor für Hirngespinste und Dämonen aller Art geradezu an.

Sabine:
Lecken, blasen, ficken — das und nur das verstehen Männer unter einer befriedigenden Sexualität. Als Schulungsmaterial dienen ihnen Pornofilme. Sie sind narzisstische, polymorph perverse, aufgeklärte und manipulative Phallokraten.

Johannes (ruft hinüber zu Sabine):
Komm her, mein Schatz, ich möchte dich übers Knie legen!

Sabine:
Du dürres Klappergestell, wage es nur, mich anzurühren!

Ein Junge kommt mit dem Fahrrad angefahren. Er hält neben Hagen an und flüstert ihm etwas ins Ohr. Der wirkt plötzlich wie elektrisiert und wendet seinen Rollstuhl (nach links) in Richtung Carl-Schurz-Straße.

Hagen (zu seinen Leuten, die sich um ihn gruppiert haben):
Abflug!

Johannes (zu Sabine):
Sabine, warte! Du hast versprochen, mir Zigaretten zu drehen.

Sabine:
Hast du Tabak und Blättchen gekauft?

Johannes rennt Sabine und der Clique um Rollstuhlfahrer Hagen hinterher. Wittenberg und die Seinen schauen ihnen allen verwundert nach.

Monica:
So etwas nennt man wohl nicht bloß in Künstlerkreisen einen „unglaublich starken Abgang“.

Sebastian:
Vielleicht sollten wir uns auch lieber verkrümeln?

Wittenberg:
Das kommt überhaupt nicht in Frage!

Richard:
Gut überlegen, dann erst die große Schnauze, Wittenberg.

Wittenberg:
Wir haben nichts verbrochen, Richard, und folglich ein Recht, uns hier aufzuhalten.

Richard:
Was glaubst du, warum sind Hagen und seine freien Affen so schnell verschwunden?

Wittenberg:
Vielleicht weil sie Hosenscheißer sind?

Monica:
Sie sind einfach abgehauen, ich fasse es nicht, und ohne uns ein Wort zu sagen.

Plötzlich ertönt ein schrilles, ohrenbetäubendes Pfeifen. Aus Richtung Havelstraße (von rechts her) stürmt eine Gruppe vermummter, schwarz gekleideter Gestalten auf die Bühne. Es handelt sich um mindestens ein halbes Dutzend Mann. Jeder hat einen schweren Baseballschläger als Waffe dabei. Der Trupp nimmt geordnet nebeneinander Aufstellung. Die Baseballschläger werden wie ein Gewehr geschultert. Monica hält Zoltan, Wittenberg hält Anastasia fest.

Der Anführer der Vermummten (schreit):
Freiheit! Heimat! Vaterland!

Zwei Vermummte bleiben stehen und schlagen ihre Baseballschläger immer wieder im Rhythmus gegeneinander: Eins – zwei – eins, zwei, drei – eins, zwei, drei, vier – Let’s go! Die anderen Vermummten heben ihre Baseballschläger hoch und rücken langsam gegen Monica und Wittenberg, gegen die Hunde, gegen Richard und Sebastian vor. Plötzlich setzt der Schlagrhythmus aus.

Die Vermummten (schreien im Chor):
Freiheit!

Das rhythmische Gegeneinanderschlagen der Holzknüttel setzt wieder ein und hört nach relativ kurzer Zeit abermals auf.

Die Vermummten (schreien im Chor):
Heimat!

Die beiden Taktgeber beginnen noch einmal. Wieder kehrt Stille ein.

Die Vermummten (schreien im Chor):
Vaterland!

Endlich gibt der Anführer der Vermummten mit seiner furchtbaren Trillerpfeife das Zeichen zum Angriff.

Anführer der Vermummten (schreit):
Draufschlagen, Männer! Keine Gnade!

Die Wolfshunde bellen. Während der Tumult auf der Bühne vollends erschreckende Formen annimmt, schließt sich der Vorhang.

12. September 2016

„Freie Affen“ Teil 13

Freie Affen Theaterstück Von Reinhard Tantow Berlin, April/Mai 2016

Dreizehnte Szene: Zitadelle

Monica und Wittenberg, Anastasia und Zoltan besuchen die große Ausstellung historischer Bildhauerkunstwerke aus den Berliner Bezirken, die auf den Höfen der Spandauer Zitadelle zusammengetragen worden sind und nun dem staunenden Publikum in völlig neuer Perspektive präsentiert werden. Höhepunkte sind zweifellos die steinernen Überbleibsel der legendären „Puppenallee“ aus dem Tiergarten und, natürlich, das Leninhaupt. Es stammt von dem Lenin-Denkmal her, das zu DDR-Zeiten auf dem Leninplatz in der Nähe des Volksparks Friedrichshain gestanden hatte. Nicht lange nach der konterrevolutionären „Wende“ war die siegreich gebliebene Reaktion darangegangen, das zum Gedenken an die Russische Oktoberrevolution errichtete Mahnmal unter Polizeischutz zu zerstückeln und niederzureißen. Immerhin noch recht zahlreich erschienene Gegendemonstranten hatten dabei das seltene Vergnügen, den zähen, gleichsam militanten Widerstand des granitenen Lenins gegen seine gekauften Zerstörer beobachten zu können. Die willigen Destruktivkräfte stießen auf ungeahnte Schwierigkeiten. Sie brauchten mehrere Tage, um überhaupt erste Ansatzpunkte für ihre in der Tat beeindruckenden Werkzeuge zu finden. Die gemeine Denkmalsschändung verzögerte sich beträchtlich; die steigenden Kosten spielten allerdings, wie nicht anders zu erwarten, für den bürgerlichen Staat nur eine untergeordnete Rolle.

Monica:
Und du bist damals leibhaftig live dabei gewesen?

Wittenberg:
Selbstverständlich!

Monica:
Aber was habt ihr euch davon versprochen? Was wolltet ihr erreichen?

Wittenberg:
Wir haben die Abrissarbeiten beobachtet und uns diebisch darüber gefreut, dass sie nur quälend langsam vorwärts kamen.

Monica:
Aber ihr habt die Bauarbeiter doch nicht etwa angegriffen?

Wittenberg:
Nein, das nicht, wir wussten genau, dass unser Spiel verloren war, aber wir wollten dabeibleiben, bis zum bitteren Ende.

Monica:
Der Bauplatz war sicherlich abgesperrt?

Wittenberg:
Worauf du dich verlassen kannst! Alles rundherum vergittert, bloß der Stacheldraht hat noch gefehlt. Polizeibeamte in ausreichender Anzahl standen ebenfalls zur Verfügung. Aber alles blieb friedlich. Wir wurden nicht einmal zurechtgewiesen oder zur Ordnung gerufen. Man beobachtete uns so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich. — Heute würde die Polizeiführung vermutlich von einer erfolgreich angewendeten Deeskalationsstrategie sprechen.

Monica:
Es ging ums Ausharren?

Wittenberg:
Weißt du, es ging um den Kopf.

Monica:
Es geht immer um den Kopf.

Wittenberg:
Der Plan der technisch intelligenten und begabten Handlanger bestand darin, Lenin „sauber“ zu enthaupten, das provozierende Denkmal sozusagen „denkmalgerecht“ zu schänden. — Sie haben es sich nicht getraut, es einfach zu zertrümmern oder zu sprengen.

Monica:
Auch Gewalt gegen Sachen braucht eine gewisse Ästhetisierung, um nicht von vornherein abstoßend zu wirken.

Wittenberg:
Jedenfalls gingen nicht bloß Stunden, sondern mehrere Tage ins Land, bis es den Bauarbeitern endlich gelang, die ersten Granitblöcke des Denkmals abzutragen. — Die Kosten explodierten.

Monica:
Wenn man deutschen Proleten genug bezahlt, sind sie offenbar zu jeder Schandtat bereit.

Wittenberg:
So würde ich es auf keinen Fall formulieren wollen, Monica.

Monica:
Bestimmt nicht, Wittenberg, das wäre dir wieder einmal viel zu direkt und zu drastisch.

Wittenberg:
Unsere ungeteilte Aufmerksamkeit sollte vielmehr den angeblich demokratischen Auftraggebern für die technische Intelligenz und für deren Zuarbeiter gelten. Sozialdemokraten vom berlinischen Typus sehen naturgemäß wenig Sinn darin, ausgerechnet Lenins ehrend zu gedenken. — Nichtsdestotrotz, die Hände sollen ihnen abfaulen, den verdammten Kollaborateuren!

Monica:
Wittenberg, nun mäßige dich augenblicklich wieder. Immerhin erlebt der Genosse Lenin aus Ost-Berlin jetzt in Spandau, also im westlichsten Westen des alten West-Berlins, eine Art monumentaler Wiederauferstehung. — Erinnerst du dich an Brechts Gedicht von der „unbesieglichen Inschrift“?

Wittenberg:
Sie ließ sich nicht übertünchen, oder?

Monica:
Es wurden verschiedene Methoden ausprobiert, die Inschrift auszutilgen, aber es gelang nicht.

Wittenberg:
Die Episode stammt aus einem Gefängnis. Politische Gefangene hatten die Parole „Hoch Lenin!“ an eine Wand geschrieben, und zwar mit ihren bescheidenen, im Knast­alltag zuhandenen Mitteln.

Monica:
Mit Kopierstift. — Der Gefängnisdirektor gab den Befehl, die Inschrift zu löschen.

Wittenberg:
Die Subalternen schienen wieder einmal zu gehorchen. Aber alle penibel angewandten handwerklichen Arbeitsweisen brachten eher das gegenteilige Resultat.

Monica:
Die famose Inschrift kam am Ende jedweden Arbeitsganges wieder hervor. Sie tauchte immer wieder auf.

Wittenberg:
Was genau taten die Inschriftenauslöscher? — Es fällt mir nicht mehr ein.

Monica:
Der erste Beauftragte erschien mit einem langstieligen Pinsel und einem Eimer Kalk. Er zog aber die Schriftzüge nach mit seinem Kalk. Das Ergebnis kann sich sogar der kleine Moritz gut vorstellen.
Der zweite Beauftragte, wieder ein Maler, wollte es besser machen. Er nahm einen breiten Pinsel und bestrich die Wand großflächig mit Kalk, so dass die „drohende Inschrift“, wie Brecht sie nennt, für einige Stunden verschwand. Aber nach dem Trocknen der Farbe war am nächsten Morgen wieder gut zu lesen: „Hoch Lenin!“
Der dritte Beauftragte der Gefängnisdirektion war ein Maurer. Er gab sich große Mühe und kratzte und schabte mit Messern und Geräten in stundenlanger Arbeit Buchstabe für Buchstabe von der Zellenwand. Hernach sah er sich das Ergebnis seiner Arbeit an, schien zufrieden und verschwand. Die „unbesiegliche Inschrift“ stand nun, farblos zwar, aber kämpferischer als zuvor, tief in die Mauer hineingeschlagen: „Hoch Lenin!“
Der Gefängnisdirektor gab schließlich den Befehl, die Mauer abzureißen und neu zu errichten.

Wittenberg:
Und wenn die Arbeiter sich nun absichtlich dumm angestellt hätten?

Monica:
Vorstellbar wäre das durchaus; ich meine, merkwürdig ist das Verhalten von Handwerkern allemal. — Insbesondere die Idee, die verbotene Inschrift zu allem Überfluss auch noch auszukratzen oder auszustemmen verdient Verwunderung. — So blöde kann eigentlich niemand sein, oder vielleicht doch?

Wittenberg:
Wie gefallen dir die Eisenbolzen in Lenins Kopf?

Monica:
Die sehen schlimm aus, abscheulich, wie das chirurgische Instrumentarium aus einem Horrorfilm.

Wittenberg:
Es geht immer um den Kopf.

Monica:
Daran wurden sicherlich die Drahtseile befestigt?

Wittenberg:
Und dann gingen die Werktätigen aus dem Westen endlich daran, Lenins Kopf abzuseilen. — Ich werde es nie vergessen.

Monica:
Es geht immer um den Kopf.
Es geht immer gegen den Kopf.
Es geht immer darum, einen klaren Kopf zu verhindern.
Es geht immer um die Herrschaft über die Köpfe.

Wittenberg:
Und der Kampf um die Köpfe wird mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln geführt.

Monica:
Und es ist auch nicht immer leicht, den Kampf um die Köpfe als solchen zu erkennen.

Wittenberg:
Das Ideologische, das Falsche, das Verkehrte, das Gefährliche weiß sich meistens gut zu tarnen.

Monica:
Ideologische Chimären.

Wittenberg:
Chimären sind perverse …

Monica:
… aus verschiedenen Tierarten, die sich nicht kreuzen lassen, zusammengesetzte Phantasmagorien.

Wittenberg:
Wohin gehen wir jetzt?

Monica:
Zum Reformationsplatz.

Wittenberg:
Ich frage mich bloß, warum sie Lenins Kopf auf die Seite gelegt haben?

Monica:
Vielleicht weil es so am einfachsten war? Wenigstens brauchten die Museumsleute keine komplizierten technischen Vorrichtungen zu entwickeln, um den Kopf aufrecht zu halten.

Wittenberg:
An Lenins Gesichtsausdruck wurde nicht manipuliert; die frischen Wunden im Granit würde man sehen können.

Monica:
Es hätte auch sicherlich in der Zeitung gestanden.

Wittenberg:
Oder im Internet, Monica, heutzutage stehen die wichtigen Sachen eher im Internet.

Monica:
Und was nicht im Internet steht, das gibt es nicht oder es ist nicht wichtig.

Wittenberg (nachdenklich):
Es sieht schon ein bisschen so aus, als ob Lenin schläft.

Monica:
Ein schlafender Riese …

Wittenberg (erfreut):
Ein schlafender Riese, der eines Tages wieder erwachen könnte?

Monica:
Wie Barbarossa? Der Kaiser Rotbart?

Wittenberg:
Warum nicht?

Monica:
Fürchtest du dich vor dem Tod, Wittenberg?

Wittenberg:
Vor dem Tod nicht, eher vor dem Sterben.

Monica:
Was stellst du dir vor?

Wittenberg:
Ich glaube, dass ich Krebs schrecklich finden würde.

Monica:
Wahrscheinlich gibt es niemanden, der das nicht ebenso empfinden dürfte.

Wittenberg:
Kehlkopfkrebs.

Monica:
Wieso gerade der?

Wittenberg:
Ich könnte mir vorstellen, dass ich das eines Tages kriegen werde.

Monica:
Aber wie kommst du nur darauf, Wittenberg?

Wittenberg:
Das hängt mit meinem kaputten Magen zusammen, mit dem ständigen säuerlichen Aufstoßen und dem Reflux in der Nacht.

Monica:
Und weiter?

Wittenberg:
Das reizt und schädigt die Schleimhäute im Rachenraum und in der Speiseröhre. Und wenn es richtig ist, dass Krebs sich vor allem an Epithelübergängen ausbildet, dann sind wir genau an der richtigen Stelle.

Monica:
Wenn die Zeit gekommen ist, wenn die Stunde schlägt, ist der Tod der beste Freund, den der Mensch jemals hatte.

Wittenberg:
Er nimmt dich in die Arme und begleitet dich auf deinem letzten Gang.

Monica:
Aber ist das nicht furchtbar morbide, was wir jetzt reden, Wittenberg? Wenn die Leute uns hören könnten …

Wittenberg:
Sie würden sich wundern, sich vielleicht sogar empören. Aber später, wieder zu Hause angekommen, würden sie vielleicht darüber nachdenken.

Monica:
Lenin wird für entsetzliches Unrecht verantwortlich gemacht.

Wittenberg:
Hauptsächlich von halbgebildeten Ideologen, die es ablehnen, sich gründlich mit ihm zu beschäftigen.

Monica:
Ein „lupenreiner Demokrat“ ist er aber sicherlich nicht gewesen.

Wittenberg:
Wohl kaum.

Monica:
Das scheint dich nicht besonders zu stören, Wittenberg, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf.

Wittenberg:
Es gab damals Bürgerkrieg, Hungersnöte und zu allem Überfluss auch noch Interventionen aus dem Ausland. Das gerade eben nach dem Ersten Weltkrieg neu formierte Polen hatte nichts Besseres zu tun, als Krieg gegen Russland zu führen. ─ Stalin hat den Polen das niemals vergessen.

(5. September 2016)

„Freie Affen“ Teil 12

Freie Affen Theaterstück Von Reinhard Tantow Berlin, April/Mai 2016

Zwölfte Szene: Behnitz und Kolk

Monica und Wittenberg, Anastasia und Zoltan haben sich zur katholischen Kirche St. Marien am Behnitz geflüchtet. Rechts neben der Kirche, vor einem kleinen Anbau, der sicherlich nicht als „Seitenschiff“ bezeichnet zu werden braucht, nach hinten versetzt, steht eine Bank, auf die Monica und Wittenberg sich setzen. Vor der Bank eine alte Brunneneinfassung aus Feldsteinen, etwa ½ Meter hoch. Die Kirchenfenster sind vergittert worden, um die bunten Scheiben vor den Steinwürfen der Vandalen zu schützen. Direkt oberhalb der Bank ist eins dieser Fenster zu sehen, links am Hauptgebäude ein oder zwei weitere, etwas größere. Rechts außen an dem Anbau das auffällige, helle Regenabflussrohr. Unweit der Bank, rechts, steht ein Abfallbehälter, der allerdings schon länger nicht geleert worden ist. Der Wind hat allerlei Müll aus Papier und Plastik in der kleinen gärtnerischen Anlage vor dem Zaun, der das Kirchengelände von dem benachbarten städtischen Kinderspielplatz trennt, verteilt.

Wittenberg:
Die Stadt und den Müll haben wir schon — jetzt fehlt uns nur noch der Tod.

Monica:
Sage mal, Wittenberg, wie kommst du bloß auf solche trüben Gedanken?

Wittenberg:
Das macht die Melancholie ganz automatisch.

Monica:
Dagegen solltest du aber dringend etwas unternehmen!

Wittenberg:
Leichter gesagt als getan.

Monica:
Juliane und ich, wir wollen ins Fitnessstudio gehen.

Wittenberg:
So? Warum denn?

Monica:
Das brauchst du nicht ganz genau zu wissen, Wittenberg, es handelt sich einmal mehr um eine Frauensache.

Wittenberg:
Frauensachen sind echt ätzend, meiner Meinung nach.

Monica:
Dann sollen es am besten auch unsere Sachen bleiben, Wittenberg, belaste deine komplizierte Psyche nicht zusätzlich damit.

Wittenberg:
Wollt ihr Muckis machen?

Monica:
Das sicherlich nicht, jedenfalls nicht in erster Linie; es geht um systematisches Bewegungstraining, um Dehnen und Strecken.

Wittenberg:
Früher wurden Menschen aus den niederen Ständen aufs Rad geflochten. Das war auch eine Art Einübung in Dehnen und Strecken.

Monica:
Wittenberg, deine Assoziationen sind heute wieder einmal vollkommen unmöglich!

Wittenberg:
Ich habe mir ein Messer gekauft.

Monica:
Was denn für ein Messer?

Wittenberg:
Das offizielle Kampfmesser der Bundeswehr. In einem Laden …

Monica:
Zeig her!

Wittenberg kramt in seinem Rucksack, sucht und findet endlich das Messer. Er reicht es Monica herüber. Die zieht das Messer vorsichtig aus der Messerscheide.

Monica:
Du musst vollkommen verrückt sein, Wittenberg!

Wittenberg:
Es war kein spontaner Kauf, das muss ich zugeben. — Ich ging mit der Idee gewissermaßen schwanger.

Monica:
Du hast etwas ausgebrütet?

Wittenberg:
Neulich in der U-Bahn. Ich wollte Gleisdreieck umsteigen, Richtung Ruhleben. Die Tür war schon offen, aber der Zug rollte noch langsam weiter. Plötzlich stand der Mann, der die Obdachlosenzeitung verkaufen wollte, hinter mir und flüsterte mir zu: „Spring doch! Warum springst du denn nicht? Traust du dich nicht zu springen?“ Dann kicherte er wie ein Irrsinniger, so als wäre er aus der Landesnervenklinik oder aus einem schlechten amerikanischen Gangsterfilm entsprungen. — Ich versuche, mich an das Gesicht des Mannes zu erinnern; es gelingt mir nicht.

Monica:
Das ist direkt unheimlich, Wittenberg, erzählst du mir auch die Wahrheit?

Wittenberg:
Es war ein kleiner Mann; er reichte mir höchstens bis zur Schulter.

Monica:
Einer, der dir bis zur Schulter reicht, ist immer noch ziemlich groß, du langes Elend.

Wittenberg:
Eben noch hatte er mit beachtlichem rhetorischem Geschick den Fahrgästen der BVG seine Postille angepriesen, dabei Friedfertigkeit und Harmlosigkeit heuchelnd, um gleich darauf einen Wildfremden zu provozieren, sich in Unfallgefahr zu begeben. — Denn das Abspringen von einem noch fahrenden Zug ist riskant. Wer solche Tricks nicht von Jugend auf eingeübt hat, sollte in späteren Jahren nicht mehr damit anfangen.

Monica:
Kam das unverhofft? Hast du ihm eine Zeitung abgekauft?

Wittenberg:
Nein, ich kaufe niemals etwas in der U-Bahn oder in der S-Bahn. — Ich müsste mein Portemonnaie hervorholen.

Monica:
Und?

Wittenberg:
Ich meine, schon damit würde ich mich angreifbar machen.

Monica:
Interessant …

Wittenberg:
Wahnsinnig interessant!

Monica:
Doch, schon. — Hattest du vielleicht eine Art Vorahnung?

Wittenberg:
Bestimmt ein unbehagliches Gefühl, als er hinter mir stand, noch bevor er zu sprechen begann — ja.

Monica:
Woran hast du in diesem Augenblick gedacht?

Wittenberg:
Daran, dass es in Berlin brutale Menschen gibt, die sich einen Spaß daraus machen, ihnen vollkommen Unbekannte vor den einfahrenden Zug zu stoßen.

Monica:
Und schützt du dich vor denen?

Wittenberg:
Wenn ich auf einen Zug warten muss, dann stelle ich mich immer mit dem Rücken zur Bahnsteigwand oder ich setze mich auf eine der Bänke, die normalerweise in der Mitte der Bahnsteige aufgestellt sind. Erst wenn der Zug eingefahren ist, gehe ich nach vorne zum Einsteigen. — Und wenn mir die eine Bahn zu voll ist, warte ich schon mal auf die nächste.

Monica:
Das grenzt aber bedenklich an Paranoia, findest du nicht?

Wittenberg:
Eine milde Form von Paranoia hat in Berlin noch niemandem geschadet.

Monica macht Anstalten, die Schärfe des Messers mit der Spitze ihres linken Zeigefingers zu prüfen.

Wittenberg:
Mach das lieber nicht, Monica! — Das Ding ist wirklich verdammt scharf.

Monica:
Was hat du damit vor, Wittenberg?

Wittenberg:
Ich weiß es noch nicht.

Monica:
Muss man langsam Angst vor dir bekommen?

Wittenberg:
Ich hoffe, dass das nicht der Fall sein wird.

Monica:
Aber du bist dir deiner selbst keineswegs sicher?

Wittenberg:
Nein.

Monica:
Deine tödliche Waffe ist hiermit beschlagnahmt, Wittenberg, du bekommst sie erst wieder zurück, wenn du klarer siehst.

Monica steckt das Messer wieder in die Messerscheide. Dann zieht sie ein recht großes, violettes Tuch aus der Brusttasche ihrer Jacke und wickelt das gefährliche Mordinstrument langsam, sorgfältig darin ein. Schließlich verstaut sie alles in den beträchtlichen Tiefen ihres stattlichen, vermutlich aus Bayern herstammenden Rucksackes.

Monica:
So! Die Gefahr ist zunächst einmal gebannt.

Wittenberg:
Wenn du es sagst, Monicaleben.

Monica:
Ich habe, ehrlich gesagt, schon daran gedacht, mir Pfefferspray zu besorgen.

Wittenberg:
Aber du hast es am Ende doch sein lassen?

Monica:
Nein, ich habe es mir anders überlegt.

Wittenberg:
Warum?

Monica:
Es kam mir plötzlich albern vor.

Wittenberg:
Albern?

Monica:
Es wäre in meinen Augen eine vollkommen inadäquate Überreaktion gewesen, wenn ich mich auf eine solch merkwürdige Weise bewaffnet hätte.

Wittenberg:
Außerdem kommt es beim Pfefferspray immer auf die Windrichtung an. Man muss höllisch aufpassen, sonst kriegt man das Zeug selber ins Gesicht.

Monica:
Was weißt du über Diabetes?

Wittenberg:
Wenig. — Wieso?

Monica:
Bei Julianes Mutter sind überhöhte Blutzuckerwerte festgestellt worden.

Wittenberg:
Manchmal fallen Diabetiker in Ohnmacht. Vor hier auf jetzt. Eben ist dein Chef noch dabei, dich anzuschnauzen, aber plötzlich und unerwartet sackt er in seinem Polstersessel zusammen und ist komplett weggetreten. Man muss ihn auf die Couch oder notfalls auf den Fußboden legen und sich um ihn kümmern. Am besten, man ruft für alle Fälle den Notarzt. Wahrscheinlich ist der Diabetiker längst wieder auf den Beinen, wenn der Rettungswagen eintrifft, aber Vorsicht ist bekanntlich die Mutter der Porzellankiste.

Monica:
Ein Schockzustand?

Wittenberg:
Gerade zum Beginn einer Diabetes-Therapie, wenn das richtige Medikament herausgefunden und die genaue Dosierung ermittelt werden muss, kann es zu solchen hypoglykämischen Zwischenfällen kommen. Deshalb sollten Zuckerpatienten stets etwas Zucker oder besser noch einen Apfel bei sich haben.

Monica:
Aber ich denke, Zuckerpatienten haben mehr als genug Zucker in ihrem Körper, im Blut und auch sonst, sogar im Urin?

Wittenberg:
Willst du dich ernsthaft mit dem Thema beschäftigen?

Monica:
Warum nicht?

Wittenberg:
Das Schlüsselwort, das auf der ganzen Welt verstanden wird, lautet: „Insulin“.

Monica:
Man müsste wissen, wie Insulin funktioniert.

Wittenberg (doziert):
Die Bauchspeicheldrüse ist ein kleines, längliches, fleischiges und doch weiches Organ. Es liegt zwischen Magen und Wirbelsäule in der Nähe des Zwölffingerdarmes. Die Sekrete der Bauchspeicheldrüse wurden als „Trypsin“, „Diastase“ und „Lipase“ bezeichnet. Es galt bereits als gesichert, dass sie eine überaus bedeutsame Rolle bei der Verdauung der Eiweiße, Kohlehydrate und Fette zu spielen hätten.
Der Pathologe Paul Langerhans, Professor an der Universität Freiburg im Breisgau, entdeckte 1869 unter dem Mikroskop einen Zelltypus im Pankreas, der sich im Aussehen völlig von allen anderen dort vorkommenden Zellen unterschied. Langerhans berichtete, diese Zellen sähen „wie Inseln“ aus. — Nach ihrem Entdecker wurden jene spezifischen und rätselhaften Zellstrukturen der Bauchspeicheldrüse als „Langerhans’sche Inseln“ benannt. Langerhans konnte allerdings noch nichts über die besondere Funktion „seiner“ Inselzellen aussagen.
Der amerikanische Pathologe Eugene Lindsay Opie stellte im Jahre 1901 fest, dass bei einigen Patienten, die an Diabetes gestorben waren, das Gewebe der Langerhans’schen Inseln geschrumpft und verhärtet war. Dr. Opie diagnostizierte einen Verfallsprozess, der auch an anderen Geweben festgestellt werden kann und als „hyaline Degeneration“ bezeichnet wird.
Zwei an der Universität Straßburg tätige deutsche Ärzte, Dr. Oskar Minkowski und Dr. von Mering, hatten bereits berichtet, dass ein Hund, dem das Pankreas experimentell entfernt worden war, nach wenigen Tagen schwer zuckerkrank geworden sei.
Mitten im Ersten Weltkrieg, 1916, war es dann der britische Physiologe Sir Edward Sharpey-Schafer, der die Theorie aufstellte, Diabetes entstehe und entwickele sich durch das Fehlen eines internen Sekrets der Langerhans’schen Inselzellen. Sharpey-Shafer gab der von ihm postulierten, wirkungsmächtigen Substanz den Namen „Insulin“ — nach dem lateinischen Wort „insula“ für „Insel“.
Damit war das Arbeitsprogramm einer neuen Forschergeneration vorgegeben: Es ging primär darum, etwaige Sekrete der Langerhans’schen Inseln zu isolieren, zu reinigen und zu standardisieren, um sie zunächst im Tierversuch und anschließend bei der Behandlung von Menschen erfolgreich und lebensrettend einsetzen zu können.
Von dem berühmten französischen Wissenschaftler Claude Bernard stammte die Hypothese, das Pankreas müsse als eine Art „Doppelorgan“ verstanden werden: Einerseits produziere es die bekannten Enzyme oder „Verdauungssäfte“ — ein Vorgang der „äußeren Sekretion“. Andererseits sei es durchaus vorstellbar, dass der vielleicht von den Langerhans’schen Inseln herstammende antidiabetische Faktor direkt in das Blut abgegeben werde, um hernach im Gesamtorganismus seine Wirkungen zu entfalten — dies wiederum sei als ein Vorgang der „inneren Sekretion“ aufzufassen. Das nach wie vor hypothetische „Insulin“ konnte somit unter die 1897 von den Engländern Bayliss und Starling vorgeschlagene Kategorie der „Hormone“ gefasst, also der Klasse jener Stoffe zugeordnet werden, die zunächst in einem bestimmten Gewebe oder Organ synthetisiert und durch das Kreislaufsystem verteilt, erst an einem entfernteren Ort ihren besonderen Wirkmechanismus zur Anwendung bringen.
Den entscheidenden Durchbruch zur Bekämpfung der damals oft tödlich verlaufenden Zuckerkrankheit verdankt die Menschheit dem Kanadier Frederick Grant Branding, seinem Mitarbeiter Charles Herbert Best, Amerikaner urkanadischer Herkunft, sowie den Hunden Susy und Marjorie, außerdem zahlreichen anderen Versuchstieren, die für die Isolierung des Insulins ihr Leben lassen mussten.
Dr. Branding hatte 1921 die im Rückblick einfach und folgerichtig erscheinende Idee — man muss nur eben im passenden Augenblick darauf kommen —, die Bauchspeicheldrüsen von Hunden durch Abbinden der Ausführungskanäle zum Zwölffingerdarm einer kontrollierten Atrophie zuzuführen. Nur diejenigen Zellen, die die Verdauungsenzyme produzieren, sollten verkümmern, nicht jedoch die Langerhans’schen Inseln. Aus den unbeschädigten Inselzellen wollten Branding und Best dann das theoretisch vorausgesagte Insulin in möglichst reiner Form, also unbeeinträchtigt von Beimengungen der Verdauungsenzyme, die vermutlich alle früheren Versuche, Diabetes mit Pankreas-Extrakten zu behandeln, fehlschlagen ließen, extrahieren.

Monica beugt sich zu Anastasia und Zoltan herab und streichelt sie liebevoll.

Monica:
Habt ihr genau zugehört, was Professor Wittenberg uns eben in populärwissenschaftlicher Privataudienz erzählt hat? Nein? Also wenn Susy und Marjorie nicht gewesen wären, müssten heutzutage noch immer viele Menschen an der Zuckerkrankheit elendiglich zugrunde gehen. — Was sagt ihr dazu?

Anastasia und Zoltan drängen zum Aufbruch. Sie springen ein paar Meter voraus und drehen sich dann nach Frauchen und Herrchen um, die endlich aufstehen und nachkommen mögen.

Wittenberg:
Hunde sind eben doch die besseren Menschen.

(1. September 2016)

„Freie Affen“ Teil 11

Freie Affen Theaterstück Von Reinhard Tantow Berlin, April/Mai 2016

Elfte Szene: Moritzstraße

Monica sowie Anastasia und Zoltan haben es sich einmal mehr in der Moritzstraße bequem gemacht. Sie sitzen aber nicht mehr in der Nähe der Apotheke, sondern etwas weiter westlich in Richtung Jüdenstraße. Der Second Hand Shop ist jetzt im Hintergrund rechts, links sehen wir eine kleine Pizzeria mit einigen Tischen und Stühlen auch auf der Straße.

Monica vertritt sich die Beine; Anastasia und Zoltan springen erst an ihr hoch und kabbeln sich dann untereinander. Juliane bringt erneut Wasser für die Wolfshunde. Zwei Herren im mittleren Alter sitzen zusammen an einem der Tische auf der Moritzstraße. Sie haben sich trockenen Weißwein und gebratenen Fisch bestellt.

Juliane:
Meine Mutter ist vor ein paar Tagen beim Arzt gewesen. Nicht beim Internisten, sondern bei ihrem Hausarzt, zu dem sie schon seit Jahrzehnten geht. Wenn es nicht missverständlich wäre, könnte man sagen, die beiden seien zusammen alt geworden.

Monica:
Und was hat der Doktor festgestellt?

Juliane:
Diabetes.

Monica:
Wow!

Juliane:
Ich war auch erst erschrocken, aber Mutti tröstete mich und sagte, das sei immer noch besser als Krebs.

Monica:
Fühlt sie sich denn krank?

Juliane:
Genau das ist das Merkwürdige: Wäre nicht dieser Routine-Check gewesen mit Laboruntersuchungen aller Art, dann hätte sie von ihren erhöhten Blutzuckerwerten einfach nichts gewusst.

Monica:
Diabetiker sind normalerweise leicht erschöpft; sie werden schnell müde.

Juliane:
Davon ist meine Mutter weit entfernt. Sie steht immer noch früh auf, macht ihren Haushalt, kümmert sich um den Garten, fährt mit dem Rad zum Friedhof, um unsere vielen Gräber zu pflegen. — „Wenn ich es nicht mache, macht es sowieso keiner,“ sagt sie immer mal wieder. Meine Brüder und ich nehmen den Vorwurf beschämt zur Kenntnis. Aber dann fügt sie lächelnd hinzu: „Na, Schwamm drüber!“ und füttert uns mit selbstgebackenem Streußelkuchen.

Monica:
Muss deine Mutter viel trinken? Und geht sie dementsprechend oft auf die Toilette? Kann sie nachts nicht durchschlafen, weil sie austreten muss?

Juliane:
Alle diese Fragen sind mir, ehrlich gesagt, noch nie eingefallen. Ich weiß verdammt wenig über die Zuckerkrankheit. — Und über meine Mutter …

Monica:
Es ist eine Volkskrankheit; das Volk hat Zucker.

Juliane:
Das Volk frisst auch viel zuviel Zucker.

Monica:
Zucker steckt unter Dutzenden von Namen fast überall drin — sogar im Rotkohl aus dem Glas. Zucker ist eine Droge. Man isst immer mehr davon. — Ich merke es an mir selber. Ich kaufe mir regelmäßig Braunen Kandis, also „Krusten Kandis“ aus der Sweet Family von Nordzucker für meinen Tee zum Süßen. Nun ist es so, dass der Braune Kandiszucker nicht in demselben Maße süßt wie weißer Zucker. Im Ergebnis tue ich immer mehr Stückchen, große und kleine, aber doch lieber große, in meinen Teepott.

Juliane:
Dr. Silberstein hat von „Risikofaktoren“ gesprochen.

Monica:
Diabetes gehört zu den Risikofaktoren für die Entstehung von Arteriosklerose.

Juliane:
Außerdem ungesundes Essen, Übergewicht, Bewegungsmangel, Fettstoffwechselstörungen, Lebererkrankungen, Bluthochdruck, Rauchen.

Monica:
In dem Fall hängt wieder einmal alles mit allem zusammen.

Juliane:
Auch psychosomatische Sachen soll es geben.

Monica:
Alkohol!

Juliane:
Das Merkwürdige ist nun aber, dass Dr. Silberstein von der Verschreibung von Medikamenten zunächst einmal abgesehen hat.

Monica:
Dr. Silberstein scheint ein kluger Mann zu sein, Juliane.

Juliane:
Er argumentiert, ein einziger Risikofaktor, nämlich der erhöhte Blutzuckerwert, sei längst kein Grund, einen Menschen zum Diabetiker, also zum ernsthaft Erkrankten zu stempeln.
Aber das ist noch längst nicht alles, Monica. — Dr. Silberstein führt seine Praxis, wie gesagt, seit Jahrzehnten. Ihm ist schon lange aufgefallen, dass der Grenzwert der Konzentration von Zucker im Blut, der den noch Gesunden vom schon Kranken scheiden soll, im Lauf der Zeit von der Wissenschaft, der Pharmazeutischen Industrie, den Gesundheitsorganisationen immer wieder herabgesetzt worden ist.
Und das heißt, dass heutzutage Menschen mit Blutzuckerwerten, nach denen vor 15 oder 20 Jahren kein Hahn gekräht hätte, auf die lange Liste der Patienten mit Diabetes gesetzt und mit teuren Medikamenten therapiert werden, obwohl das in zahlreichen Fällen gar nicht notwendig wäre.

Monica:
Mit dem hohen Blutdruck verhält es sich ganz ähnlich. Niedrigere „Normalwerte“ sind eine bestens erprobte Methode, den Absatz von blutdrucksenkenden Mitteln zu steigern.

Juliane:
Mutti hat sich mit Hilfe von Kalorientabellen einen Diätplan geschmiedet. Sie darf alles essen, was ihr schmeckt, aber verteilt über den Tag und — jetzt kommt die entscheidende Pointe — immer ein bisschen weniger als gewohnt. — Das klingt harmlos, hat es aber in sich. Der Mensch soll seine Gewohnheiten ändern. Das ist eine ungeheuerliche Zumutung. Man braucht dazu enorme Energien und Selbstdisziplin.

Monica:
Und jede Menge Motivation!

Juliane:
Wenn ich jetzt schon anfinge mit der Zuckerdiät, vorbeugend? — Diabetes soll auch eine erbliche Komponente haben.

Monica:
Wie sieht es bei dir aus mit — Schokolade?

Juliane:
Ich liebe Schokolade!

Monica:
Ich schlage dir vor, deine Liebe zur Schokolade zu einer Art Hassliebe umzugestalten.

Juliane:
Jeden Bissen mit Reue genießen?

Monica:
So ungefähr …

Juliane (trotzig):
Ich esse auch gerne Marzipan.

Monica:
Ich bin überzeugt, dass du noch ganz andere Sachen gerne isst, Julianchen!

Juliane (schnippisch):
War das eine Beleidigung?

Monica:
Um Himmels willen, nein!

Juliane:
Aber ich kann mir schon denken, worauf du anspielst.

Monica:
So? Worauf denn?

Juliane:
Auf meinen Arsch!

Monica:
Dein Hintern ist ganz entzückend, Juliane.

Juliane:
Nicht zu fett?

Monica:
Aber nein, wenn du dir angewöhnst, die Treppe zu nehmen, statt den Fahrstuhl, kannst du bald Nüsse damit knacken.

Juliane:
Dein Hintern ist schon ein wenig üppig, Monica, wo wir gerade davon sprechen.

Monica:
Ich weiß.

Juliane:
Hat Wittenberg nichts dagegen?

Monica:
Er soll sich hüten, auch nur ein einziges Wort darüber verlauten zu lassen, sonst …

Juliane:
Sonst was, Monica?

Monica:
Ich werde ihm eine eheähnliche Szene machen, deren Sinngehalt er mit in sein kühles Grab nehmen wird.

Juliane:
Aber ist es nicht besser, das Thema nicht zu tabuisieren?

Monica:
Mein kluges Kind, ich werde darüber nachdenken.

Juliane:
Nachdenken allein hilft nicht. — Wir könnten ins Fitnessstudio gehen.

Monica:
In ein Fitnessstudio nur für Frauen?

Juliane:
Nö, in ein stinknormales Fitnessstudio.

Monica:
Du willst dir unter den Augen von Männern den Allerwertesten abtrainieren?

Juliane:
Pourquoi pas, ma chère?

Monica:
Chuzpe!

Juliane geht wieder in ihren Laden, Monica setzt sich zu den Hunden auf die Decke. Sie sucht in ihrem Rucksack, findet ein Taschenbuch, blättert bis etwa zur Mitte und beginnt dann, darin zu lesen. Es handelt sich um Sartres „Bewusstsein und Selbsterkenntnis“. Den Herren am Tisch wird von einer kleinen asiatischen Kellnerin das Essen serviert.

Kellnerin (deutlich und akzentfrei, aber nicht übertrieben laut):
Meine Herren, ich wünsche Ihnen einen guten Appetit!

Herr Peter:
Vielen Dank.

Herr Jacobsohn:
Das sieht aber gut aus!

Die Kellnerin räumt ein paar Biergläser von den Nebentischen und verschwindet dann wieder im Lokal.

Herr Peter:
Schade eigentlich, dass „Nordsee“ in der Carl-Schurz-Straße zumachen musste.

Herr Jacobsohn:
Ich bin auch ganz gerne dort hingegangen; aber es war nicht billig. Und an manchen Tagen hätte das Essen ruhig etwas heißer sein dürfen.

Herr Peter:
Lauwarmer Fisch ist unangenehm.

Herr Jacobsohn:
Die Bratkartoffeln, das Gemüse… — Wenn das mein Restaurant gewesen wäre, ich hätte meinen Mitarbeitern die Leviten gelesen, das kannst du mir glauben.

Herr Peter:
Aber hier in der Moritzstraße kann man nicht meckern. — Und recht eigentlich betrachtet ist es ein Wunder, dass eine so kleine Restauration sich mit frischem Fisch belastet.

Herr Jacobsohn:
Warum nicht? Jetzt, wo die schier übermächtige Konkurrenz weg ist, handelt es sich nicht mehr um ein Wagnis.

Herr Peter:
In den Arcaden gibt es die letzte verbliebene „Nordsee“-Filiale, aber dort habe ich noch nicht gegessen.

Herr Jacobsohn:
Ich auch nicht, John, ich gehe nicht gern in die Arcaden, die Luft dort ist mir widerlich.

Herr Peter:
Hast du dir den Film angesehen?

Herr Jacobsohn:
Ja, gestern, in der Nacht.

Herr Peter:
Und? Wie fandest du ihn?

Herr Jacobsohn:
Recht merkwürdig, ehrlich gesagt.

Herr Peter:
Merkwürdig? Wieso merkwürdig?

Herr Jacobsohn:
Vor allem der Schluss ist verblüffend. Man denkt, der Hitler ist jetzt tot und fällt vom Dach, dann steht er plötzlich wieder hinter dir und erklärt, man könne ihn gar nicht umbringen, denn er stecke in jedem Deutschen tief drin.

Herr Peter:
Aber dumm ist das nicht, wenn man es sich in Ruhe überlegt.

Herr Jacobsohn:
Es bringt uns aber auch nicht weiter, fürchte ich.

Herr Peter:
Hitler quasi als Symbol des Aggressiven, des Dämonischen, des Bösen in uns, das immer vorhanden ist und bleibt, das niemals schläft, niemals wirklich, und nur auf die nächste Gelegenheit zu neuen ungeheuerlichen Verbrechen gegen die Menschheit lauert.

Herr Jacobsohn:
Meiner Meinung nach ist eine solche Sicht auf das historische Phänomen „Hitler“ vollkommen unzureichend oder unzulänglich.

Herr Peter:
Der Teufel — das war er!

Herr Jacobsohn:
Johnny, jetzt nimm aber wieder Vernunft an!

Herr Peter:
Aber ich bin vollkommen vernünftig, trinke meinen Wein, der übrigens nicht schlecht ist, ein wenig nüchtern vielleicht, esse meinen Fisch, den ich vorzüglich finde, und versuche, mit dir über einen Film zu diskutieren, der, wie ich meine, durchaus Interesse verdient.

Herr Jacobsohn:
Einverstanden, aber wir müssen uns darüber verständigen, welche kritischen, hier eben: filmkritischen Tendenzen wir verfolgen möchten. Eine bloße Psychologisierung Hitlers oder seiner Wiedergänger bringt keine neuen und verwertbaren Erkenntnisse.

Herr Peter:
Nein?

Herr Jacobsohn:
Hitler war Täter, aber auch Handlanger.

Herr Peter:
Banken, Versicherungen, Industrielle, Rüstungsfabrikanten standen hinter ihm. Das ist bekannt, soll aber nicht weiter bedacht und zur Systemfrage fortgeschrieben werden. Der ganze Komplex „Die Hitlerei als besondere Erscheinungsform des imperialistischen, räuberischen deutschen Kapitalismus in der ersten Hälfte des XX. Jahrhunderts“ wird wie ein besonders gefährliches Virus unter strikter Quarantäne gehalten.

Herr Jacobsohn:
Das heikle Thema wurde notgedrungen in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen angeschnitten, aber damit sollte es dann auch gefälligst sein Bewenden haben.

Herr Peter:
Alle diese Dinge haben in einem Kinofilm nichts zu suchen. Wer sich für die politische Ökonomie des Nationalsozialismus interessiert, soll, bitte sehr, die Stadtbibliothek aufsuchen.

Herr Jacobsohn:
Da ist was dran, leider.

Herr Peter:
Wie fandest du die Auftritte des neuen Hitlers am Brandenburger Tor oder auf dem NPD-Parteitag?

Herr Jacobsohn:
Schon erschreckend lebensecht. — Waren das echte NPDler? Die müssen doch das Filmteam bemerkt haben!

Herr Peter:
Sie dachten wohl, es handele sich um die üblichen Fernsehjournalisten — um Kameramänner für RTL oder für die Tagesschau.

Herr Jacobsohn:
Das immerhin könnte eine wünschenswerte Nachwirkung des Films ergeben: Dass die Zuschauer sich schmunzelnd von der NPD abwenden, weil sie sie endlich als abgrundtief dämlich durchschaut haben.

Herr Peter:
Aber diese Tumulte am Brandenburger Tor! Leute, die den Hitler erschlagen wollten, aber auch Leute, die ihn unter Einsatz von Gesundheit und Leben verteidigten.

Herr Jacobsohn:
Und die Verteidiger blieben Sieger, genau wie in der Weimarer Republik. Damals schon waren die Nazis stärker. — Ich meine: physisch stärker.

Herr Peter:
Dann die Interviews, die der wiedergekommene Hitler geben durfte, zum Beispiel dem leibhaftigen Herrn Jörg Thadeusz.

Herr Jacobsohn:
In diesen Szenen des Films sehe ich sogar eine gewisse Gefahr.

Herr Peter:
Jetzt übertreibst du aber, Siegfried.

Herr Jacobsohn:
Das ist ein altes Problem, mit dem sich früher oder später jeder Theaterautor, jeder Drehbuchentwickler konfrontiert sieht. Du kannst nicht dem Publikum über anderthalb oder zwei Stunden eine negative oder böse Figur vorführen, vorausgesetzt natürlich, es handelt sich um einen echten Charakter, ohne dass sich trotzdem gewisse Sympathien für sie bemerkbar machen, ohne dass sich die berühmten Identifikationen einstellen. — Wenn nun aber in einem Kintoppstück der Hitler ganz menschlich herüberkommt, also einigermaßen logisch argumentiert, sich als schlagfertig und humorvoll erweist, dann sagen sich die Leute am Ende womöglich unwillkürlich: „Also bitte, so schlimm ist der Hitler doch gar nicht. Es war bestimmt nicht alles falsch, was er gemacht hat. Die Autobahnen hat er so großzügig angelegt, dass wir sie heute noch benutzen können. Nur die Juden hätte er natürlich nicht umbringen lassen dürfen. Das war ein Fehler.“

Herr Peter:
Worauf willst du hinaus?

Herr Jacobsohn:
Ich fürchte, dass der Film der AfD eher nützt als schadet.

Herr Peter:
Aber die AfD kommt in „Er ist wieder da“ gar nicht vor.

Herr Jacobsohn:
Das spielt keine Rolle.

Herr Peter:
So, meinst du?

Herr Jacobsohn:
Ich glaube, der Film wird dazu beitragen, die rechten und rechtsradikalen Konkurrenten der AfD, also alle jene, die sich von der historisch restlos kompromittierten NSDAP nicht zu emanzipieren vermögen, endgültig ins Abseits zu schieben. Die AfD könnte mittelbar gestärkt aus dem Gelächter hervorgehen.

Herr Peter:
Als die einzig relevante nationalistische, konservative und ausländerfeindliche politische Vereinigung in Deutschland? Vergleichbar mit dem französischen Front National?

Herr Jacobsohn:
So ungefähr.

Herr Peter:
Na, dann „Gute Nacht, Deutschland!“

Herr Jacobsohn:
Frau Petry und Frau von Storch haben sich mit ihrem Gerede über Schießereien an der deutschen Grenze allerdings selber ins Bein geschossen.

Herr Peter:
Aber das Erschreckende ist, dass ihnen das nicht wesentlich geschadet hat.

Herr Jacobsohn:
Ihre Anhänger nehmen auch solche törichten Entgleisungen noch halbwegs billigend in Kauf. Höchstens kritisieren sie die Deutlichkeit der Ansprache.

Herr Peter:
Selbstverständlich hat jedes Land auf der Welt das Recht, seine Grenzen zu verteidigen. Und eine jede Regierung hat die Pflicht, die dafür notwendigen Maßnahmen zu ergreifen. In diesem Lichte betrachtet, stellt für mich die Öffnung der deutschen Grenzen für eine unkontrollierte Einwanderung von Hunderttausenden von Ausländern den bemerkenswertesten Akt staatlicher Illegalität in Deutschland seit Schröders völkerrechtswidrigem Angriffskrieg gegen Jugoslawien dar.

Herr Jacobsohn:
Der sozialdemokratische Bundeskanzler Schröder ist ein Kapitel für sich. Er hat einer Militarisierung der Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland Tür und Tor geöffnet. Frau Merkel und Frau von der Leyen beackern nur die Saat, die er aussäte.

Herr Peter:
Ein etwas peinlicher Sämann, aber er ging, wie erinnerlich, immer im Gleichschritt mit den einstmals pazifistischen Grünen um Außenminister „Joschka“ Fischer!

Herr Jacobsohn:
Und Frau Müller!

Herr Peter:
An die erinnere ich mich mit Grausen!

Herr Jacobsohn:
Wer war zu der Zeit US-Präsident?

Herr Peter:
Das müsste Clinton gewesen sein.

Herr Jacobsohn:
Ein Sozialdemokrat vom amerikanischen Typus.

Herr Peter:
Mit Sicherheit gab es damals gewaltige diplomatische Pressionen von Seiten der Vereinigten Staaten von Nordamerika, um Deutschland zum Mitmachen und Mitmorden zu zwingen.

Herr Jacobsohn:
Egon Bahr hat ein Buch darüber geschrieben.

Herr Peter:
Aber eine sozialdemokratische Partei, die ihren Namen noch verdient, hätte sich dem widersetzen müssen!

Herr Jacobsohn:
Ich glaube nicht, dass der Krieg gegen Belgrad überhaupt hätte stattfinden können, wenn Deutschland sich geweigert hätte, mitzumachen.

Herr Peter:
Ich wundere mich, dass der Schröder noch frei herumläuft. Den völkerrechtswidrigen Charakter seines Angriffskrieges gegen Serbien hat er selber öffentlich zugegeben, um seinen Kumpel Putin wegen dessen Annexion der Krim zu verteidigen, nach der Devise: „Wir haben völkerrechtswidrig gehandelt, also darf er das jetzt auch.“ — Das ist die bizarre politische Logik von monomanischen Marionettenspielern.

Herr Jacobsohn:
Am liebsten würdest du den Genossen Schröder wohl eigenhändig vor das Kriegsverbrechergericht in Den Haag stellen?

Herr Peter:
Das ist gar keine so schlechte Idee!

Herr Jacobsohn:
Auf die Beweisanträge freue ich mich jetzt schon.

Herr Peter:
Ein Haufen Propagandalügen würde auffliegen, spät, aber vielleicht nicht zu spät, bestens geeignet zur Erziehung, Bildung und Unterweisung der Nachgeborenen.

28. August 2016

„Freie Affen“ Teil 10

Freie Affen Theaterstück Von Reinhard Tantow Berlin, April/Mai 2016

Zehnte Szene: Klosterstraße

Wittenberg und Richard sitzen auf einer Bank vor dem alten, seit Jahren geschlossenen und verwahrlosten Postgebäude in der Klosterstraße, ganz in der Nähe vom Rathaus Spandau. — Richard trägt einen hellen Trenchcoat und hält eine abgenutzte, braune Aktentasche auf den Knien.

Wittenberg:

Und? Wie ist es auf dem Arbeitsamt gelaufen?

Richard:

Reine Zeitverschwendung, wie immer. Allem Anschein nach halten die einen Ingenieur aus Kasachstan für eine besondere Käsesorte.

Wittenberg:

Aber sie bestellen dich immer wieder hin, die Damen und Herren Arbeitsvermittler?

Richard:

Alles Routine. — Sie müssen einfach ihr persönliches und dienstliches Soll an sinnlosen Gesprächen erfüllen.

*
***
*

Wittenberg:

Du hast von dem ätzenden Schmähgedicht gegen den Staatspräsidenten von Transturkien, Herrn Hyrdülbogan, gehört?

Richard:

Wie schaffst du das bloß? Ich kann mir solche Namen beim besten Willen nicht merken.

Wittenberg:

Ich habe dafür lange gebraucht, bis ich das kleine Land zwischen der Türkei und Georgien auf meinem Atlas ausfindig machen konnte.

Richard:

Von Geographie haben die Berliner bekanntermaßen keinen blassen Schimmer. Sie halten ihre Heimatstadt für den Mittelpunkt der Welt und sehen keine besondere Notwendigkeit darin, ihr Gedächtnis mit überflüssiger Erdkunde zu belasten.

Wittenberg:

Schon merkwürdig, mit was für Verbündeten sich Deutschland noch immer umgeben zu müssen meint. Ich dachte bisher, solch groteske Potentaten wie Präsident Hyrdülbogan gebe es allenfalls in fast verblichenen Stummfilmen vom Beginn des XX. Jahrhunderts. Er lässt Menschen öffentlich mit Stockschlägen bestrafen. Mannigfaltige Folterpraktiken wirft Amnesty International ihm vor. Straftätern werden in Transturkien unter Berufung auf die Scharia Glieder amputiert. Sexuell hyperaktive Frauen müssen mit Steinigung rechnen. Es herrscht eine archaische Rechtsordnung, aber der bösartige Despot kriegt aus Deutschland die modernsten Waffensysteme geliefert, sogar mit Mengenrabatt. Außerdem stellt die Bundeswehr militärische Ausbildungsplätze an Akademien in Deutschland zur Verfügung und schickt bei Bedarf auch kundige Militärberater in die Hauptstadt von Transturkien oder in die vermeintlich von den Russen bedrohten nördlichen Provinzen.

Richard:

Der Satiriker Boemerfeldt darf froh sein, wenn er den grandios inszenierten Ärger um sein schweinisches Ziegenfickergedicht überlebt.

Wittenberg:

Stress? Herzinfarkt? Geheimnisvolle Giftsorten auf Schwermetallbasis? Radioaktiv, möglicherweise?

Richard:

Eine eiskalte Hinrichtung kommt meiner Ansicht nach schon eher in Betracht. — Der arme Mann steht längst unter Polizeischutz.

Wittenberg:

Du meinst …

Richard:

Er könnte einem Anschlag zum Opfer fallen.

Wittenberg:

Wie der Regisseur aus den Niederlanden? Wie war noch gleich sein Name?

Richard:

Den habe ich leider vergessen.

Wittenberg:

Er wurde wegen islamkritischer Filme getötet. Und seine Arbeiten werden bis heute in Deutschland einfach nicht im Fernsehen gezeigt. — Denn eine Zensur findet selbstverständlich doch statt!

Richard:

Ich wundere mich über Boemerfeldts Naivität. Er hätte als gewiefter Medienprofi, der er nun einmal ist, wissen müssen, worauf er sich einlässt.

Wittenberg:

Es wäre mir nicht im Traum eingefallen, besagten und betagten autoritären Potentaten Hyrdülbogan einen „Ziegenficker“ zu schimpfen.

Richard:

Weil es dir dazu an schmutziger Phantasie mangelt?

Wittenberg:

Vor ein paar Monaten, im Herbst, waren Monica und ich bei herrlichem Wetter im Tierpark Friedrichsfelde unterwegs. Dort gibt es ein riesiges Ziegengehege mit Ziegen in allen Formen und Größen, vielmehr Rassen und Arten. Darunter kräftige, weiße, zottelige Ziegen mit langen, geschwungenen und gewundenen Hörnern. Ich habe für wenig Geld ein Beutelchen Futter aus dem Automaten gezogen, es der Monica in die Hand gedrückt und anschließend die Nichtsahnende in das sandige Gehege hinein komplimentiert.

„Jetzt kommt Mäxchen,“ sagte eine Mutter zu ihren drei Kindern, „passt mal auf!“ Und in der Tat hob in ungefähr 50 Metern Entfernung eine der weißen Zottelziegen das gehörnte Haupt, erspähte die sich unsicher, mit kurzen, zaghaften Schritten der Herde nähernde fremde Frau im ureigenen Terrain und rannte sofort los, kleinere, unbeholfenere Ziegen beiseite schiebend, um sich einen angemessenen Anteil an den Leckereien zu sichern. Monica war auf den Ansturm des Ziegenbocks nicht vorbereitet; sie bemühte sich wie immer, alle Tiere gleichberechtigt und gerecht zu behandeln. Sie sah das Mäxchen nicht einmal herannahen.

Richard:

Du kanntest das zu erwartende Spektakel vermutlich schon von früheren Tierparksbesuchen her, du hinterlistiges Früchtchen?

Wittenberg:

Nun, möglicherweise. Jedenfalls wusste die freche Kampfziege sich bemerkbar zu machen und stupste mit ihrem hörnerbewehrten Schädel gegen Monicas dickes Hinterteil. Sie schob Monica tatsächlich wie im Zirkus ein Stück vor sich her. Es war zum Schreien komisch, und wir Zuschauer hatten einen Heidenspaß. Die Kinder quietschten vor Begeisterung und klatschten sogar unwillkürlich in die Hände, ganz so, als wollten sie einer Vorstellung im Kasperletheater Beifall spenden.

Richard:

Wittenberg …

Wittenberg:

Und nun stelle dir bitte bildlich vor, wie jener grauenerregende Staatspräsident Hyrdülbogan den Versuch wagt, unser lebenslustiges Mäxchen zu vögeln!

Richard:

Ein Fiasko!

Wittenberg:

Ganz genau, denn der Präsident Hyrdülbogan müsste ein stahlharter Mann wie aus einem amerikanischen Superheldencomic sein, selbst um die geringste unserer berlinischen Ziegen zu bändigen. Er würde es höchstens schaffen, wenn ihm ein ganzes, speziell geschultes Armeekorps dabei hilfreich zur Seite stünde.

Richard:

Ich nehme alles zurück, Wittenberg, an schmutziger Phantasie fehlt es dir wirklich nicht.

Wittenberg:

Man könnte natürlich argumentieren, eigenwillige Ziegenböcke kämen als Sexualpartner für operettenhafte Staatspräsidenten sowieso nicht in Frage; es müsse auf jeden Fall eine relativ wehrlose weibliche Ziege dran glauben — in einem polymorph perversen Akt von heterosexueller Sodomie.

Richard:

Sagt man „Sodomie“? Ist das nicht das, was Schwuchteln tun? — Weibliche Ziegen haben auch wesentlich kleinere Hörner.

Wittenberg:

Daran kann man sie vielleicht erkennen. — Ich sollte wieder einmal auf einem Bauernhof Urlaub machen.

Richard:

Dass mir keine Klagen kommen, Wittenberg, ich möchte nichts Ungezogenes mehr von dir hören.

*
***
*

Wittenberg:

Was sagst du zu unserem schäbigen Postgebäude mitten im Spandauer Zentrum? Für mich handelt es sich dabei um eine politische Perversion besonderer Art.

Richard:

Eine Schande?

Wittenberg:

Ein kommunalpolitischer Offenbarungseid.

Richard:

Wem gehört das eigentlich alles?

Wittenberg:

Einer schwäbischen Hausfrau vielleicht?

Richard:

Rede keinen Unsinn, Wittenberg.

Wittenberg:

Es ist allem Anschein nach ein Ding der Unmöglichkeit, mit den Grundeigentümern auch nur in Kontakt zu treten.

Richard:

Aber der eine oder andere Investor als bürgerlicher Hoffnungsträger muss den Kaufvertrag doch bereitwillig unterschrieben haben!

Wittenberg:

Darauf kannst du einen lassen, Kasache.

Richard:

Ohne die Fakten zu kennen, möchte ich mich zu der Angelegenheit nicht äußern.

Wittenberg:

Der aktuelle Zeitungsartikel von Herrn Döhring bringt im Prinzip nichts Neues. — Alle paar Jahre bekommen wir einen ähnlichen Text zu lesen, es werden politische Initiativen versprochen, auch das bitterböse Wort „Enteignung“ kommt dem einen oder anderen Bezirksverordneten wie ein melancholischer Hauch über die schmalen Lippen. — Aber das alles verpflichtet zu nichts, und die verdammte Ruine bleibt stehen.

Richard:

Als „Ruine“ kann man das Gebäude wirklich nicht bezeichnen. Im Gegenteil, die Bausubstanz scheint recht robust zu sein.

Wittenberg:

Wenn ich ehrlich sein soll, ich habe schon hässlichere Bauwerke gesehen.

Richard:

Meiner Ansicht nach müsste man zuerst das Hochhaus gegenüber abreißen. Dann hätte Spandau ein unbebautes Filetgrundstück als Verhandlungsmasse, und die Karten könnten neu gemischt werden.

Wittenberg:

Wie stellst du dir das vor?

Richard:

Wenn du ein Problem in einem System nicht lösen kannst, musst du das System unter Umständen zumindest eine Zeitlang verlassen.

Wittenberg:

Und weiter?

Richard:

Ein unbebautes Grundstück mitten in der Stadt lockt normalerweise die Bauherren an wie ein Haufen Scheiße die Fliegen.

Wittenberg:

Was ist eigentlich drin in der Scheiße, das für die Schmeißfliegen, die man getrost auch „Scheißfliegen“ nennen könnte, so attraktiv ist?

Richard:

Vom Scheißer ungenutzte Nährstoffe vermutlich.

Wittenberg:

Der gewesene Fraktionsvorsitzende der Piraten vertritt die Auffassung, man müsse eine Investorenentscheidung unbedingt respektieren.

Richard:

Nein, man muss eine Investorenentscheidung provozieren.

Wittenberg:

Aber wie stellst du dir das konkret vor?

Richard:

Vielleicht sollten wir sogar im Dreieck denken.

Wittenberg:

Im Dreieck, natürlich.

Richard:

Die Arcaden, das Postamt und das Jugendamtshochhaus bilden eine Art städtebaulich zu entwickelndes Dreieck, sogar, wenn wir wollen, mit phantastischen Anbindungsmöglichkeiten an die Havel.

Wittenberg:

Aber wie bekommst du die Verbindung zwischen den vielerlei Investoreninteressen hin?

Richard:

Eben durch die zu erbringende Vorleistung des Abrisses des Hochhauses durch den Bezirk Spandau oder durch die große Stadt Berlin.

Wittenberg:

Das kapiere ich nicht, Richard Löwenherz.

Richard:

Ganz klar ist es mir auch noch nicht.

Wittenberg:

Nicht?

Richard:

Ich stelle mir vor, dass der ökonomische Druck, den die Neuinvestoren ausüben werden, den inaktiven Altinvestor endlich in Zugzwang bringt. Er könnte dann mitmachen und mitverdienen oder verkaufen und mitverdienen.

Wittenberg:

Jedenfalls verdienen?

Richard:

Er hat das Grundstück und das Postamt seit Jahren unter Kontrolle als Faustpfand und Spekulationsobjekt. Wenn er aber den Eindruck gewinnt, jetzt endlich seinen Reibach machen zu können, dann wird er sich eventuell bewegen.

Wittenberg:

Was hältst du von der Parole „Enteignung“?

Richard:

Das wird schwierig werden, und zeitraubend ist es sowieso.

Wittenberg:

Aber nicht unmöglich?

Richard:

Das Postamt liegt im Sanierungsgebiet Wilhelmstadt?

Wittenberg:

Ja.

Richard:

Ich bin mir nicht sicher, ob das die Chancen zu einer Enteignung erhöht.

Wittenberg:

Aber es verschlechtert sie auch nicht?

Richard:

Ich fürchte, das Sanierungsgebiet allein ist noch kein ausreichendes Argument. Es müsste ein überzeugendes Konzept, eine alles überstrahlende Idee entwickelt und planungsrechtlich abgesichert werden, um das Gemeinwohl gegen das Investorenwohl in Stellung bringen zu können.

Wittenberg:

Im Baugesetzbuch finden sich Ansatzpunkte.

Richard:

Aber das deutsche Baugesetzbuch ist kein sozialrevolutionäres Manifest.

Wittenberg:

Es existiert ein Gutachten von einem über Berlin hinaus bekannten Planungsbüro. Darin wird der fehlende Anschluss der Wilhelmstadt an das Berliner Schnellbahnnetz beklagt.

Richard:

Das müssten unsere ehemaligen „Volksparteien“ aufgreifen und vorantreiben.

Wittenberg:

Die werden sich hüten.

Richard:

Vor Hitler gehörte es zu den Grundprinzipien der BVG, die Außenbezirke mit der Innenstadt zu verbinden und umgekehrt.

Wittenberg:

Auch das scheint nach dem Vorbild des Kollegen Alzheimer allmählich in Vergessenheit geraten zu sein. Nicht nur die Wilhelmstadt, auch Pichelsdorf, Heerstraße-Nord, Staaken, der gesamte Spandauer Süden, über Gatow, Hohengatow und Kladow bis nach Potsdam, hat keinen U-Bahn-Anschluss.

Richard:

Die Grünen werden mit Sicherheit dagegen argumentieren. Denn für all das schöne Geld, das für die Verlängerung von zwei Spandauer U-Bahnlinien aufgewendet werden müsste, könnte man zahllose Kilometer Radwege bauen.

Wittenberg:

Die Straßenbahn wäre eine prima Alternative.

Richard:

Der wiederum steht, wie man hört, unser Bezirksbürgermeister Hellmuth Kleeberger durchaus wohlwollend gegenüber.

Wittenberg:

Auch Stadtrat Mullicke könnte sich auf der Heerstraße eine Straßenbahn, die die ewigen Buskolonnen ersetzt, durchaus vorstellen. Aber die kleinen und mittleren Funktionäre im und um das Bezirksamt herum werden hemmend einzuschreiten wissen. — Wenn unser braver Bürgermeister wüsste, wie höhnisch seine eigenen Leute ihn manchmal hinterrücks belächeln, würde er sich vermutlich seine zwei oder drei Gedanken machen.

*
***
*

Richard:

Wittenberg, ich fürchte, du hast dich in der Politik, in der SPD in eine ähnlich schwierige Situation manövriert, wie dir das regelmäßig beim Schachspielen passiert. ─ Immer wieder!

Wittenberg:

Der Eindruck drängt sich mittlerweile auf, sogar mit Macht. Monica mokiert sich fast jeden Tag in ganz ähnlicher Weise.

Richard:

Du müsstest dir angewöhnen, die Entwicklungsgeschichte der SPD in den letzten 100 Jahren als einen naturhistorischen Prozess zu begreifen.

Wittenberg:

Schön …

Richard:

Vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges nach Jahrzehnte währendem Imperialismus, über die verratene Novemberrevolution, die gescheiterte Weimarer Republik und die grauenvolle Nazizeit bis heute.

Wittenberg:

Und?

Richard:

Eine solche Perspektive wäre überaus nützlich für deine mentale Gesundheit, Wittenberg.

Wittenberg:

Ich fasse es nicht!

Richard:

Der deutsche Arbeiter ist ein Spießbürger. Das hatte bereits Walther Rathenau klar erkannt. In diesem Lichte betrachtet, bekommt der inzwischen spektakulär motorisierte Subalterne Heinz mit seiner SPD genau die politische Führung, die er verdient ─ konterrevolutionär bis auf die Knochen und verlogenen Bündnissen mit militaristischen Kräften keineswegs abgeneigt.

Wittenberg:

Der sozialdemokratische Funktionär der Gegenwart dillettiert in Bildungspolitik, macht menschenfreundliche Sozialreformen nach Kassenlage und interessiert sich zunehmend wieder für Religionsdinge.

Richard:

Ich spreche von Krisenzeiten, Wittenberg. ─ Die SPD ist nicht prinzipiell gegen Gewalt. Man muss genauer hinschauen und sich dabei nicht einschüchtern lassen. Die SPD lehnt Gewalt oder genauer: Gegengewalt gegen die erwiesenermaßen gewalttätigen bürgerlichen Klassen ab, aber mörderische Gewalt gegen die eigenen Leute hält sie leider im missverstandenen Interesse des Staatserhaltes von Zeit zu Zeit für unverzichtbar.

Wittenberg:

Ich weiß das wohl, Richard, aber was soll man dagegen machen?

Richard:

Du zahlst auch noch Beitrag dafür, verschwendest deine kostbare Lebenszeit für Parteiveranstaltungen, wirst gemobbt und verachtet, als linksradikal diffamiert. Warum tust du dir das an?

Wittenberg:

Aber wenn den Linken in der SPD am Ende nichts Besseres einfällt als der Parteiaustritt, dann machen die Rechten ewig so weiter.

Richard:

„Nichts ist ewig,“ sagen die Indianer, „nur die Sonne und die großen Berge.“

Wittenberg:

Soll ich vielleicht eine Splitterpartei gründen?

Richard:

Jetzt übertreibst du wieder, Wittenberg.

Wittenberg:

Oder einer Splitterpartei beitreten?

Richard:

Das bliebe zu überlegen.

Wittenberg:

Von der aktuell umtriebigsten Spandauer Splitterpartei hast du schon gehört?

Richard:

Nein, leider noch nicht.

Wittenberg:

Dann will ich dich gerne aufklären …

Richard:

Ich bitte darum!

Wittenberg:

Also …

Richard:

Man beginnt ein politisches Referat nicht mit „also“, Wittenberg, das solltest du langsam wissen.

Wittenberg:

Nun gut …

Richard:

Das ist auch nicht viel besser.

Wittenberg:

Tatsache ist …

Richard:

Das lässt sich hören, Wittenberg, konzentriere dich bitte auf die Tatsachen.

Wittenberg:

Es geht um die WisS …

Richard:

Um die was?

Wittenberg:

Wählerinitiative soziales Spandau — abgekürzt: großes „W“, kleines „i“, kleines „s“, großes „S“.

Richard:

Zweimal großes „S“ ginge schlecht, dann hätten wir wieder die „SS“.

Wittenberg:

Meinst du, das würde schlimme historische Erinnerungen wecken?

Richard:

Was sind das für Leute?

Wittenberg:

Wenn du mich fragst, und du fragst mich ja, dann sind das politisch gescheiterte Sozialdemokraten und listige, eigennützige Piraten, die sich die neuerdings wieder aufgebrochenen Protestpotentiale nutzbar machen möchten.

Richard:

Eine Splitterpartei mehr für den Misthaufen der Geschichte?

Wittenberg:

Ich frage mich ernsthaft, Kasache, wer dir solch schmutzige deutsche Vokabeln beigebracht haben könnte.

Richard:

Die habe ich mit der Muttermilch aufgesogen, Wittenberg, alter Flegel.

Wittenberg:

Der eine oder andere Grüne wird sicherlich auch mittun wollen bei der WisS.

Richard:

Wird die Spandauer SPD gegenhalten?

Wittenberg:

Keine Ahnung.

Richard:

Hat die SPD in Spandau überhaupt die Kraft, auf solche unverhofften Herausforderungen zu reagieren?

Wittenberg:

Nehmen wir unseren ehemaligen sozialdemokratischen Genossen Neuhoff zum Exempel. Der war bis zum Februar 2016 Vorsitzender der Abteilung Südpark/Tiefwerder der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. — Eine sozialdemokratische Abteilung in Berlin ist gleich einem sozialdemokratischen Ortsverein in Westdeutschland. — Außerdem arbeitete er im Büro des SPD-Bundestagsabgeordneten Schulzendorff. Der wiederum hatte maßgeblichen Anteil daran, dass Neuhoff überhaupt für zwei Jahre den Abteilungsvorsitz Südpark/Tiefwerder übernehmen konnte. Agitatorischer Telefonsex als interne Wahlkampfhilfe, wenn du verstehst, was ich meine. Neuhoffs Hauptanliegen als Abteilungsvorsitzender war es, seine Position zu festigen und bei den nächsten Wahlen in Berlin in aussichtsreicher Position für die Spandauer Bezirksverordnetenversammlung kandidieren zu dürfen. Das ist nämlich keineswegs ein Ehrenamt und dient vielen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten zur Aufbesserung ihrer Renten. Kommunalpolitisches Engagement und Sachverstand sind dabei eher weniger gefragt; als Auswahlkriterium dient in erster Linie unbedingte Ergebenheit dem Kreisvorsitzenden gegenüber.

Richard:

Aber der schlaue Plan des ambitionierten Genossen Neuhoff ging nicht auf?

Wittenberg:

Die, die ihn anfangs in der Abteilung als Übergangsfigur unterstützten, um bestimmte oppositionelle Vagabunden zu verhindern, ließen ihn aus Langeweile bald wieder fallen. Er wurde als Abteilungsvorsitzender nicht wiedergewählt, und eine Kandidatur zur BVV kam überhaupt nicht in Frage. Daraufhin trat er prompt aus der Partei aus und schmiss sogar seinen Job als Mitarbeiter des Genossen Bundestagsabgeordneten Schulzendorff hin. — Die Überraschung zumindest war ihm gut gelungen. Einen solch drastischen Schritt aus lauter Verzweiflung hätte niemand von uns erwartet.

Richard:

Hat er inzwischen bessere Geldquellen für sich aufgetan?

Wittenberg:

Das weiß ich nicht; so genau kenne ich ihn nicht.

Richard:

Eine gewisse Risikobereitschaft scheint dem Mann nicht abzusprechen zu sein.

Wittenberg:

In der Spandauer SPD hatte jedenfalls auch Neuhoff sich in ein rechtschaffen auswegloses Endstadium hinein manövriert.

Richard:

Diese Bürgerinitiative oder meinetwegen: „Wählerinitiative“ geht also in allererster Linie gegen die SPD?

Wittenberg:

„Wählerinitiative“ bedeutet dem Wortsinne nach: eine Initiative von Wählern. Davon kann keine Rede sein. Eher handelt es sich um eine Initiative gegen die Wähler; sie sollen nämlich verleitet werden, ihre wertvollen Stimmen an eine Splitterpartei zu verschwenden. Ebenso gut könnten sie ihre Stimmzettel auch gleich in den Papierkorb schmeißen.

Richard holt aus seiner Aktentasche zwei große Dosen Schultheiss-Bier.

Richard:

Dagegen wollen wir aus dem Blech einen trinken!

Wittenberg:

Bedauerlicherweise sind immer nur ein paar Schluck in so einer Büchse, dann ist sie leer.

Richard:

Das Leben ist eben großenteils ungerecht.

Wittenberg:

Das Leben ist eben genau, wie es ist. Es kann nichts dafür, dass die Menschen sich Illusionen machen.

Richard:

Die Illusion der Freiheit, die Illusion der Gerechtigkeit, die Illusion der Solidarität, die Illusion der Demokratie.

Wittenberg:

Um nur die bekanntesten, am weitesten verbreiteten zu nennen!

Richard:

Die Illusion der Gesundheit …

Wittenberg:

… als eine der letzten großen politischen Lügen unserer Zeit.

(21. August 2016)

„Freie Affen“ Teil 9

Freie Affen Theaterstück Von Reinhard Tantow Berlin, April/Mai 2016

Neunte Szene: Moritzstraße, Südseite

Monica und Wittenberg, Anastasia und Zoltan sitzen diesmal nicht auf der nördlichen Seite der Moritzstraße, vor Apotheke und Second Hand Shop, sondern genau gegenüber auf der Südseite. Hinter ihnen befindet sich die gerade neu eröffnete Fast-Food-Filiale der Firma Burger Prince. Als Reklamemaskottchen dient eine Figur, die aus der Entfernung an Elvis Presley und an Michael Jackson erinnert, aus der Nähe betrachtet aber einem Comic für Kinder entsprungen sein könnte. Die schwarzen Haarsträhnen des Jungen weisen in alle erdenklichen Himmelsrichtungen; seine großen, neugierigen Augen sind grün; eine spitzige Stupsnase gibt ihm einen besonders pfiffigen Gesichtsausdruck. Er ist auffällig schlank, trägt einen silbrigen Popstaranzug und hat, in scheinbarem Widerspruch dazu, eine kleine rote Schürze umgebunden, auf der wiederum er selbst abgebildet ist. Zu sehen ist das Maskottchen auf der Markise des Geschäfts, auf Aufklebern an den Fenstern und auf lebensgroßen Aufstellern in der Moritzstraße und in der Carl-Schurz-Straße, die auf der linken Seite der Bühne angedeutet ist. Die Moritzstraße und die Carl-Schurz-Straße wurden von Burger Prince mit Hunderten bunten Luftballons geschmückt. Zwei Angestellte, eine Frau und ein Mann, verteilen Reklamezettel an die Passanten.

Monica und Wittenberg spielen auf ihrer Decke „Mensch ärgere Dich nicht“. Monica hat die blauen Steine, Wittenberg die roten.

Monica:

Ist er Türke?

Wittenberg:

Das nicht gerade.

Monica:

Was dann?

Wittenberg:

Diese Dinge werden in der Partei nicht in aller Ausführlichkeit erörtert.

Monica:

Aber viele Leute denken, es handele sich um einen Türken.

Wittenberg:

Ich glaube, man begeht keinen allzu großen Fehler, wenn man ihn als Palästinenser bezeichnet.

Monica:

Palästina?

Wittenberg:

West Bank.

Monica:

Das Existenzrecht Israels gehört zur deutschen Staatsraison; das Existenzrecht Palästinas ist uns hingegen reichlich schnuppe.

Wittenberg:

Es handelte sich um Terroristen damals aus Palästina, die uns unsere wunderbare, bezaubernde Olympiade in München kaputtgemacht haben. Es hätte die schönste Olympiade aller Zeiten werden sollen und vielleicht auch werden können. Wir waren auf gutem Wege. Die Eröffnungsfeier wird vielen Zuschauern unvergesslich geblieben sein. Joachim Fuchsberger als Stadionsprecher. Musik von Martin Böttcher. Das ist der Karl-May-Filme-Komponist. Der feierliche Einzug der Nationalmannschaften ins Münchener Olympiastadion. Es war ein herrliches Fest. — Wir baten damit die Völker der Welt: „Bitte, vergebt uns unsere Schuld.“

Monica:

Ich habe davon gehört. — Wann genau war das?

Wittenberg:

Die Sommerolympiade von 1972 in München.

Monica:

Und richtige Terroristen?

Wittenberg:

Sie nannten sich „Schwarzer September“. Unsere Sicherheitskräfte waren total überfordert.

Monica:

Hat es viele Tote gegeben?

Wittenberg:

Alle jüdischen Geiseln wurden getötet, auch alle Terroristen, wenn ich mich recht entsinne.

Monica:

Auch tote Polizisten?

Wittenberg:

Ich erinnere mich nicht mehr an alle Einzelheiten, aber ich glaube, Polizisten waren nicht unter den Opfern. — Das finale Massaker ereignete sich auf dem Gelände des Flughafens Fürstenfeldbruck. — Der Spielfilm „München“ von Steven Spielberg handelt von der mörderischen Rache des israelischen Geheimdienstes an den Hintermännern des „Schwarzen Septembers“.

Monica:

Es ist gemein, unpolitische Sportler als Geiseln zu nehmen.

Wittenberg:

Aber ist es auch gemein, mit gleicher Münze heimzuzahlen und die vermeintlich Schuldigen ohne Gerichtsurteil mit dem Tode zu bestrafen?

Monica:

„Auge um Auge …“

Wittenberg:

Ich wusste gar nicht, dass es so viele Regeln gibt beim „Mensch-ärgere-Dich-nicht“-Spielen.

Monica:

Regeln, die unbedingt einzuhalten sind.

Wittenberg:

Sonst wären es keine Regeln.

Monica:

Vielleicht ist das sogar der pädagogische Hintersinn von solchen Spielen: Die Kinder sollen die Bedeutung von Regeln zumindest erahnen.

Wittenberg:

Der politische Traum unseres palästinensischen Kreisvorsitzenden besteht darin, dass um das Jahr 2030 eine muselmanische Frau zur Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland gewählt wird.

Monica:

Für dich wäre das wohl eher ein Albtraum, nicht wahr?

Wittenberg:

Ich bin kein Ausländerhasser, Monica.

Monica:

Hat er das offiziell erklärt? Oder war das parteiintern abends in der Kneipe?

Wittenberg:

Nein, nein, bei einem öffentlichen Auftritt in der Kultur-Universität von Istanbul, September 2015.

Monica:

Kann es vielleicht sein, dass der Spandauer Kreisvorsitzende der SPD ein aufgeschlossener, moderner Politiker ist, der sich für das friedliche Zusammenleben von Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen einsetzt?

Wittenberg:

Das will ich gar nicht bestreiten, Monica.

Monica:

Aber was nörgelst du dann beständig herum an dem Mann, Wittenberg?

Wittenberg:

Ich meine, dass eine SPD, die sich in der Hauptsache um Religionsdinge bekümmert, sich nicht wundern sollte, wenn sich die Wähler, die andere Interessen verfolgen, enttäuscht von ihr abwenden.

Monica würfelt wieder und schlägt dann einen von Wittenbergs roten Steinen.

Wittenberg:

Deine Technik beim „Mensch ärgere Dich nicht“ ist in hohem Maße provozierend, wenn du mir die Bemerkung gestatten möchtest.

Monica:

Ich gestatte keineswegs, Wittenberg, und drohe dir hiermit eine schallende Ohrfeige an.

Wittenberg:

Aber wenn du mich erst laufen lässt, um mich dann kurz vor dem Ziel herauszuschmeißen, dann erinnert mich das stark an eine Katze, die mit der Maus ihr Todesspiel treibt.

Monica:

Das hast du nicht unsensibel beobachtet, alter Lustmolch.

Wittenberg:

Du gibst es also zu?

Monica:

Ich gebe niemals etwas zu, das solltest du inzwischen gelernt haben, vor allem nicht — die Tatsachen.

Mrs. Sanders kommt aus der Carl-Schurz-Straße um die Ecke in die Moritzstraße. Sie hat Christoph Haase im Schlepptau, den Fraktionsvorsitzenden der SPD in der Spandauer Bezirksverordnetenversammlung.

Mrs. Sanders:

Bitte, schauen Sie sich das an, Herr Haase! So geht das nun schon seit Wochen. Ihr Genosse Wittenberg und seine Gespielin Monica lungern ohne Sinn und Verstand in der Altstadt herum und ängstigen Kunden und Passanten mit ihren Wolfshunden, die von richtigen Wölfen kaum zu unterscheiden sind. — Ich fordere Sie auf, dagegen einzuschreiten. Bitte, sprechen Sie endlich ein Machtwort!

Haase:

Mit Machtworten ist es bei Wittenberg so eine Sache. Er hört einfach nicht.

Mrs. Sanders:

Aber haben Sie denn keinerlei Möglichkeiten zur Disziplinierung? Können Sie ihn nicht aus der Partei ausschließen lassen?

Haase:

Das wäre ein langwieriges Verfahren. Man müsste dem Genossen parteischädigendes Verhalten nachweisen. Außerdem würde Wittenberg den Rummel um seine Person sicherlich genießen, Statements abgeben, Schmähepisteln verbreiten.

Mrs. Sanders:

Sie wollen sich nicht mit ihm anlegen, habe ich das richtig verstanden?

Haase:

Wir haben in einigen Monaten Abgeordnetenhauswahlen in Berlin, Mrs. Sanders, und müssen unsere bescheidenen Kräfte auf das Wesentliche konzentrieren.

Mrs. Sanders:

Aber für die gedeihliche wirtschaftliche Entwicklung der Spandauer Altstadt ist es durchaus von Bedeutung, ob halbverrückte Sozialdemokraten weiterhin ungestört hier herumlungern dürfen oder nicht!

Haase:

Über welche Instrumentarien verfügen Sie denn in Ihrer Eigenschaft als hohe Repräsentantin des Altstadt-Managements?

Mrs. Sanders:

Mir sind leider in vielfältiger Hinsicht die Hände gebunden.

Haase:

Ach!

Mrs. Sanders:

Ich hätte sehr gerne einen schlagkräftigen Sicherheitsdienst an meiner Seite. Dagegen gibt es zur Zeit erstaunlicherweise noch Widerstände.

Haase:

Ich verstehe.

Mrs. Sanders:

Wir haben ein ganzes Bündel, einen ganzen Haufen von Institutionen, die sich angeblich um das Wohlergehen der Altstadt bemühen. Bei näherer Betrachtung stellt sich allerdings oftmals heraus, dass eher gegeneinander als miteinander gearbeitet wird.

Haase:

Sehr bedauerlich.

Mrs. Sanders:

In London hatte ich es wesentlich einfacher.

Haase:

Vielleicht sollten wir einen Arbeitskreis gründen?

Mrs. Sanders:

Verscheißern kann ich mich alleine, Herr Haase.

Haase:

Ich bitte vielmals um Verzeihung, Mrs. Sanders. Ich werde mich mit Wittenberg unterhalten.

Mrs. Sanders:

Tun Sie das, Herr Haase, tun Sie das! — Guten Tag.

Mrs. Sanders geht nach rechts durch die Moritzstraße ab. Sie verabsäumt nicht, Zoltan und Anastasia einen misstrauischen Blick über die Schulter zuzuwerfen. Christoph Haase geht auf Monica und Wittenberg zu. Die Hunde bellen ein wenig, geben aber gleich wieder Ruhe.

Haase:

Wittenberg, was hat das alles zu bedeuten?

Wittenberg:

Nichts weiter.

Haase:

Aber du musst doch wenigstens für dich selbst einen Sinn darin sehen, hier in aller Öffentlichkeit zu kampieren. — Nein?

Wittenberg:

Es handelt sich um keinerlei Manifestation oder Demonstration. Wir spielen „Mensch ärgere Dich nicht“. — Möchtest du vielleicht mitspielen? Monica hat verschärfte Regeln eingeführt. Man darf nicht nur, sondern man muss einen gegnerischen Stein nach rückwärts schlagen, wenn die Augenzahl stimmt.

Haase:

Nach rückwärts?

Monica:

Normalerweise zieht und schlägt man beim „Mensch ärgere Dich nicht“ nur vorwärts. Das hat sich nun grundlegend geändert. Wenn du eine Drei würfelst und ein feindlicher Stein steht drei Felder hinter dir, dann musst du zuerst diesen Stein schlagen, sonst wird — gepustet.

Haase:

Gepustet?

Wittenberg:

Genau, dein eigener Stein kommt auf Anfang, weil du die neue Regel nicht beachtet hast.

Haase:

Aber ihr beiden Anarchisten dürft doch nicht einfach die Regeln des „Mensch-ärgere-Dich-nicht“-Spiels ändern. — Wo kämen wir da hin? Wenn das jeder machte, könnte bald überhaupt nicht mehr „Mensch ärgere Dich nicht“ gespielt werden!

Wittenberg:

Ich war auch erst dagegen. Dann jedoch stellte sich heraus, dass das Spiel dadurch interessanter und abwechslungsreicher wird, besonders wenn vier Personen mitmachen. Man wird ständig gezwungen, in beiden Richtungen zu denken, vorwärts und rückwärts.

Ein Angestellter von Burger Prince, der wie das Firmenmaskottchen gekleidet ist und auch eine schwarze Perücke trägt, um die Ähnlichkeit noch etwas deutlicher zu machen, bringt Softdrinks und Hamburger für Monica und Wittenberg.

Angestellter:

Mit freundlicher Empfehlung des Hauses Burger Prince!

Der Mann macht sogar eine leichte Verbeugung, dann will er wieder abgehen. Ein Fotograf ist im Hintergrund aufgetaucht und ruft ihn zurück.

Fotograf:

Einen Moment bitte, junger Mann! — Wir brauchen erst noch ein Foto. Ihr Chef hat sicherlich nichts dagegen.

Der Angestellte kommt wieder zurück und stellt sich neben Monica und Wittenberg. Anastasia und Zoltan schnüffeln an den Hacksteaks. Christoph Haase steht verlegen etwas abseits.

Fotograf:

Kommen Sie Herr Haase, seien Sie kein Spielverderber! Mit Ihnen auf der rechten Bildseite kommen wir zu einem ausgewogenen Arrangement, das bestimmt Aufmerksamkeit erregen wird.

Christoph Haase tritt zögernd näher.

Haase:

Übertriebene Aufmerksamkeit für Monica und Wittenberg möchten wir allerdings tunlichst vermeiden.

Fotograf:

Ein kleines Stückchen noch, Herr Haase, und jetzt ein freundliches Gesicht, wenn ich bitten darf. — Wunderbar! Ich bedanke mich herzlichst!

Der Fotograf hat ein paar Aufnahmen gemacht und zieht zufrieden ab durch die Moritzstraße. Der Angestellte geht zurück ins Burger Prince. Monica nimmt die Hacksteaks aus den Hamburger-Brötchen und füttert damit Anastasia und Zoltan.

Wittenberg:

Ob das Zeug auch gut ist für die Hunde?

Monica:

Ich meine, es wird nicht gleich Gift sein, was sie den Leuten verkaufen.

Wittenberg:

Bist du sicher?

Haase:

Ich muss mich leider verabschieden.

Wittenberg:

Die Pflicht ruft, was, Genosse Haase?

Haase:

Du hast es erfasst, Wittenberg. — Und wirst du über das nachdenken, was ich gesagt habe?

Wittenberg:

Ich verspreche, ich werde an nichts anderes mehr denken, Christoph. Ich mache mir sogar einen doppelten Knoten ins Taschentuch.

Monica:

Wittenberg ist nämlich normal kein besonders nachdenklicher Mensch, Herr Haase.

Haase:

Ach, schert euch doch zum Teufel, ihr beiden Spinner!

Christoph Haase enteilt durch die Carl-Schurz-Straße (links) in Richtung Rathaus.

(19. August 2016)

„Freie Affen“ Teil 8

Freie Affen Theaterstück Von Reinhard Tantow Berlin, April/Mai 2016

Achte Szene: Moritzstraße, Nordseite

Monica und die beiden Wolfshunde haben es sich einmal mehr in der Moritzstraße bequem gemacht. Juliane bringt wieder Wasser für die Tiere. In dem Augenblick kommt Mrs. Sanders aus der Apotheke. Sie trägt einen eleganten hellen Sommermantel offen über einem grauen Kostüm. (Dazu vielleicht einen lindgrünen Seidenschal und graue Wildlederschuhe.) In der linken Hand hält sie ein stattliches, schwarzes Walkie-Talkie.

Mrs. Sanders:

Meine Damen, ich habe ernsthaft mit Ihnen zu reden.

Juliane:

So?

Monica:

Guten Tag, Mrs. Sanders.

Mrs. Sanders (zu Monica):

Ihren Namen kenne ich leider noch nicht.

Monica:

Das ist schade, Mrs. Sanders.

Mrs. Sanders:

Möchten Sie sich vielleicht vorstellen?

Monica:

Darüber denke ich gerade nach.

Mrs. Sanders:

Herr Dr. Krauth hat mich soeben über das Gespräch informiert, das er neulich mit Ihnen geführt hat. Sie erinnern sich?

Monica:

Vage, äußerst vage bloß, Mrs. Sanders.

Mrs. Sanders:

Es ging dem Herrn Apotheker um das höchst malerische Bild, das Sie und Ihr Kumpan, der, wie ich hörte, von allen nur „Wittenberg“ genannt wird, für seine werte Kundschaft abgeben, die ungestört bei ihm pharmazeutischen Rat einholen und Medikamente einkaufen möchte.

Juliane:

Der Apotheker ist Monica ziemlich unverschämt gekommen. Dabei hatte sie nichts getan.

Mrs. Sanders:

Sie sind Frau Juliane Zimmermann? Sie führen den Second Hand Shop gleich hier nebenan?

Juliane:

Richtig.

Mrs. Sanders:

Dann sollten Sie entschieden mehr Verständnis für die Sorgen und Nöte Ihrer Handelskollegen aus der Spandauer Altstadt entwickeln — und zwar möglichst umgehend.

Juliane:

Das tue ich doch! Ich nehme sogar regelmäßig an den Sitzungen zur Bürgerbeteiligung am Sanierungsgeschehen teil, obwohl mir das nach der Arbeit oft nicht leicht fällt.

Mrs. Sanders:

Es ist mir schlechterdings unbegreiflich, Frau Zimmermann, wie Sie solch zigeunerhaftes Herumlungern quasi direkt vor Ihrer Ladentüre auch noch unterstützen können. Es muss Ihnen doch einleuchten, dass ein anständiges, bürgerliches Publikum, wie wir es für unsere City Performance dringend brauchen und dementsprechend keinesfalls verärgern wollen, sich geniert, wenn es sich seinen Weg in die Geschäfte an äußerst fragwürdigen Gestalten vorbei gewissermaßen erst erkämpfen muss.

Juliane:

Jetzt übertreiben Sie aber, Mrs. Sanders. — Monica und Wittenberg sprechen niemanden an. Sie betteln nicht. Wenn ihnen ein Passant eine Münze schenkt, nehmen sie sie natürlich dankend an.

Monica:

In Deutschland sagt man auch nicht mehr „Zigeuner“, Mrs. Sanders, das wird zunehmend als diskriminierend empfunden.

Mrs. Sanders:

Ich glaube, ich träume! Jetzt muss ich mich vielleicht noch vor Ihnen rechtfertigen?

Monica:

Das wäre zumindest einer kurzen Überlegung wert, Mrs. Sanders. Sie würden damit am Ende vor sich selbst bestimmt besser dastehen.

Mrs. Sanders:

Ich bin aus London hierhergekommen, um Ordnung zu schaffen, und glauben Sie mir, es wird mir auch gelingen.

Monica:

Davon bin ich überzeugt, Mrs. Sanders.

Juliane:

Nach den Besprechungen im Bürgerforum hatte ich mir Ihre Tätigkeit für uns in der Altstadt allerdings ein wenig anders vorgestellt.

Mrs. Sanders:

Und wie, wenn ich fragen darf?

Juliane:

Ich dachte, Sie würden neben bestimmten Ordnungsvorstellungen auch eine Art weltstädtisches Flair aus Ihrer fabelhaften Hauptstadt mitbringen. Wissen Sie, ich habe einige Jahre in Pimlico gelebt. London hat mich mächtig beeindruckt. Westminster Abbey vor allem. Die Kirche ist für mich ein Symbol der Hoffnung dafür, dass aus uns Menschen vielleicht eines Tages doch noch etwas wird.

Mrs. Sanders:

Ausgerechnet Pimlico — ich fasse es nicht!

Juliane:

Ich meine, es ist vollkommen korrekt, wenn Sie Ladendiebe unbarmherzig verfolgen und ihrer gerechten Bestrafung zuführen, keine Frage, aber das kann doch nicht alles sein. Was wir in erster Linie benötigen, das sind kreative Phantasien und produktive Inspirationen.

Mrs. Sanders:

Vielleicht sollten Sie zunächst einmal und vor allen Dingen Ihr Ladenlokal regelmäßig lüften, Frau Zimmermann.

Juliane:

Gute Idee, Mrs. Sanders, ich verabschiede mich.

Juliane nickt Monica und Mrs. Sanders kurz zu, dann beugt sie sich zu den Hunden herab, streichelt sie flüchtig und verschwindet in ihrem Second Hand Shop.

Mrs. Sanders:

Über Ihre beiden Haustiere müssen wir uns ausführlicher auseinandersetzen, Frau …

Monica:

Monica.

Mrs. Sanders:

Frau Monica …

Monica:

Monica genügt, Mrs. Sanders.

Mrs. Sanders:

Also gut, Monica, Sie können nicht Wölfe in der Altstadt von Spandau frei herumlaufen lassen. Das ist beängstigend und irrsinnig. Ich verbiete Ihnen das hiermit ein für allemal. Haben Sie mich verstanden?

Monica:

Anastasia und Zoltan sind keine Wölfe.

Mrs. Sanders:

Sie sehen Wölfen aber verdammt ähnlich, finden Sie nicht auch?

Monica:

Es handelt sich um Wolfshunde aus Irland.

Mrs. Sanders:

Aus Irland ist selten etwas Gutes gekommen.

Monica:

Es sind Rassehunde. Wir besitzen sogar einige Papiere, die es Kennern ermöglichen, ihre Zucht oder ihre Herkunft nachzuverfolgen.

Mrs. Sanders:

Ich schlage vor, Sie besprechen das in aller Ruhe mit Ihrem famosen Herrn Wittenberg. Auf dessen bessere Einsicht kann ich nur hoffen. Sollten Sie sich weiterhin quer stellen, dann bekommen Sie es mit mir zu tun. — Ich habe Sie gewarnt. Guten Tag.

Mrs. Sanders geht ab nach links in Richtung Jüdenstraße und Altstädter Ring.

(17. August 2016)

„Freie Affen“ Teil 7

Freie Affen Theaterstück Von Reinhard Tantow Berlin, April/Mai 2016

Siebente Szene: Süd Bistro, Carl-Schurz-Straße

Wittenberg und sein alter Freund Richard, Russlanddeutscher aus Kasachstan, sitzen im Süd Bistro in der Carl-Schurz-Straße und spielen Schach. Wittenberg hat noch nie ein Spiel gegen Richard gewinnen können, aber er gibt die Hoffnung nicht auf, dass ihm das eines Tages vielleicht doch noch gelingen könnte.

An der Bistrowand hinter den beiden Schachspielern sind einige Plakate aufgehängt. Eins davon ist besonders auffällig: Eine junge Frau mit knabenhaft kurz geschnittenen schwarzen Haaren, sonst aber überhaupt nicht knabenhaft, sitzt allein an einem Bistrotisch, vor sich ein Glas Weißwein, eine Schachtel Zigaretten, einen gläsernen Aschenbecher; in der rechten, senkrecht nach oben gehaltenen Hand eine brennende Zigarette. Den schönen Kopf an die graue Wand des Zimmers gelehnt, die Augen offen, aber nicht unbedingt auf einen Gegenstand des Interesses gerichtet, die vollen Lippen geschlossen, wirkt die Frau in sich gekehrt, nachdenklich; sie möchte wohl, in diesen Augenblicken, lieber nicht gestört werden. Es handelt sich um eine Schwarz-Weiß-Aufnahme. Man sieht die junge Frau — wie alt mag sie sein? 25 vielleicht? — im Profil. Ihr Blick geht nach rechts. Links über ihr, angeschnitten, ein altes Blechschild, dessen Text auf „DDR“ endet; rechts über ihr ein Plakat „Kalinka“, das in englischer Sprache auf eine Veranstaltung mit den „Russian Folk Dancers from Vladimir“ hinweist. Rechts außen, hinter dem Bistrotisch, ein Fenster ohne Gardinen, das den Blick auf einen Hinterhof freigibt. Unter der Fotografie haben die Grafiker des Aufbau-Verlages ein Zitat aus Christa Wolfs „Nachdenken über Christa T.“ plaziert:

„Obwohl zum Innehalten

die Zeit nicht ist,

wird einmal keine Zeit mehr sein,

wenn man jetzt nicht innehält.“

Wittenberg:

Wer ist am Zug?

Richard:

Du bist am Zug.

Wittenberg:

Ich bin am Zug?

Richard:

Ein Schachspieler, der nicht einmal weiß, wann er am Zug ist, sollte gar nicht erst anfangen.

Wittenberg:

Dieses Mal werde ich dich aber schlagen — unerbittlich!

Richard:

Aber dazu musst du zunächst wissen, wann du am Zug bist, sonst geht es nicht.

Wittenberg:

Ich habe mir eine famose Eröffnung ausgedacht, die dich in arge Bedrängnis bringen wird.

Richard:

Eröffnungen sind Eröffnungen. Sie bringen niemanden in Bedrängnis. Das kommt später, im Mittelspiel und im Endspiel.

Wittenberg:

Mein Mittelspiel ist ziemlich schwach, nicht wahr?

Richard:

Ich würde es diplomatischer ausdrücken, um dich nicht zu verärgern.

Wittenberg:

Diplomatie ist mir wurscht.

Richard:

Ich weiß.

Wittenberg:

Diplomatie ist bloß ein anderes Wort für Verlogenheit, für staatlich organisierte Verlogenheit.

Richard:

Man kann nicht immer mit dem Vorschlaghammer agieren, Wittenberg, das ist auf die Dauer zu anstrengend.

Wittenberg:

Aber man muss offen und ehrlich aussprechen, was ist.

Richard:

Nicht in jedem Fall.

Wittenberg:

Nicht?

Richard:

Nein.

Wittenberg:

Aber …

Richard:

Du bist am Zug.

Wittenberg:

Schon wieder?

Richard:

Es geht abwechselnd.

Wittenberg:

Eine Freundin von mir traut sich schon nicht mehr in die U-Bahn. Sie ist überaus niedlich und wird ständig von Ausländern angemacht.

Richard:

Wie angemacht?

Wittenberg:

Verfolgt, angesprochen, auch angefasst.

Richard:

Hat sie ein Handy dabei?

Wittenberg:

Schon, aber was soll ihr das nützen?

Richard:

Sie könnte damit telefonieren.

Wittenberg:

Sie lässt sich nichts gefallen, sie schimpft, brüllt, schreit. — Die Migrationshintergründe laufen dann zum Glück immer gleich weg.

Richard:

Wenn einem im Ozean ein Haifisch begegnet, soll man auf ihn zu schwimmen.

Wittenberg:

Du sprichst in Rätseln, alter Junge.

Richard:

Der Haifisch ist es nicht gewohnt, dass Meeresbewohner auf ihn zu schwimmen. Die Regel, die er kennt, ist, dass alles Lebendige vor ihm zu fliehen versucht.

Wittenberg:

Aber Asylanten sind keine Haifische?

Richard:

Nicht unbedingt, aber sie verhalten sich allem Anschein nach zunehmend räuberischer.

Wittenberg:

Sie sind vermutlich so erzogen, dass Frauen, die ohne männliche Begleitung unterwegs sind, als leichte Beute betrachtet werden dürfen und eine Art Freiwild darstellen.

Richard:

Leichte Beute …

Wittenberg:

… für den Haifisch.

Richard:

Die Aufregung über die Ereignisse in Köln zu Neujahr hat sich inzwischen wieder gelegt.

Wittenberg:

Das ist vollkommen normal in Deutschland: Erst wird ein riesiger Medienhype in Szene gesetzt, dann kehrt langsam Ruhe ein, schließlich geht das ganze Theater bei passender Gelegenheit wieder von vorne los.

Richard:

Gab es überhaupt eine einzige Festnahme, die auch zu einer Verurteilung geführt hat?

Wittenberg:

In Köln? Nicht, dass ich wüsste. — Fremde, die in Massen agieren, sind erfahrungsgemäß schwer zu beschreiben. Die Opfer konnten keine konkreten Anschuldigungen gegen bestimmte Personen erheben, also gab es auch keine zielführenden Ermittlungsverfahren.

Richard:

Die Polizei hätte gleich in der Nacht rigoros einschreiten müssen.

Wittenberg:

Das war, glaube ich, politisch nicht gewollt. Denn wenn die Polizei eingeschritten wäre, hätte sie unter Umständen von der Schusswaffe Gebrauch machen müssen. Nichts dämpft bekanntlich die geile Vorfreude eines womöglich syphilitischen Sexualstraftäters gründlicher als ein gezielter Pistolenschuss in die Geschlechtsteile. Aber dann hätte Deutschland einmal mehr als aggressiver Nazi-Staat in der Zeitung gestanden. Folglich mussten die bedrängten und vergewaltigten Frauen von der ausführenden Staatsmacht kühl kalkuliert im Stich gelassen werden. — Es ergab sich wie zwangsläufig aus der unübersichtlichen Situation und dem übergeordneten Interesse an halbwegs befriedeten Verhältnissen im Inneren.

Richard:

Situation — im weitesten Sinne des Wortes?

Wittenberg:

Eine in dieser Dimension komplett neue Situation, genau, aber ich fürchte, wir lernen nicht genug daraus.

Richard:

Niedere Dämonen, die sich austoben wollten?

Wittenberg:

Jedenfalls kein multikultureller Beitrag zur Vermehrung der Freundlichkeit in der Welt.

Richard:

Schach!

Wittenberg:

Schach?

Richard:

Ein kleiner Angriff nur, zum Warmspielen gewissermaßen, du wirst ihn überstehen.

Wittenberg:

Aber du hast mir doch eben noch erzählt, Eröffnungen seien relativ harmlos. — War das eine Falle?

Richard:

Du musst besser aufpassen und vor allen Dingen strategischer denken. Es genügt nicht, den nächsten und vielleicht noch den übernächsten Zug in den Blick zu nehmen.

Wittenberg:

Monica hat im Internet ein Video gefunden, in dem ein Komödiant vom NDR sich nicht entblödete, die Flüchtlingsproblematik für endgültig gelöst zu erklären. Der Mann argumentiert in seinem Sketch etwa folgendermaßen: Deutschland hat 80 oder 81 Millionen Einwohner. Wenn nun im letzten Jahr zirka 1 Million Flüchtlinge hinzugekommen sind, dann macht das 1/80 oder 1/81 oder 1/82, also zwischen etwas über 1 % und allerhöchstens 2 % der Gesamtbevölkerung aus. Daraus lasse sich selbstverständlich keineswegs eine substanzielle Bedrohung der christlichen Kultur des Abendlandes herleiten. Im Gegenteil, es gebe schlicht und ergreifend gar keine Flüchtlingsproblematik. Der Comedian kletterte sportlich über die Rückenlehne seines Sitzmöbels, ließ zwei sympathische Leute aus dem im Hintergrund positionierten Publikum aufstehen und erbrachte so umgehend den augenscheinlichen Beweis, dass diese beiden Menschen vollkommen ungefährlich seien.

Richard:

Früher nannte man dergleichen Simplifizierungen eine „Milchmädchenrechnung“. — Gibt es den Ausdruck heute noch im Deutschen?

Wittenberg:

Und ob es den Ausdruck noch gibt!

Richard:

Obwohl die spindeldürren Milchmädchen, die selber etwas mehr Milch und vor allem auch Sahne gut hätten vertragen können, seit Jahrzehnten schon in die Sozialgeschichte des deutschen Staates eingegangen sind?

Wittenberg:

Danach wird schon lange nicht mehr gefragt.

Richard:

Aber wenn du erst zu Einfluss und Macht gekommen sein wirst, soll sich das alles grundlegend ändern, was?

Wittenberg:

Wenn ich endlich König von Deutschland wäre? Aber ich bin mittlerweile vollkommen isoliert in der SPD.

Richard:

Kein Wunder, Wittenberg.

Wittenberg:

Für mich noch ein Malzbier. Und du?

Richard:

Schwarzbier, ‘nen Henkel.

Wittenberg:

Wenn du erst betrunken bist, steigen meine Chancen im Schachduell sprunghaft an. — Vielleicht möchtest du ein großes Glas Wodka ins böhmische Bier? Damit es nicht zu süß schmeckt?

Richard:

Ich denke auch, die eine Million Flüchtlinge aus dem letzten Jahr können wir in Deutschland recht und schlecht verkraften. Kritisch wird es, wenn jedes Jahr eine weitere Million hinzukommen sollte.

Wittenberg:

Es hat sich nun aber leider herausgestellt, dass überproportional viele Mitglieder des Deutschen Gewerkschaftsbundes die AfD gewählt haben. Die Gewerkschaftsspitze gibt sich überrascht und beunruhigt.

Richard:

Gewerkschaftsbonzen sind hervorragend kluge Persönlichkeiten. Es gelingt ihnen immer wieder, Jahr für Jahr, sich von den schwer malochenden Arbeitern und Angestellten ein gutes Gehalt bezahlen zu lassen.

Wittenberg:

Aber interessant ist es schon, dass ausgerechnet Gewerkschaftler AfD wählen. Besonders wenn man bedenkt, dass die AfD sich vor den Landtagswahlen in einem Programmentwurf dezidiert gegen den Mindestlohn ausgesprochen hatte.

Richard:

Das hat Frau Petry mittlerweile korrigiert. Jetzt ist die AfD für den Mindestlohn.

Wittenberg:

Außerdem waren bestimmte Gewerkschaften, aber nicht alle, auch lange Zeit gegen den Mindestlohn. Die Genossen Oberärsche begründeten ihre feindselige Grundhaltung damals mit dem Argument, die Tarifautonomie werde durch eine Mindestlohnregelung gefährdet; sie müsse unbedingt erhalten bleiben. Dabei will niemand die Tarifautonomie abschaffen. Es geht lediglich um die verbindliche Festlegung der untersten Grenze dessen, was kampfesmüde Gewerkschaftsführer in Zukunft allenfalls noch unterschreiben dürfen.

Richard:

Immerhin, ver.di war für den Mindestlohn.

Wittenberg:

Auch die Sozialdemokraten hätten in zwei Amtszeiten unter Bundeskanzler Schröder genügend Zeit gehabt, den Mindestlohn einzuführen. — Sie dachten gar nicht daran.

Richard:

Wenn die Arbeitsmarktreformen von Anfang an mit einem Mindestlohn gekoppelt worden wären, sähen die Dinge heute vielleicht etwas anders aus.

Wittenberg:

Meinst du wirklich?

Richard:

Dann wäre möglicherweise die massive Beschädigung der Arbeit oder der Arbeitskraft in Deutschland vermieden worden und das berühmte „Prekariat“ zumindest in solch erschreckendem Umfang gar nicht erst entstanden.

Wittenberg:

Aber die Hervorbringung eines ausufernden Niedriglohnsektors war doch gerade der politische, soziale und ökonomische Sinn von Hartz IV.

Richard:

Eben, deshalb gab es unter Schröder keinen Mindestlohn.

Der Wirt kommt mit einem kleinen Tablett an den Tisch von Wittenberg und Richard. Er räumt die leeren Gläser ab.

Wirt:

Möchtet ihr noch etwas bestellen?

Wittenberg:

Noch ein Malzbier und noch ein Schwarzbier, bitte.

Wirt:

Kommt sofort!

Der Wirt bleibt einen Augenblick stehen und begutachtet kritisch den Stand der Schachpartie.

Wirt:

Das sieht gar nicht gut aus für dich, Wittenberg. Wenn du es mit einem überlegenen Gegner zu tun hast, solltest du wenigstens auf eine Rochade hinarbeiten. Deshalb verlierst du trotzdem, aber die Niederlage wirkt weniger schmachvoll. — Im Unterschied zu der von Hertha letztens gegen Mönchengladbach!

Wittenberg:

Für mich ist es faszinierend zu sehen, mit welcher Selbstverständlichkeit die ehemaligen Kronländer der Habsburger-Monarchie sich um ihre natürliche Hauptstadt Wien versammeln, um der deutschen Ausländerei geschlossenen Widerstand entgegenzusetzen. Die alten, lange Zeit für überwunden gehaltenen Gegensätze zwischen West- und Osteuropa brechen im Nu wieder auf.

Richard:

Das sind alles halbwegs vernünftige Gedanken, die du dir machst, Wittenberg, aber es gelingt dir leider nicht, an den Kern des Problems heranzukommen.

Wittenberg:

Und der wäre?

Richard:

Deutschland hat sich außenpolitisch in eine fatale Abhängigkeit von der Türkei hineinmanövriert. Wir sind erpressbar geworden.

Wittenberg:

Aber was soll man machen?

Richard:

Es handelt sich, möglichst genau besehen, um eine für Deutschland ungemein gefährliche Abhängigkeit von einem reaktionären, nationalistischen, sogar expansionistischen Türkentum, das nicht einmal davor zurückschreckt, ein russisches Kampfflugzeug abzuschießen. — Wir dürfen von Glück sagen, dass Präsident Putin noch einmal Gnade vor Recht hat ergehen lassen.

Wittenberg:

Hattest du eine strengere Bestrafung der Türkei erwartet?

Richard:

Das ist nicht einfach zu beurteilen und zu bewerten. Wenn Russland auf die türkische Aggression, die freilich nicht völlig unerwartet kam, mit einem kraftvollen militärischen Gegenschlag reagiert hätte, wären die Türken weinend zu Frau Merkel, zu Präsident Hollande und zu Barack Obama gelaufen und hätten um die Bündnishilfe der NATO gefleht. Der Weltfrieden wäre in Gefahr geraten. — Wieder einmal liegt Brandgeruch über unserem kleinen Planeten Erde.

Wittenberg:

Es gibt keinen Weltfrieden.

Richard:

Bezeichnen wir als „Weltfrieden“ provisorisch und pragmatisch das zeitweilige Nichtvorhandensein eines Weltkrieges.

Wittenberg:

Im Radio habe ich neulich etwas über einen gemeinnützigen Verein aus der kleinen Stadt Pfaffenhofen in Bayern gehört. Seit Jahren holt er immer wieder junge Menschen aus dem Ausland, aus dem Irak und aus Syrien, wo das Gesundheitswesen weitgehend zerstört ist, zur medizinischen Behandlung nach Deutschland. Die Vereinsmitglieder sammeln Spenden und tragen sämtliche Kosten. Überaus aufschlussreich sind aber auch die Analysen des Vereinsvorsitzenden über die Vorbereitung von regional begrenzten Kriegsabenteuern. Ein klares Muster zeichnet sich immer wieder ab. Zunächst wird das Land, das leider eine den Westmächten unliebsame Regierung aufzuweisen hat, mit einem Wirtschaftsembargo isoliert. Die Auswirkungen sind in der Regel verheerend: Die Wirtschaft gerät in eine Krise, die Arbeitslosigkeit explodiert, die Bevölkerung wird physisch und psychisch geschwächt und zermürbt.

Richard:

Du bist am Zug.

Wittenberg:

Selbst wenn einem Embargo ausnahmsweise einmal keine militärischen Interventionen nachfolgen, weil die in Ungnade gefallenen Potentaten sich zum Einlenken bequemen, sind die Auswirkungen des Boykotts zerstörerisch genug. Es handelt sich im Grunde um die schäbigste Art der Kriegsführung, gegen die einfache Bevölkerung, vor allem gegen die Armen, mit angeblich zivilen, wirtschaftlichen Methoden und Mitteln. Also um Wirtschaftskrieg im wahrsten Sinne des Wortes.

Richard:

Wenn du nicht aufpasst, Wittenberg, werde ich gleich zwei oder drei deiner Bauern abräumen.

Wittenberg:

Das scheint mir das gewöhnliche Schicksal von Bauern im Schachspiel zu sein. Sie werden aufgeopfert, um König und Königin das Überleben sichern zu helfen.

Der Wirt bringt Richard und Wittenberg ihr frisches Bier. Wieder bleibt er kurz stehen, um sich den aktuellen Stand des Schachspiels genauer anzuschauen.

Wirt (kopfschüttelnd):

Es ist ein Jammer mit dir Wittenberg, du kannst dich einfach nicht auf das Match konzentrieren, immer musst du politisieren. — Warum spielst du nicht lieber „Mensch ärgere Dich nicht“?

Richard:

Oder „Monopoly“? Die Pennsylvania Avenue zum Spottpreis für nur 320 Dollar?

Wittenberg:

Über „Monopoly“ sprechen wir gerade. — Den zum weiteren Verfall auserkorenen Staaten wird eine Veränderung in der Gestaltung ihrer Wirtschaft diktiert, die verhängnisvolle langfristige Auswirkungen nach sich zieht. Die wichtigsten Industrien müssen verkauft werden. Man redet verharmlosend von „Privatisierung“, meint aber nichts anderes als die feindselige Inbesitznahme von Volkseigentum durch amerikanische oder westeuropäische Konzerne. Ergänzend wird selbstverständlich verlangt, dass das unter Kontrolle zu bringende Land seine sämtlichen Handelsbeschränkungen aufhebe. Das wiederum hat zur Folge, dass in den Läden die europäischen und amerikanischen Waren dominieren, während gleichzeitig der einheimischen Industrie die Absatzmöglichkeiten genommen werden. Das Ende vom Lied sind Massenarbeitslosigkeit und hohe Staatsverschuldung.

Richard:

Vielleicht sollte man das Embargo gegen Syrien endlich aufheben?

Wittenberg:

Das wäre ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Richard:

Schach!

Wittenberg:

Du gottverfluchter Sauhund!

(17. August 2016)

„Freie Affen“ Teil 6

Freie Affen Theaterstück Von Reinhard Tantow Berlin, April/Mai 2016

Sechste Szene: Moritzstraße

Wieder in der Moritzstraße, die als der Hauptort des Stücks betrachtet werden mag. Monica sitzt zunächst mit Zoltan allein auf ihrer Decke; Wittenberg und Anastasia kommen erst später hinzu. Juliane bringt einen Napf mit Wasser für den Hund; sie will gleich wieder zurück in den Second-Hand-Laden, überlegt es sich aber anders und bleibt bei Monica stehen.

Juliane:

Weißt du, Monica, ich musste über Ostern nachdenken …

Monica:

Musstest du über Ostern nachdenken, oder musstest du über Ostern nachdenken?

Juliane:

Ich habe mir, ganz gegen meinen Willen, Fragen gestellt über den Wahrheitsgehalt der christlichen Osterlegenden. Ich meine, Wiederauferstehung von den Toten ist eher unwahrscheinlich, also muss es eine andere, halbwegs vernünftige Erklärung für die Ereignisse nach dem Karfreitag geben.

Monica:

Und die wäre?

Juliane:

Gehen wir von der Arbeitshypothese aus, Jesus sei wirklich am Karfreitag vor ungefähr 2000 Jahren gekreuzigt worden.

Monica:

Einverstanden. — Damals wurden ständig Menschen gekreuzigt; es sollte abschreckend wirken.

Juliane:

Nehmen wir zweitens an, Jesus sei am Ende der Torturen vollkommen erschöpft, aber noch am Leben gewesen, scheintot gewissermaßen.

Monica:

Erzähle weiter, immer weiter, wir werden schon sehen.

Juliane:

Maria Magdalena wich nicht von seiner Seite, sie lungerte ständig in der Nähe der Hinrichtungsstätte herum und achtete auf jede Kleinigkeit. Sie kannte Jesus so genau, wie eben nur Ehefrauen ihren Mann kennen können, wenn sie wollen. Erst hörte sie seine Worte am Kreuz, dann bemerkte sie, wie sein Atem langsam schwächer wurde. Aber aus den viel zu wenigen gemeinsamen Nächten, die ihnen vor Judaskuss und schändlichem Verrat verblieben waren, erinnerte sie sich an ein winziges Äderchen in Jesu Leistenbeuge, das niemals ruhen wollte. Als ein römischer Legionär Anstalten machte, den Gekreuzigten mit einer Lanze zu traktieren, mischte Maria Magdalena sich ein und fragte frech, ob er wohl über ein zweites, kräftigeres Lanzenstück verfüge, das nicht einem bleichen Toten, sondern einer schwarzhaarigen Lebendigen geweiht werden könne. Der Legionär ließ sich nicht lange bitten; er stieß in das scheinbar geile und gefügige Weib. Am Ende hatte Jesus nur einen ungefährlichen Kratzer mehr abbekommen; sein Blutverlust hielt sich in Grenzen. Der befriedigte Krieger verschwendete keinen Gedanken mehr an die verdammte Leiche am Kreuz und trollte sich in Richtung Innenstadt, um den Saufkumpanen in der Kneipe stolz von seiner sexuellen Eskapade zu berichten und anschließend lauthals über die Verkommenheit der Erzdirnen zu klagen, die nicht einmal mehr davor zurückschreckten, ihr verruchtes Treiben auf Friedhöfen zu vollführen. Die Nacht zum Ostersonnabend brach herein. Ein warmer Wind wehte aus der Wüste über das von Gott und den Menschen verlassene Gelände herüber.

Monica:

Julianchen, deine Phantasie möchte ich haben!

Juliane schüttelt energisch den Kopf.

Juliane:

Nein, nein, es könnte so gewesen sein. Ich habe es mir genau zurechtgelegt.

Monica:

Also weiter, Juliane, bitte, immer weiter.

Juliane:

Um die weiteren Vorkommnisse bis zum Ostersonntag rational beurteilen zu können, müsste man wissen, wie damals ein Friedhofsbetrieb organisiert worden war. — Ich nehme an, nicht viel anders als heute. Das bedeutet: am Tage schlecht, am Abend noch schlechter und in der Nacht überhaupt nicht bewacht. Nimm nur unseren Spandauer Friedhof „In den Kisseln“ als mahnendes Beispiel!

Monica:

Ich glaube, ich verstehe, worauf du hinaus willst.

Juliane:

Der Friedhofswärter war sicherlich kein römischer Soldat, eher ein schlecht bezahlter Angestellter im öffentlichen Dienst. Eine unappetitliche Nachtwächtergestalt im mittleren oder höheren Stadium der Verfettung. Maria Magdalena hatte leichtes Spiel mit ihm; ihr Einsatz dürfte diesmal einen Krug Wein nicht überschritten haben.

Monica:

Und Mutter Maria und die verbliebenen, treuen Jünger haben dann in aller Stille Jesus aus der Leichenhöhle geborgen und sind mit ihm geflohen?

Juliane:

So stelle ich es mir vor. — Oder hast du vielleicht eine bessere Erklärung?

Monica:

Wollen wir Wittenberg davon erzählen?

Juliane:

Lieber nicht, Monica.

Monica:

Warum?

Juliane:

Ich weiß nicht …

Monica:

Verstehe …

Juliane verschwindet wieder in ihrem Shop. Zwei oder drei Kundinnen gehen mit hinein. Kurz darauf kommt der Apotheker aus seinem Ladenlokal. Erst überprüft er die Auslagen in den Schaufenstern, dann baut er sich mit verschränkten Armen vor Monica und Zoltan auf. — Monica drückt Zoltan eng an sich und hält ihn am Halsband fest.

Apotheker:

Sie …

Monica:

Ja?

Apotheker:

Was machen Sie hier? Müssen Sie ausgerechnet vor meiner Apotheke Ihr Elend zur Schau stellen?

Monica:

Ich stelle gar nichts zur Schau; ich halte mich lediglich hier auf. Ist das verboten?

Apotheker:

Ich verbiete es Ihnen!

Monica:

Sie haben mir gar nichts zu verbieten, Herr Apotheker.

Apotheker:

Aber das ist doch eine solche Unverschämtheit! Ihren Aufenthalt vor meiner Apotheke kann ich nicht anders als „geschäftsschädigend“ bezeichnen.

Monica:

Bezeichnen Sie nur, Herr Apotheker, bezeichnen Sie alle Tage.

Apotheker:

Müssen Sie immer das letzte Wort behalten, gute Frau?

Monica:

Ich bin eher eine böse Frau, keine gute.

Apotheker (entnervt):

Ein hoffnungsloser Fall!

Der Apotheker stürmt zurück in seine Apotheke. Julianes Kundinnen kommen wieder nach draußen; eine von ihnen trägt jetzt eine Einkaufstüte in der Hand.

Erste Kundin:

Für das Geld bekommt man auch neue Ware bei den Discountern.

Zweite Kundin:

Sagen wir, es habe sich um einen Unterstützungskauf gehandelt.

Dritte Kundin:

Es riecht immer ein bisschen streng in den Second-Hand-Läden, findet ihr nicht?

Zweite Kundin:

Wenn ich mit jetzt etwas wünschen dürfte: ein Kännchen schwarzen Tee, dazu ein großes Stück Mokkatorte, ohne Sahne, zum Abschluss vielleicht ein Glas Portwein.

Erste Kundin:

Ich schlage vor, wir gehen ins Spandovia Sacra am Reformationsplatz. Das ist eigentlich als ein kleines Museum der Gemeinde St. Nikolai gedacht, aber man kann dort auch einfach in aller Ruhe seinen Kaffee trinken.

Dritte Kundin:

Bestimmt ist das der ruhigste Platz in der Altstadt, wie geschaffen zum Innehalten.

Wittenberg und Anastasia kommen gerade noch rechtzeitig, um das Gespräch der drei Damen mit anhören zu können. Anastasia gesellt sich zu Monica und Zoltan. Wittenberg bleibt stehen und macht gymnastische Übungen.

Monica:

Wittenberg, seit wann bist ausgerechnet du unter die Turner gegangen?

Wittenberg betreibt unbeirrbar und keineswegs unelegant weiter seine Dehnübungen für Hals und Nacken.

Monica:

Wittenberg, gleich wird es ganz fürchterlich knacken, der Kopf geht ab, und du musst sehen, wie du am Abend nach Hause kommst.

Wittenberg ist bei der Übung „Kopfpendel“ angelangt. Dabei wird der Kopf langsam, mit zur Brust geneigtem Kinn, im Halbkreis von links nach rechts und wieder nach links gerollt. (Bitte niemals den Versuch unternehmen, den Halbkreis zum Kreis zu erweitern und die Bewegung nach hinten fortzusetzen!) — Anastasia und Zoltan beobachten Wittenberg zunächst aufmerksam aus der Entfernung. Dann schauen sie ihr Herrchen aus der Nähe fragend an, bellen kurz und kräftig und springen schließlich an ihm hoch.

Wittenberg:

Ist ja schon gut, Kinder, ich gebe freiwillig auf!

Monica:

Die Hunde müssen denken, Wittenberg ist verrückt geworden.

Wittenberg:

Mir ist aufgefallen, dass ich mehr für mein körperliches Wohlbefinden tun könnte.

Monica:

Das möchte ich höflichkeitshalber als eine relativ späte Erkenntnis bewerten.

Wittenberg:

Vielleicht sollten wir nach Kladow hinausfahren?

Monica:

Die Kladower würden sich sicherlich über unser Auftauchen freuen.

Wittenberg:

In Kladow ist meistens schönes Wetter.

Monica:

Was du nicht sagst!

Wittenberg:

Wir könnten eine Dampferfahrt machen.

Monica:

Aber du hast doch Aktivitäten, die mit frischer Luft einhergingen, seit Jahr und Tag als „kleinbürgerlich“ und „spießig“ verurteilt. — Woher dieser erstaunliche Sinneswandel?

Wittenberg:

Ich habe ein junges Mädchen kennengelernt.

Monica:

Wie jung?

Wittenberg:

Ziemlich.

Monica:

Oder eher unziemlich?

Wittenberg:

Sie hat vier Kinder, ungefähr.

Monica:

Alle Achtung!

Wittenberg:

Ich bin aber von keinem der Vater.

Monica:

Auch nicht der Erzeuger?

Wittenberg:

Keinesfalls.

Monica:

Und was hast du dir vorgestellt? Willst du dich mit den Kindern beschäftigen? Ihnen zum Beispiel Deutschunterricht geben?

Wittenberg:

Deutschunterricht ist keine einfache Sache.

Monica:

Ich weiß.

Wittenberg:

Wie kommst du auf die Idee, dass Deutschunterricht notwendig werden könnte?

Monica:

Deutschunterricht kann es gar nicht genug geben.

Wittenberg:

So?

Monica:

Das Mädchen hat sicherlich Migrationshintergrund?

Wittenberg:

Woher weißt du das?

Monica:

Bosnien? Herzegowina?

Wittenberg:

Ungefähr.

Monica:

Habt ihr schon?

Wittenberg:

Nein, wir haben noch nicht.

Monica:

Das soll ich dir glauben?

Wittenberg:

Warum sollte ich dich anlügen?

Monica:

In diesen Dingen lügen fast alle Männer.

Wittenberg:

Ich nicht!

(16. August 2016)

„Freie Affen“ Teil 5

Freie Affen Theaterstück Von Reinhard Tantow Berlin, April/Mai 2016

Fünfte Szene: Carl-Schurz-Straße

Monica, Wittenberg und die beiden Hunde haben es sich diesmal in der Carl-Schurz-Straße vor der Spandauer Karstadt-Filiale gemütlich gemacht. Ein großes Schaufenster hinter ihnen ist mit eleganter Sportbekleidung dekoriert. Links außen (vom Zuschauer aus gesehen) hat die SPD einen schlichten Informationsstand mit Sonnenschirm aufgebaut. Zwei ältere Sozialdemokraten bemühen sich mit mäßigem Erfolg um die Aufmerksamkeit der Passanten.

Wittenberg:

Ich kenne die beiden aus meiner Zeit in der Abteilung Wilhelmstadt. Sie gehören zur ehernen Entourage des Fraktionsvorsitzenden Christoph Haase.

Monica:

Leben und leben lassen, Wittenberg, du musst dich nicht mit ihnen anlegen.

Wittenberg:

Wie kommst du bloß auf die Idee, dass ich dergleichen im Sinne haben könnte, mein süßes Hexlein?

Monica:

Weil du im Grunde genommen wahnsinnig bist, Wittenberg, du machst dir das Leben viel zu schwer und solltest entschieden mehr für deine mentale Gesundheit tun.

Wittenberg:

Schau dir bloß den Flyer an, den zu verteilen sie sich erfrechen: „Gute Arbeit!“

Wittenberg reicht Monica einen professionell gestalteten SPD-Zettel herüber; sie nimmt das Papier mit spitzen Fingern und betrachtet es stirnrunzelnd.

Monica:

Was hast du gegen „gute Arbeit“ einzuwenden?

Wittenberg:

Es gibt keine „gute Arbeit“ im Kapitalismus. Womit wir uns politisch auseinanderzusetzen haben, das ist exploitative Lohnarbeit unter den Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise, unter kapitalistischen Herrschaftsverhältnissen.

Monica:

Das klingt mir wieder stark nach Weimarer Republik, mein Lieber, solche Parolen nimmt dir heutzutage kein Mensch mehr ab.

Wittenberg:

Natürlich nicht, dafür hat die Parteispitze mit jahrzehntelanger Theoriefeindlichkeit gründlich gesorgt.

Monica:

Aber wenn dir die SPD dermaßen zuwider ist, warum trittst du dann nicht einfach aus?

Wittenberg:

Kommt nicht in die Tüte!

Monica:

Aber das wäre das einzig Richtige, das Vernünftige, das so schwer zu realisieren ist, das deiner Lage Angemessene.

Wittenberg (misstrauisch):

Was soll das heißen: Meiner Lage angemessen? Ich denke gar nicht daran, mich in einer „Lage“ zu befinden!

Monica:

Blödmann, jeder Mensch ist in irgendeiner Lage.

Wittenberg:

Meine Lage ist ganz ausgezeichnet, wenn du es genau wissen willst.

Monica:

Das habe ich von dir schon anders gehört.

Wittenberg:

Ich nehme mir die Freiheit, täglich neu nachzudenken.

Monica:

Mit den sattsam bekannten, die unverständige Welt zur umwälzenden Veränderung mobilisierenden Resultaten, hm?

Wittenberg:

Tatsache ist aber, dass in den Medien des bürgerlichen Mainstreams, die bestimmten reichen und superreichen Familien gehören, sozialistische, kommunistische und anarchistische Denkweisen total marginalisiert werden, falls sie überhaupt einmal vorkommen.

Monica:

Im Feuilleton möglicherweise.

Wittenberg:

In der S-Bahn habe ich eine BZ gefunden, die schon ein paar Tage alt ist, mit Thilo Sarrazin auf der Titelseite.

Wittenberg kramt die Zeitung aus seinem braunen Lederrucksack; sie ist reichlich zerknittert.

Monica:

Auch SPD?

Wittenberg:

Unser tolldrastischer Kreisvorsitzender aus Spandau hat ihn tatsächlich aus der Partei ausschließen lassen wollen.

Monica:

Warum denn?

Wittenberg:

Der Spitzengenosse Sarrazin hatte 2010 ein Buch geschrieben, das einiges Aufsehen erregte.

Monica:

Und das soll ein ausreichender Grund für einen Parteiausschluss sein?

Wittenberg:

In der SPD wird selbständiges Denken nicht unbedingt anerkannt, ganz im Gegenteil, es gefährdet die steile Parteikarriere.

Monica:

Zyniker!

Wittenberg:

Genosse Sarrazin meint jetzt, wenn man damals auf ihn gehört hätte, dann gäbe es die AfD heute nicht.

Monica:

Vielleicht neigt er dazu, die Einflussmöglichkeiten von Literatur maßlos zu überschätzen?

Wittenberg:

Im Prinzip stellt Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ ein monumentales, antizipierendes Gründungsmanifest der Alternative für Deutschland in ihrer zweiten historischen Gestalt, also nach dem ruhmlosen Abgang der Fraktion um den Wirtschaftsprofessor Lucke dar. Sein Buch war ein gigantischer Bestseller, ein Sensationserfolg. Dabei handelt es sich um ein nicht leicht zu lesendes, sogar ziemlich schwieriges Sachbuch zu Fragen der Bevölkerungsentwicklung in Deutschland in den kommenden Generationen. Sarrazin ging von der optimistischen Annahme von nur 100.000 Zuwanderern pro Jahr aus und rechnete dann vor, wie sich die Gleichgewichte in der Bevölkerungsstatistik geradezu naturnotwendig zu Lasten der Einheimischen und zu Gunsten der Migranten verschieben müssten, wenn die Deutschen sich nicht endlich zum Gegensteuern entschließen könnten.

Monica:

Dazu ist es zu spät.

Wittenberg:

Meinst du?

Monica:

Der point of no return ist längst überschritten.

Wittenberg:

Aber wir hätten durchaus die Möglichkeit gehabt, die Einwanderung nach kanadischem Vorbild so zu regulieren, dass schwerwiegende soziale Konflikte zwischen den halbwegs gebildeten christlichen Ureinwohnern und den meist analphabetischen oder halbalphabetischen, in religiösem Irrationalismus befangenen mohammedanischen Migranten gar nicht erst entstanden wären.

Monica:

Das glaubst aber auch nur du, Wittenberg, in deiner Eigenschaft als Sozialkybernetiker, der überall dort, wo es brennt, steuernd und regulierend eingreifen kommt.

Wittenberg:

Auf diesem Niveau unterhalte ich mich nicht mit dir.

Monica:

Pustekuchen.

Wittenberg steht auf und geht zu den beiden Sozialdemokraten an den Info-Stand hinüber. Anastasia und Zoltan trotten erst hinterdrein, laufen dann aber doch zu Monica zurück.

Wittenberg:

Guten Tag zusammen!

Sozialdemokrat B.:

Guten Tag.

Sozialdemokrat M.:

Hallo.

Sozialdemokrat B.:

Ich wollte schon zu euch kommen, Wittenberg, mit der Bitte, vielleicht woanders zu kampieren. Es macht keinen guten Eindruck. Monica und du, ihr werdet langsam zum Stadtgespräch. Was denkt ihr euch dabei? Fungiert ihr als eine Art leibhaftiger Kunstinstallation?

Wittenberg:

Wir belästigen niemanden.

Sozialdemokrat M.:

Aber eure bloße Anwesenheit, euer bloßes Vorhandensein zu allen erdenklichen Tageszeiten an scheinbar sorgfältig ausgesuchten Plätzen in der Altstadt von Spandau ist Ärgernis und Belästigung genug.

Sozialdemokrat B.:

Was führst du wieder im Schilde, Wittenberg?

Wittenberg:

Nichts.

Sozialdemokrat M.:

Das erzählen mir meine Patienten in der Psychiatrie auch immer, wenn ich sie direkt auf etwas anspreche, das mir ungewöhnlich für den Stationsalltag zu sein scheint.

Sozialdemokrat B.:

Du kannst dich nicht einordnen, Wittenberg, immer musst du etwas Besonderes darstellen.

Sozialdemokrat M.:

Und die arme Monica ziehst du gleich mit hinunter, Wittenberg!

Wittenberg:

Ich bin allerdings zu euch gekommen, um mich über die aktuellen politischen Überlegungen der SPD nach ihrem jüngsten Wahldebakel zu informieren.

Sozialdemokrat B.:

Von einem Wahldebakel kann keine Rede sein. Wir stellen in Rheinland-Pfalz weiterhin die Ministerpräsidentin. Das ist ein Erfolg, den wir uns nicht ausgerechnet von dir miesmachen lassen werden.

Sozialdemokrat M.:

Die Ergebnisse in Baden-Württemberg und vor allem in Sachsen-Anhalt hätten freilich etwas besser ausfallen dürfen, keine Frage, aber andererseits soll man schäbige ländliche Wutwahlen auch nicht überbewerten. — Die AfD ist ein Strohfeuer. Das wirst du schon sehen.

Wittenberg:

Aber die gute, alte Tante SPD hat in Baden-Württemberg und in Sachsen-Anhalt katastrophale Einbrüche hinnehmen müssen.

Sozialdemokrat B.:

Es ist das souveräne Recht eines jeden Wahlbürgers, uns von Zeit zu Zeit auch einmal seine Stimme verweigern zu dürfen.

Sozialdemokrat M.:

Von Belang sind wirklich nur die allgemeinen Tendenzen der sozialen und geschichtlichen Entwicklung, und die besagen eindeutig, dass die Leute uns früher oder später sowieso wieder wählen werden, einfach mangels einer besseren Alternative.

Wittenberg:

Hoffentlich wissen die Leute das auch!

Sozialdemokrat B.:

Dafür stehen wir hier und an zahlreichen Orten in der ganzen Stadt. — Wir wollen Zuversicht vermitteln.

Wittenberg:

Aber mit einem Politikwechsel ist in naher Zukunft wohl eher nicht zu rechnen?

Sozialdemokrat B.:

Was für ein Politikwechsel?

Wittenberg:

Diese fatale neo-sozialdemokratische Orientierung hin zur Mitte …

Sozialdemokrat M.:

Was ist daran verkehrt? Willst du etwa den multikulturellen Randgruppen in den Allerwertesten kriechen? Oder den Hartz-IV-Empfängern die Stütze erhöhen?

Sozialdemokrat B.:

Das schlage dir schleunigst aus dem Kopf, Wittenberg, das bringt keinen Segen.

Sozialdemokrat M.:

Und überlege dir bitte noch einmal gründlich, ob du deine merkwürdigen Auftritte hier in unserer Altstadt nicht baldmöglichst beenden möchtest. Solches Herumlungern schadet dem Tourismus kolossal! — Es hat übrigens bereits Beschwerden gegeben.

Wittenberg:

Aber habt ihr gar keine anderen Sorgen?

Sozialdemokrat B.:

Es wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gelingen, die AfD in Sachsen-Anhalt von einer Regierungsbeteiligung auszuschließen. — Wo, meinst du, liegt das Problem?

Sozialdemokrat M.:

Sollen die sich ruhig kräftig austoben in der misslichen und mistigen Oppositionsrolle. Das wird vom Publikum erfahrungsgemäß früher oder später als langweilig empfunden. Also wendet man sich von der AfD nach einigen Jahren wieder ab und protestiert eben auf andere Weise. — Es gibt keinen realen Grund zur Beunruhigung.

Sozialdemokrat B.:

Und verschone uns bitte mit Anwürfen von dem groben Kaliber, die vernichtend geschlagenen Altparteien würden sich nun in Sachsen-Anhalt notgedrungen zu einem obszönen „Machtkartell“ der Marke „Schwarz-Rot-Grün“ zusammenraufen, um die AfD wieder klein zu machen. Das haben wir nämlich nicht nötig. Es ist uns noch immer gelungen, demokratische Mehrheiten zu organisieren.

Wittenberg:

Ich bin hellauf begeistert! — Einen schönen Tag noch, meine Herren!

Sozialdemokrat B.:

Es war mir wie immer ein Vergnügen, mich mit dir zu unterhalten, Wittenberg.

Sozialdemokrat M.:

Möchtest du dir vielleicht einen Kugelschreiber mitnehmen, Wittenberg?

Wittenberg geht wieder zu Monica zurück. Er bleibt einen Augenblick stehen, um sich das Schaufenster von Karstadt anzuschauen, dann setzt er sich hin, schaut missmutig drein und grunzt.

Monica:

Was gibt es zu grunzen, Alter?

Wittenberg:

Die Sturheit …

Monica:

Welche Sturheit?

Wittenberg:

Diese eklatante sozialdemokratische Sturheit! ─ Meine ehrwürdige Partei ist nicht in der Lage, offen und ehrlich Fehler einzugestehen und glaubwürdige Selbstkritik zu üben. Immer sei alles irgendwie doch richtig gewesen, und das blöde Volk habe bloß noch nicht richtig verstanden, wie vernunftsgemäß und positiv sich am Ende alles auswirken werde.

Monica:

Neulich hast du gesagt, der Unterschied zwischen der SPD und der CDU sei ungefähr so groß wie der zwischen einem Haufen Kacke und einem Haufen Scheiße.

Wittenberg:

Dafür bitte ich vielmals um Verzeihung, Monica.

Monica:

Aber mit solch unentschuldbaren und übrigens auch unappetitlichen Äußerungen verabschiedest du dich aus der demokratischen Mitte. Du stellst dich ins Abseits.

Wittenberg:

Und „abseits“ ist, wenn der Schiedsrichter pfeift, ich weiß schon.

Monica:

Papperlapapp!

Wittenberg:

Kennst du den Spruch:

„Baue auf und reiße nieder,

dann hast du Arbeit immer wieder!“

Monica:

Habe ich schon gehört, Wittenberg, aber was willst du ausgerechnet jetzt damit sagen?

Wittenberg:

Nach genau demselben Prinzip funktioniert auch bürgerliche oder vielmehr kleinbürgerliche Reformpolitik: Die eine Regierung beschließt den „schlanken Staat“ und treibt die Privatisierung der öffentlichen Daseinsvorsorge voran. Die nächste Regierung sagt: „Kommando zurück, mit der Privatisierung sind wir durch!“ ─ und verstaatlicht wieder. Die alte Regierung baut Polizisten ab, die neue Regierung stellt wieder welche ein. Unter der Herrschaft der einen Partei wird am Öffentlichen Dienst eingespart bis es nervenzerfetzend quietscht; unter der Herrschaft der anderen Partei werden dann wieder händeringend Leute gesucht. Schulpolitik geht einmal linksherum, dann wieder rechtsherum. Die Sozialdemokraten möchten nicht gerne Waffen in Krisen- und Kriegsgebiete liefern; sie liefern aber, allenfalls vorübergehend in die höchste politische Verantwortung geraten, selbstverständlich trotzdem. Die Christlichen Demokraten möchten, als Gewissenswürmer sondergleichen, ebenfalls nur ungerne Waffen in Kriegsgebiete liefern; dass sie sie trotzdem liefern, steht seit Jahr und Tag außerhalb jedweder Diskussion. Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Es handelt sich um eingeübte, ermüdende Formen von pseudodemokratischen Rotationsverfahren, bei denen ausgemacht ist, dass alles sich nur deshalb ändert, damit gleichzeitig alles beim Alten bleibt.

Monica:

Der berühmte Ausspruch von Burt Lancaster, der den Fürsten spielt, aus Viscontis „Leopard“.

Wittenberg:

Als Norbert Blüm aus dem Amt schied, hat er noch einmal selbstbewusst betont, ihm brauche niemand etwas über Reformen zu erzählen, denn er habe 20 Jahre lang Reformen gemacht.

Monica:

Wittenberg, ich habe für heute bereits ein Übermaß an politischen Belehrungen geduldig ertragen. Ich finde deshalb, du solltest mich zum Essen ausführen.

Wittenberg:

Die bisherigen Schätzungen haben sich als viel zu optimistisch erwiesen. Nicht

„100 Jahre SPD

tun dem Kapital nicht weh!“

─ sondern 150, 200, 250 Jahre. Solange die Sozialdemokratische Partei Deutschlands existiert, wird sie es als ihre erste Bürgerpflicht begreifen, die Kapitalmacht sichern zu helfen.

(12.08.2016)