„Freie Affen“ Teil 16

Freie Affen Theaterstück Von Reinhard Tantow Berlin, April/Mai 2016

Sechzehnte Szene: Polizeirevier Moritzstraße I

Monica und Wittenberg werden von einer uniformierten Polizeibeamtin in einen recht großen Warteraum geführt. Der Raum hat helle Wände, ist gut beleuchtet und auffällig sauber. Es gibt dunkelrot lackierte Metallstühle in ausreichender Zahl. Links an der Wand ein großer Coca-Cola-Automat. Im Hintergrund zwei vergitterte Fenster.

Polizistin:
Bitte, nehmen Sie hier Platz. Sie werden gleich einzeln befragt.

Monica:
Ich dulde es nicht, dass meine Hunde einfach auf den Müll geschmissen werden. Ich möchte Anastasia und Zoltan würdig bestatten. Auf dem Tiefriedhof, wie es sich gehört. ─ Haben Sie das verstanden?

Polizistin:
Das ist Ihre Privatangelegenheit, damit hat sich die Polizei nicht zu beschäftigen.

Monica:
Aber könnten Sie die toten Tiere nicht beschlagnahmen lassen, zur Not auch als Beweisstücke?

Polizistin:
Das habe nicht ich zu entscheiden.

Monica:
Meine Hunde sind umgebracht worden. Man hat sie mit Baseballschlägern erschlagen. Ist das vielleicht keine Straftat?

Polizistin:
Selbstverständlich.

Monica:
Also?

Polizistin:
Ein Mensch ist getötet worden, Frau … Das scheint Sie bedeutend weniger zu interessieren.

Monica:
Darüber weiß ich nichts. Dazu möchte ich mich nicht äußern.

Polizistin:
Sie werden sich äußern müssen.

Monica:
So? Ich denke nicht daran!

Polizistin:
Damit machen Sie sich angreifbar und verdächtig.

Monica:
Nichtigkeit.

Polizistin (zu Wittenberg, der stehengeblieben und nicht von Monicas Seite gewichen ist):
Setzen Sie sich, bitte.

Wittenberg:
Danke, ich möchte lieber stehenbleiben. Wann wird die Befragung losgehen?

Polizistin:
Das werden Sie schon sehen, Herr …

Wittenberg:
Wittenberg.

Polizistin:
Herr Wittenberg, die Ermittlungen am Tatort sind meines Wissens bereits abgeschlossen. Haben Sie bitte noch etwas Geduld. Die Herren Kommissare werden sich so bald wie möglich um Sie kümmern.

Wittenberg:
Zu dem toten Rocker können wir sowieso keine Angaben oder Aussagen machen. Wir kennen das Arschloch nicht einmal.

Polizistin:
Woher wissen Sie dann, dass es sich um ein Arschloch handelt, Herr Wittenberg?

Wittenberg:
Wir sind überfallen worden. Die vermummten Gestalten waren leider eindeutig in der Übermacht.

Die Polizistin wartet erst ab, ob Monica oder Wittenberg noch etwas hinzufügen möchten. Da offenbar keine weiteren, eventuell unbedachten Einlassungen mehr zu erwarten sind, lässt sie die beiden Zeugen, die vielleicht sogar Tatbeteiligte sind, allein im Warteraum zurück.

Monica:
Was meinst du, ob sie uns abhören?

Wittenberg:
Wir haben nichts zu verbergen, Monica, wir sind unschuldig.

Monica:
Aber ob sie uns abhören?

Wittenberg:
Wir sollten besser davon ausgehen und uns möglichst ruhig und distanziert verhalten.

Monica:
Du hast gut reden, Wittenberg. Macht es dir denn gar nichts aus, dass Anastasia und Zoltan tot sind?

Wittenberg:
Doch, natürlich, aber ich reiße mich zusammen. Ich will mir vor den Bullen keine Blöße geben.

Monica (ihr Ausruf kommt einem Schrei recht nahe):
Ich könnte schreien vor Wut, Wittenberg, schreien!

Wittenberg:
Darauf warten sie bloß, um daran anknüpfen und alles gegen uns verwenden zu können.

Monica:
Was macht deine Schulter?

Wittenberg:
Der ganze rechte Arm ist wie taub. Das Faschistenschwein hat mich voll erwischt.

Monica:
Plötzlich waren die Säufer verschwunden. Was meinst du, weshalb sie uns nicht gewarnt haben?

Wittenberg:
Wir gehören eben nicht zu ihrer Clique. Außerdem hatten wir uns geweigert, an der blödsinnigen Wette für oder wider Hertha BSC teilzunehmen.

Monica:
Aber auf eine Art instinktive Solidarität unter uns Subalternen hätte ich schon gerechnet. Wenigstens wenn es gegen den gemeinsamen Feind geht.

Wittenberg:
Wer soll das sein?

Monica:
Die Macht. Die Staatsmacht.

Wittenberg:
Das ist in Deutschland leider keineswegs selbstverständlich, Monicaleben. Wir werden, ganz im Gegenteil, von frühester Kindheit an dazu dressiert, besagte autoritäre Staatsmacht zu verinnerlichen.

Monica:
Sie zu lieben und zu ehren, auch wenn der bedauerliche Fall eintreten sollte, dass sie sich gegen uns kehrt und wendet?

Wittenberg:
Genau dann haben sich Bürgersinn und Staatstreue des braven Deutschen unbedingt zu bewähren.

Monica:
Im Ausnahmezustand?

Wittenberg:
Nehmen wir kleinere Münze!

Monica:
Deiner famosen SPD jedenfalls ist die vollständige Anverwandlung an die autoritäre Staatlichkeit in Deutschland hervorragend gelungen.

Wittenberg:
Darüber unterhalten wir uns bei besserer Gelegenheit. Im Augenblick geht es einzig und allein darum, ein törichtes Hineintappen in Polizeifallen zu vermeiden.

Monica steht auf und geht langsam zu dem Coca-Cola-Automaten hinüber. Sie sieht sich die Preisschilder an.

Monica:
Eine Flasche Cola kostet 1 Euro 10, einschließlich Pfand. Ein halber Liter. Möchtest du?

Wittenberg:
Warum nicht?

Monica kommt zurück zu dem roten Stuhl, auf dem sie gesessen hatte. Sie nimmt ihr Portemonnaie aus dem Rucksack, geht wieder zu dem Automaten hinüber und kauft scheinbar seelenruhig erst die eine, dann die zweite Cola-Flasche. Die gekühlten Getränke poltern in den Ausgabeschacht.

Monica:
Du hast wieder blaue Socken zum roten Polohemd angezogen, Wittenberg.

Wittenberg:
Ist das bedenklich?

Wittenberg öffnet den Plastikverschluss seiner Coca-Cola. Er trinkt einen Schluck aus der Flasche, schüttelt den Kopf und lacht plötzlich.

Monica:
Was gibt es zu lachen, Wittenberg?

Wittenberg:
Ich habe lange Zeit keine originale Coca mehr getrunken.

Monica:
Aber was ist daran komisch?

Wittenberg:
Ich kaufe mir immer die preiswerte Cola aus dem Penny-Markt und bin an deren Geschmack gewöhnt. Jetzt, nach Wochen und Monaten, vielleicht sogar Jahren, kommt mir die „echte“ Coca-Cola wie eine billige Fälschung vor.

Monica:
Ich halte das, was du sagst, für eine weitere bedenkliche Form von Anti-Amerikanismus, mein Lieber.

Monica sucht und findet ein Buch von Sartre in ihrem Rucksack. Sie blättert bis zum letzten Drittel des Textes und beginnt zu lesen.

Wittenberg:
Eine beruhigende Wirkung kann man Sartre wenigstens nicht absprechen.

Monica:
Soll das eine Unverschämtheit sein?

Wittenberg:
Man muss sich auf Sartre einlassen, die Texte notfalls drei Mal lesen, in einer populären Form von Transzendenz. Ähnlich wie ein Golfspieler, der seinen Sonntagvormittag damit verbringt, dem verdammten kleinen Gummiball hinterherzulaufen, der wieder einmal nicht genau in die gewünschte Richtung geflogen ist.

Monica:
Merkwürdiger Vergleich.

Wittenberg:
Will sagen, dass es nützlich ist, sich bei Sartre vor defensivem Lesen zu hüten, nach der Devise: „Das brauche ich alles nicht!“

Monica:
Bei „Bewusstsein und Selbsterkenntnis“ handelt es sich um eine höchst respektable, manierliche philosophische Erörterung, die, wie sich das für französische Philosophen gehört, bei Descartes einsetzt. Aber der Verlag, der es von Reinbek immer noch nicht bis nach Hamburg geschafft hat, verkauft das Buch quasi als Pamphlet gegen Freud und dessen tiefenpsychologische Auffassung des Unbewussten.

Wittenberg:
Vermutlich hat das eine mit dem anderen wenig zu tun. Freud als Psychologe wird von Sartre wahrscheinlich zu den philosophischen oder naiven Realisten gezählt werden, also zu einer kruden ideengeschichtlichen Spezies, die ihn nicht übermäßig zu interessieren vermochte.

Monica:
Ich habe dazu eine Stelle gefunden in Sartres Vortrag; aber die Kritik richtete sich dort gegen einen anderen Psychologen.

Wittenberg:
Freud nahm für sich in Anspruch, naturwissenschaftliche Methoden in der Psychologie zur Anwendung gebracht zu haben. Und eine solche Grundhaltung bewirkt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit am Ende eine Abkehr von jeglicher Philosophie. Beispielsweise pflegte Freud den antiken griechischen Philosophen eine Überschätzung der Dialektik vorzuwerfen.

Monica:
Andererseits gibt es jedoch den Kulturphilosophen Freud.

Wittenberg:
Das lässt sich leider nicht leugnen, Monicaleben.

Monica:
Sartre hat sich bestimmt gründlicher mit Freud beschäftigt als du beispielsweise.

Wittenberg:
Am Philosophischen Institut der Technischen Universität wird Sigmund Freud als ein „toter Hund“ behandelt, wenn überhaupt.

Monica:
Wittenberg!

Wittenberg:
Entschuldige, Monica, ich habe eben wirklich nicht an Anastasia und Zoltan gedacht. Es tut mir sehr leid, bitte.

Monica:
Dummer Esel!

Wittenberg:
Verzeihung, Monica, es kommt nicht wieder vor, bestimmt nicht.

Monica:
Schon gut, Affe!

Wittenberg:
Mit Primaten hatte Professor Freud es übrigens auch. Er wollte in New York gerne einen riesigen Menschenaffen, der zu allem Überfluss auch noch eine Bibel in der erhobenen Faust halten sollte, an die Stelle der Freiheitsstatue setzen.

Monica:
Das lügst du, Wittenberg, das glaube ich dir nicht!

Wittenberg:
In Freuds Briefwechsel kannst du es nachlesen.

Monica:
Das Bild ist eine Gemeinheit, aber besser lässt sich der amerikanische Puritanismus kaum visualisieren.

Wittenberg:
Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, Freud hatte die Idee etliche Jahre, bevor „King Kong“ in die Kinos kam.

Monica:
Den Film würde ich mir gerne noch einmal anschauen.

Wittenberg:
Ein riesiger Affe, der sich in eine Frau verliebt, die aus seiner Perspektive eine Zwergin, ein Püppchen, ein Spielzeug darstellt.

Monica:
Das ist relativ klar und einleuchtend, aber richtig spannend wird es erst, wenn man den Versuch unternimmt, „King Kong“ aus der Sicht der kleinen Frau zu interpretieren.

Wittenberg:
Dafür kannst du ins Gefängnis kommen!

Monica:
Ins Gefängnis kannst du eigentlich immer kommen. — Wenn du arm bleibst in Deutschland, bist du so etwas wie ein Strafgefangener auf Urlaub. Du musst bloß noch zur falschen Zeit am falschen Ort aufgegriffen werden.

Wittenberg:
Sartre gelingt es im Verlauf seines Vortrages dann doch, sich von Descartes wieder zu lösen. Er unternimmt es, Bewusstsein und Erkenntnis voneinander zu trennen, also das eine von dem anderen zu unterscheiden. Er stellt die These auf, das „nicht-thetische Bewusstsein“ sei keine Erkenntnis.

Monica:
Kannst du dir unter „nicht-thetischem Bewusstsein“ irgend etwas vorstellen?

Wittenberg:
Man muss es interpretieren …

Monica:
Wie?

Wittenberg:
Schwer zu sagen …

Monica:
Ach?

Wittenberg:
Es wird sich wohl um ein Bewusstsein handeln, das nicht über These und Antithese zu einer Synthese fortschreitet.

Monica:
Aber verschränkst du jetzt nicht, um dir Sartre verständlicher zu machen, ganz unterschiedliche philosophische Traditionen miteinander?

Wittenberg:
Das haargenau ist die Crux in der Philosophie: Man kann keine drei Sätze formulieren, ohne sich heillos in Widersprüche zu verwickeln.

Monica:
Egal, nehmen wir ruhig etwas Hegel zur Hilfe, um Sartre besser zu begreifen.

Wittenberg:
Akzeptieren wir einfach behelfsweise Sartres philosophische Setzung eines „nicht-thetischen Bewusstseins“ und sehen zu, wie weit wir damit kommen.

Monica:
Aber was nützt uns das?

Wittenberg:
Das wird sich hoffentlich herausstellen, Monicaleben.

Monica:
Sartre gibt Beispiele an für sein „nicht-thetisches Bewusstsein“.

Wittenberg:
Immerhin.

Monica:
Die Freude, das Bewusstsein der Freude, das Bewusstsein davon, sich zu freuen, genüge vollkommen; es handele sich dabei um „wahre Freude“, auch ohne Erkenntnishaltung, ohne thetisches Bewusstsein.

Wittenberg:
In diesem Zusammenhang bezeichnet Sartre die Idee einer unbewussten Freude als „absurd“.

Monica:
Sigmund Freud wird nicht direkt angegriffen.

Wittenberg:
Wenn es um das Unbewusste geht, denken die meisten Menschen mittlerweile automatisch an Freud.

Monica:
Eine solche Auffassung von „unbewusster Freude“ oder von „unbewusstem Schmerz“ oder von „unbewusstem Zorn“ sollte man Freud meines Erachtens nicht zuschreiben. Das wäre zu simpel; das würde Freud nicht gerecht werden. Seine Fragestellung zielt eher auf die vielfältige Determinierung psychologischer Phänomene wie Lust, Freude, Schmerz, Zorn oder Angst durch das Unbewusste ab.

Wittenberg:
Für Sartre ist „Freude“ mit „Bewusstsein von Freude“ identisch. Sie seien ein und dasselbe. Und zwar in einer streng philosophischen Auslegung, auf der ontologischen Ebene, bei vorläufiger Hintanstellung aller psychologischen Gesetze.

Monica:
Hast du die DVD zurückgebracht?

Wittenberg:
Es blieb mir nichts anderes übrig; sie war vorbestellt.

Monica:
Eigentlich erfreulich, dass du nicht der einzige bist, der sich für Ereignisse interessiert, die fast 100 Jahre zurückliegen.

Wittenberg:
Ich habe Kopien angefertigt — VHS und DVD.

Monica:
Ist das erlaubt?

Wittenberg:
Es war technisch ohne Schwierigkeiten möglich, Monicaleben.

Monica:
Aber ist es nicht kriminell? Verletzt du nicht Urheberrechte?

Wittenberg:
Die Kopien sind für mich privat. Ich habe nicht vor, öffentliche Vorführungen zu veranstalten.

Monica:
Was ist es genau, Wittenberg, was dich an den alten Verbrechen der Sozialdemokratie dermaßen fasziniert?

Wittenberg:
Gemeiner Mord verjährt nicht; und politische Morde, die nicht vollständig „aufgeklärt“ — im Sinne von: politisch und moralisch verarbeitet — werden sollen, belasten untergründig das Gewissen einer Partei über Generationen hinweg. Das ist wie ein Schuldkomplex, der aus dem Unbewussten immer neue Gewaltreaktionen hervorzwingt.

Monica legt das Lesezeichen, das sie in der Hand behalten hatte, wieder zwischen die Seiten ihres Buches.

Monica:
Wittenberg, du willst behaupten, dass die Politische Psychologie der deutschen Sozialdemokratie heute noch beeinflusst und deformiert werden kann von Geschehnissen aus dem Jahre 1919? Ist das nicht aberwitzig?

Wittenberg:
Ich fürchte, das Gegenteil ist der Fall. — Wir müssen uns deshalb endlich Klarheit verschaffen.

Monica:
Aber Dutzende von Historikern haben sich über die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ihre klugen Köpfe zerbrochen. Wieso gibst du dich nicht endlich mit deren Forschungsergebnissen zufrieden?

Wittenberg:
Ich kritisiere in erster Linie die in der Regel mutwillig reduzierten Fragestellungen des akademischen Betriebs.

Monica:
So?

Monica legt das Taschenbuch auf einen Stuhl, dann sucht sie in ihrem Rucksack nach Papiertaschentüchern.

Wittenberg:
Über den äußeren Ablauf des Geschehens, über die Chronologie der Ereignisse wissen wir einigermaßen Bescheid. Dazu bietet die Fernsehdokumentation aus dem Jahre 1969 eine solide Grundlage. Die Autoren haben gründlich recherchiert. Vor allem hatten sie die Gelegenheit zu nutzen gewusst, den Hauptmann Waldemar Pabst zu befragen.

Monica:
Nie gehört. — Wer ist das?

Wittenberg:
Das fragst du jetzt höflichkeitshalber?

Monica:
Wenn du es so auffassen möchtest, Wittenberg, aber erzähle trotzdem ruhig weiter. — Ich lerne gerne dazu, wie du vielleicht schon weißt.

Wittenberg:
Hauptmann Waldemar Pabst war der Erste Generalstabsoffizier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division und der geborene Konterrevolutionär.

Monica:
Das klingt unheimlich, aber leider auch beeindruckend, Wittenberg: Der eine, einzige rechte Mann zur richtigen Zeit am entscheidenden Ort, der die halbherzige deutsche Novemberrevolution nebst Spartakusaufstand im Keime zu ersticken wusste.

Wittenberg:
Nach dem sattsam bekannten Motto: „Männer machen Geschichte.“

Monica:
Da ist was dran, Wittenberg, meinst du nicht?

Wittenberg:
Aber der Hauptmann Pabst hatte sogar mehrere Köche bei sich, Monicaleben.

Monica:
Also gut, erzähle mir, was du herausgefunden hast; die Kripo scheint auf sich warten zu lassen.

Wittenberg:
Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht hielten sich in Wilmersdorf, in der Mannheimer Straße 43, nicht weit entfernt vom Fehrbelliner Platz, und zwar ausgerechnet in der Wohnung des befreundeten Ehepaares Siegfried und Wanda Marcusson auf. Marcusson war Kaufmann von Beruf, Mitglied der USPD und gehörte dem Arbeiter- und Soldatenrat Wilmersdorf an. — Du verstehst, was ich sagen will? Unsere beiden wichtigsten deutschen Revolutionsführer versteckten sich nicht etwa nach den Elementarregeln der Konspiration getrennt voneinander an unbekannten Orten, sondern sie hockten gemeinsam bei Freunden, mitten in der Stadt, wo die Konterrevolution sie vermuten konnte und endlich bloß noch abzuholen brauchte. Ich denke, es muss nicht extra betont werden, dass „Rosa und Karl“ nicht bewaffnet waren. Sie verzichteten auch auf Personenschutz, etwa durch Angehörige der Volksmarinedivision.

Monica:
Es klingt nicht besonders sympathisch, wie du das sagst, Wittenberg.

Wittenberg:
Schließlich und endlich ist es nicht meine Aufgabe, besonders sympathisch zu klingen.

Monica:
Erzähle weiter, Wittenberg, immer weiter.

Wittenberg:
Es kam, wie es kommen musste. Die beiden Spartakistenführer wurden ausgerechnet von der Wilmersdorfer Bürgerwehr verhaftet. Einen Haftbefehl gab es nicht; die Verhaftung war illegal. Spätere staatsanwaltschaftliche Ermittlungen wegen Freiheitsberaubung verliefen erwartungsgemäß im Sande.

Monica:
Und dann?

Wittenberg:
In der Cecilienschule am Nikolsburger Platz, einer Höheren Lehranstalt für Mädchen, benannt nach der Herzogin Cecilie zu Mecklenburg, Gemahlin des Prinzen Wilhelm von Preußen, des ältesten Sohnes von Kaiser Wilhelm II., und damit Kronprinzessin, hatte sich die Wilmersdorfer Bürgerwehr eine Wache eingerichtet. Dorthin wurden Karl Liebknecht und später auch Rosa Luxemburg zunächst verbracht.

Monica:
„… wurden verbracht …“ — wie sich das anhört, Wittenberg, eine karge Sprache aus einer anderen, fast vergessenen Zeit.

Wittenberg:
Die Bürgerwehr unterrichtete die Reichskanzlei telefonisch von der Verhaftung Liebknechts. — Im Grunde müssten wir hier bereits innehalten, um uns diese fabelhafte Wilmersdorfer Bürgerwehr genauer anzuschauen. Und zwar unter der provozierenden Fragestellung, ob kleinbürgerliche, vielleicht sogar sozialdemokratische Elemente in ihr vorherrschend oder tonangebend waren.

Monica:
Wundern würde mich das nicht, im Gegenteil, das aufstrebende bürgerliche Wilmersdorf vor der Eingemeindung in Groß-Berlin muss wie geschaffen gewesen sein als keimiger reformistischer Nährboden.

Wittenberg:
Weißt du auch, woran man ein bürgerliches Stadtquartier erkennt?

Monica:
An Bauwerken, an Straßen und Plätzen?

Wittenberg:
Das sicherlich auch, aber das meine ich nicht …

Monica:
Sondern?
Wittenberg:
In Wilmersdorf gibt es die fettesten Straßentauben.

Monica:
Knalltüte!

Wittenberg:
Jeder der acht an der Verhaftung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg beteiligten Bürgerwehrmänner erhielt von Herrn Fabian, dem Vorsitzenden des Bürgerrates von Wilmersdorf, ein großzügig bemessenes Kopfgeld in Höhe von 1.700 Mark.

Monica:
Das muss für damalige Zeiten eine enorme Summe blutigen Geldes gewesen sein.

Wittenberg:
Der Bürgerrat von Wilmersdorf hatte nichts mit den Berliner Arbeiter- und Soldatenräten gemein. Vielmehr handelte es sich um eine Gliederung oder um eine Sektion des konterrevolutionären Reichsbürgerrates des Bankiers und Millionärs Marx.

Monica:
Wie ausgesprochen ärgerlich, dass der Dreckskerl ausgerechnet „Marx“ heißen musste!

Wittenberg:
Die acht Konterrevolutionäre der Wilmersdorfer Bürgerwehr bekamen also insgesamt 13.600 Mark Belohnung ausbezahlt. Ihre Namen sind bekannt. Drei von ihnen waren Kaufleute. Ihr Anführer, Bruno Lindner, soll nach einiger Zeit noch mehr Geld erhalten haben.
Es hatte, keineswegs nebenbei bemerkt, schon vor der entscheidenden, illegalen Festnahme vom Januar 1919 eine weitere, besondere Art Verhaftung der beiden berühmten Spartakisten gegeben. Das ist beinahe vollständig in Vergessenheit geraten. Bereits im Dezember 1918 gerieten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, gemeinsam mit Paul Levi, in die Gewalt einer Abteilung des Freikorps-Regiments „Reichstag“ und wurden mit dem Tode bedroht. Diese Abteilung stand unter dem Kommando eines Bauleiters namens Hasso von Tyska, der als „geistesgestört“ bezeichnet wird. Als Retter in der Not tauchte gerade noch rechtzeitig eine Abteilung der „Sicherheitswehr“ des unabhängig-sozialdemokratischen Polizeipräsidenten Eichhorn auf.

Monica:
Wittenberg, das alles klingt für meinen Geschmack viel zu sehr nach „Räuberpistole“. Erzähle mir lieber mehr von Prinzessinnen und Prinzen und darüber, wie sehr sie sich um ihr armes Volk sorgten und grämten.

Wittenberg:
Um bezahlbaren Wohnraum?

Monica:
Zum Beispiel.

Wittenberg:
„Rosa und Karl“ kamen glücklicherweise durch die militante Intervention von Erich Prinz wenigstens vorübergehend wieder frei. Das war der Anführer jener kämpferischen Abteilung „Sicherheitswehr“ und sicherlich eine der abenteuerlichsten, zwielichtigsten Figuren der Deutschen Revolution. — Auch mit dieser etwas merkwürdigen, unorthodoxen historischen Persönlichkeit sollte man sich vielleicht beschäftigen.

Monica:
Der Mann hätte doch zumindest zu DDR-Zeiten eine gewisse Anerkennung erfahren müssen. Als Lichtgestalt, als Partisan, als Held, als Retter — als der mutige Befreier von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht!

Wittenberg:
Davon ist mir nichts bekannt, Monica, ich sehe, die offenen Fragen häufen sich. — Prinz war Kunstmaler und spielte eine dubiose Rolle im Zusammenhang mit dem Skandal um das Kopfgeld, das Scheidemann angeblich auf die Häupter von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ausgesetzt haben sollte.

Monica:
Wieviel?

Wittenberg:
100.000 Mark.

Monica:
Und stimmt das?

Wittenberg:
Nein.

Monica:
Aber zuzutrauen wäre den Sozis so etwas schon, oder?

Wittenberg:
Prinz und dessen Freundin Hilde Plaumann hatten das Dokument und die Unterschriften gefälscht.

Monica:
Wie bei den Hitler-Tagebüchern?

Wittenberg:
So ungefähr. Hilde schrieb das Dokument, und Erich fälschte die Unterschriften.

Monica:
Was wurde aus der Frau?

Wittenberg:
Sie beging später Selbstmord mit einer Überdosis Kokain.

Monica:
Wittenberg, schadet es nicht deiner psychischen Gesundheit, wenn du dich zu sehr in solche historischen Dinge vergräbst? Meiner Meinung nach grenzt das an Totenbeschwörung und Wiedergängertum.

Wittenberg:
Der hohe Sozialdemokrat Scheidemann war viel zu vorsichtig und zu gerissen, um sich auf eine dermaßen plumpe Kopfgeldgeschichte einzulassen. Sein Schwiegersohn jedoch hatte bedeutend weniger Bedenken. Er hieß Fritz Henck und gilt als Mitbegründer des nur scheinhaft demokratischen Regiments „Reichstag“, das, wie gesagt, vom Reichsbürgerrat großzügig bezuschusst wurde und in dem auch Sozialdemokraten kommandieren durften. Henck konnte es einfach nicht lassen. Immer wieder verkündete er, Scheidemanns ominösen Kopfgeld-Befehl gebe es wirklich.

Monica:
Weiter, Wittenberg, was passierte nach der deprimierenden Episode mit der Wilmersdorfer Bürgerwehr?

Wittenberg:
Zur Vorgeschichte möchte ich der Vollständigkeit halber noch die Gebrüder Sklarz erwähnen. Das waren stadtbekannte Schieberpersönlichkeiten, die aber immer wieder die Nähe der wirklich Mächtigen suchten und wie selbstverständlich auch fanden. Sie sollen an der Finanzierung des im Kern reaktionären Regiments „Reichstag“ beteiligt gewesen sein.

Monica:
Der Name Sklarz ist mir nicht völlig unbekannt; er weckt Erinnerungen an längst vergessen geglaubte Gespräche im Familienkreis mit Onkeln und Tanten, Großonkeln und Großtanten. Der Großvater meines Vaters …

Wittenberg:
Dein Urgroßvater?

Monica:
Er war im Ersten Weltkrieg bei der Marine, auf einem Torpedoboot.

Wittenberg:
Und?

Monica:
Wenn darauf die Rede kam, ergänzten die Damen der Familie wie aus der Pistole geschossen: „Aber ordnungsgemäß entlassen!“ Opa Heinrichs ganz persönliche „schwarze Bestie“ aus dieser Zeit war ein Herr Stadtler, seines Zeichens Vorsitzender der Anti-Bolschewistischen Liga.

Wittenberg:
Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, sowie übrigens auch Wilhelm Pieck, wurden schließlich von vier Bürgerwehrgestalten dem Generalstab der Garde-Kavallerie-Schützen-Division überstellt; das geschah am Mittwoch, dem 15. Januar 1919, zwischen 1/2 10 und 10 Uhr abends. Mit der ersten Fuhre wurde Dr. Karl Liebknecht vom Nikolsburger Platz her gebracht. Danach kehrten die furchtbaren Kollaborateure zurück in die Mannheimer Straße. Sie transportierten auch Dr. Rosa Luxemburg und Tischler Wilhelm Pieck zunächst einmal zur Cecilienschule, möglicherweise, um sich neue Instruktionen zu holen. Heinz Knobloch berichtet in seinem Buch über „Das unauffällige Leben der Mathilde Jacob“, der Zwischenaufenthalt in der Höheren Mädchenschule habe etwa 20 Minuten gedauert.
Der Erste Generalstabsoffizier der GKSD war, wie gesagt, der ebenso gefährliche wie verlogene Hauptmann Waldemar Pabst. Das Hauptquartier des Weißen Terrors befand sich neuerdings im noblen Eden-Hotel, gegenüber vom Zoologischen Garten, auf dem östlichsten Teilstück des Kurfürstendamms, das heute merkwürdigerweise Budapester Straße genannt wird. Hauptmann Pabst bekam also seine intelligentesten Feinde von den tumben Mannschaften der Wilmersdorfer Bürgerwehr praktisch auf dem silbernen Tablett serviert.
Die Fernsehdokumentation von Dieter Ertel ist nun besonders darauf angelegt, die nachfolgenden Ereignisse als ein Offiziers-Komplott erscheinen zu lassen. ─ Das ist meines Erachtens nicht verkehrt, offenbart aber bestenfalls die halbe historische Wahrheit.

Monica:
Aber lass uns zunächst weiter die Tatsachen nachvollziehen, Wittenberg, die wilden Spekulationen können wir hinterher anstellen!

Wittenberg:
Was folgte, war ein eiskalt geplanter und anschließend mit kleinen Fehlern durchgeführter Doppelmord.

Monica:
So einfach ist das?

Wittenberg:
Hauptmann Pabst organisierte in der in Rede stehenden Nacht zwei Gefangenentransporte, die angeblich zum Moabiter Gefängnis abgehen sollten.
Führer des ersten Transportes war der Kapitänleutnant Horst von Pflugk-Harttung. Er hatte den Befehl, den offenen Wagen mit Karl Liebknecht im Fond durch den Tiergarten fahren zu lassen. Dort wurde von dem Fahrer eine Autopanne vorgetäuscht. Der Kapitänleutnant fragte den durch einen Kolbenschlag des Jägers Runge und durch Faustschläge des Oberheizers von Rzewuski geschwächten Liebknecht, ob der sich in der Lage sehe, den Weg nach Moabit fürs erste zu Fuß fortzusetzen. Karl Liebknecht bejahte das, stieg aus und bewegte sich in die angewiesene Richtung. Zwischen dem Neuen See und der Charlottenburger Chaussee wurde er dann von Kapitänleutnant Horst von Pflugk-Harttung und weiteren Marineoffizieren hinterrücks und heimtückisch, angeblich auf der Flucht erschossen. Drei Schüsse trafen ihn; er war sofort tot. Der Wagen, ein NSU, stand hernach selbstverständlich voll funktionstüchtig wieder zur Verfügung. Liebknechts Leiche wurde von seinen Mördern als die eines „unbekannten Spartakisten“ auf einer Rettungsstation gleich gegenüber vom Eden-Hotel abgeliefert. Sie war etwa dort eingerichtet worden, wo sich heute das Elefantentor zum Zoo befindet.
Der Führer des zweiten Transportes war der berühmte Oberleutnant Kurt Vogel. Er stand in dieser Nacht als Verbindungsoffizier zu der Wilmersdorfer Bürgerwehr dem Hauptmann Pabst zur Verfügung. Vogel galt als zuverlässig und ergeben; außerdem hatte er einen brauchbaren Wagen und einen eigenen Chauffeur dabei. Als Bedeckung fungierten ein paar Mann aus Pabsts Stabswache.
Der Hauptmann Pabst war keineswegs ein Schwachkopf. Es brauchte ihm niemand zu erklären, dass der frühdemokratischen Öffentlichkeit zur Verschleierung der Ermordung der Rosa Luxemburg eine andere, bessere Geschichte aufgetischt werden müsste als die vergleichsweise schlichte Lüge von der „Erschießung auf der Flucht“ im Falle Liebknecht. Niemand würde der GKSD abkaufen, dass eine kleine, behinderte, nicht mehr ganz junge Frau einem Trupp kampferprobter Soldaten habe entlaufen wollen und können.

Monica:
Wie stellst du dir das vor, Wittenberg, glaubst du ernsthaft, bei allem, was man, etwas hochtrabend vielleicht, „historische Erkenntnis“ nennen könnte, komme es in erster Linie darauf an, wer die bessere Geschichte zu erzählen habe?

Wittenberg:
In wenigen Jahren sehen wir uns mit dem 100. Todestag von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht konfrontiert. Die kaltblütig organisierte und durchgeführte Ermordung der beiden bedeutenden Führer des deutschen Kommunismus‘ jährt sich zum hundertsten Male. Und trotz der sicherlich ausreichend großen zeitlichen Distanz gibt es nach wie vor Unklarheiten über die politischen Hintermänner des Hauptmannes Pabst und seiner Garde-Kavallerie-Schützen-Division.

Monica:
Vornehmlich verantwortlich dafür sind deiner Ansicht nach — die Geschichtenerzähler?

Wittenberg:
Waldemar Pabst ist erst 1970 gestorben. Er hat jahrzehntelang auch und gerade, wenn er redete, seine Schnauze gehalten. Er wurde niemals angeklagt, geschweige denn verurteilt und bestraft.

Monica:
Er war also ein guter Geschichtenerzähler?

Wittenberg:
Einer der besten, Monica, man kann manches von ihm lernen.

Monica:
Die Leiche der Rosa Luxemburg hat er in den Landwehrkanal schmeißen lassen, der verdammte Kackstiefel!

Wittenberg:
Das war keineswegs Pabsts Idee!

Monica:
Nein?

Wittenberg:
Nein, das hat, nach allem, was wir zu wissen glauben, der Oberleutnant Vogel veranlasst.

Monica:
Ob nun Vogel oder Pabst — macht das einen Unterschied?

Wittenberg:
Das macht einen himmelweiten Unterschied aus, Monicaleben.

Monica:
Wittenberg, wie kannst du so verflucht sicher sein, dass ausgerechnet deine Version der Geschichte die richtige ist?

Wittenberg:
Rosa Luxemburg wurde erschlagen, verprügelt, erschossen und ertränkt.

Monica:
Wittenberg, wenn du wieder maßlos übertreibst, dann glaubt dir doch kein Mensch, und alles Forschen und Grübeln war vergebens.

Wittenberg:
Hauptmann Pabst hatte einen halbwegs plausiblen Lügenroman ausgeheckt. Er imaginierte eine erregte Menschenmenge, unverhofft aufgetauchte, unbekannte Elemente in großer Zahl, die es der Begleitmannschaft schwierig bis unmöglich gemacht hätten, die Situation um den Gefangenentransport unter Kontrolle zu halten.
Der Wagen wird in Pabsts Szenarium umringt von der aufgeputschten Volksmenge und zum Anhalten gezwungen. Wenig später werde jemand aus dem „erregten Menschenknäuel“ auf das Trittbrett aufspringen und die Luxemburg erschießen. Entscheidend sei, dass der Mann so schnell aufspringe, schieße und wieder abspringe, dass niemand ihn beschreiben könne. Das dürfte, so der Hauptmann, bei Nacht und Dunkelheit kein Problem sein.

Monica:
Aber das ist doch vollkommen unglaubwürdig. Wer sich einem in rascher Fahrt befindlichen Militärfahrzeug in den Weg stellt, der riskiert sein Leben.

Wittenberg:
Vor allem war das Hotel weiträumig abgesperrt und abgesichert. Indes, die Untergebenen Pabsts zeigten sich mit der ihnen aufgetischten, etwas hanebüchenen Story zufrieden und gingen gehorsam ans Werk. Zunächst einmal wurde ein Freiwilliger gesucht und gefunden, dem die Hauptrolle des unbekannten Pistolenschützen auf dem Trittbrett zu spielen als Ehre galt.

Monica:
Der Mörder?

Wittenberg:
Einer der Mörder.

Monica:
Wie viele waren es denn?

Wittenberg:
Mindestens vier — nach meiner persönlichen Berechnung.

Monica:
Vielleicht solltest du lieber Krimis schreiben, Wittenberg, mit besonderer Berücksichtigung der Dialogführung.

Wittenberg:
Es ist sogar möglich, wie nach deutschem Recht unerlässlich, die individuellen Tatbeiträge anzuführen.

Monica:
Also schön, Wittenberg, ich bin ganz Ohr.

Wittenberg:
Wir befinden uns vor dem Hauptportal des Eden-Hotels, gegen 11 Uhr 30 abends. Die eindrucksvolle Drehtüre war mittlerweile ausgehoben worden. Täter Nr. 1 tritt auf den Plan. Er war von dem Hauptmann Petri, Eisenbahnreferent der GKSD, angestiftet und bezahlt worden — und zwar ohne das Wissen von Hauptmann Pabst. Es handelt sich um den Jäger, später Husar, Otto Wilhelm Runge. Der hatte schon Karl Liebknecht hinterrücks einen Kolbenschlag versetzt. Jetzt schlug er mit voller, mörderischer Wucht mit dem Gewehrkolben auf Rosa Luxemburgs Kopf ein. Die kleine Frau fiel bewusstlos hintenüber; sie verlor dabei einen Schuh und ihre Handtasche. Runge versetzte der auf dem Trottoir Liegenden einen zweiten heftigen Schlag mit dem Gewehrkolben. Oberleutnant Vogel, der Verantwortliche für den Transport, hatte Rosa Luxemburg den Vortritt aus dem Hotel gelassen. Er schritt erst ein, als Runge zu einem dritten Kolbenschlag ausholen wollte.

Monica:
Aber deswegen ist der Jäger Runge noch lange kein Mörder, oder?

Wittenberg:
Kolbenschläge gegen den Kopf können, wie jeder Soldat weiß, tödliche Folgen haben. Im konkreten Fall müssen wir ausgehen von: Bewusstlosigkeit, Gehirnerschütterung und eventuell von intrakraniellen Blutungen.
Die Besinnungslose wurde nun von der ekelhaften Soldateska in das bereitstehende Militärfahrzeug geschleift. Täter Nr. 2, Edwin von Rzewuski, Mitglied der Wilmersdorfer Bürgerwehr und Oberheizer a. D., mischte sich abermals ein. Er sprang auf ein Trittbrett des Wagens — vermutlich auf das rechte — und versetzte der wehrlosen Rosa Luxemburg einige Faustschläge ins Gesicht. Anschließend sprang er wieder ab.

Monica:
Das dreckige, feige Schwein! — Aber einen Mord wirst du ihm kaum nachweisen können, nicht wahr?

Wittenberg:
Wir untersuchen einen Mord mit den Tatbeiträgen mehrerer Täter.

Monica:
Wer? „Wir“?

Wittenberg:
Die selbsternannte „Historische Kommission zur Untersuchung der Kriminalgeschichte der deutschen Sozialdemokratie“.

Monica:
Wow!

Wittenberg:
Der Schuss fiel, als sich Vogels offener Wagen der Marke „Priamus“ oder „Phaeton“ weniger als 100 Meter vom Hotel entfernt hatte, etwa auf der Höhe der Nürnberger Straße.

Monica:
Wer hat geschossen?

Wittenberg:
Darüber waren die Gelehrten naturgemäß lange Jahre unterschiedlicher Auffassung.

Monica:
Aber ausgerechnet du hast das Rätsel gelöst?

Wittenberg:
Weißt du übrigens, dass es Frauen gibt, die mich, was das Aussehen anbelangt, mit Cary Grant vergleichen?

Monica:
Angeber!

Wittenberg:
Täter Nr. 3 war sehr wahrscheinlich der Leutnant zur See Hermann W. Souchon. Der hatte sich seinem Hauptmann Pabst als Freiwilliger für die Exekution der Rosa Luxemburg zur Verfügung gestellt. Er sprang auf das linke Trittbrett des Transportfahrzeugs auf. Zuerst versagte seine Pistole, eine Mauser, Kaliber 7,65 mm. Dann schoss er Rosa Luxemburg in die Schläfe. Der Schuss trat links vor dem Ohr ein und auf der gegenüberliegenden Seite etwas tiefer wieder aus. Die Schädelbasis des Opfers wurde aufgesprengt, der Unterkiefer durchtrennt. Der Obduzent, der Geheime Medizinalrat Prof. Dr. Straßmann, bekundete, Rosa Luxemburg sei sofort tot gewesen. Als Todestag und Todeszeitpunkt dürfen festgehalten werden: der 15. Januar 1919, 23 Uhr 45.

Monica:
Wittenberg, du erzählst mir die traurige Geschichte, als wärest du dabei gewesen. — So etwas kannst du nicht machen; das ist verrückt; du bist doch kein geschichtliches Weltgewissen.

Wittenberg:
Den Leutnant zur See Souchon hatte Dieter Ertel 1969 in seiner Fernsehdokumentation als mutmaßlichen Mörder von Rosa Luxemburg benannt. Damals lebte Souchon noch. Er zog gegen das öffentlich-rechtliche deutsche Fernsehen, gegen SDR/SWR, vor Gericht. Er gab dabei zu, an dem Transport beteiligt gewesen zu sein. Aber er bestritt, den tödlichen Schuss abgegeben zu haben.

Monica:
Vermutlich hatte ihm ein Vögelchen gezwitschert, dass Mord keineswegs verjähre.

Wittenberg:
Ich glaube nicht einmal, dass Souchon sich vor Bestrafung fürchtete.

Monica:
Nein?

Wittenberg:

Er wollte einfach keinen ehrenrührigen demokratischen Kotzflecken auf seiner bislang makellosen Offiziersweste dulden.

Monica:
Du hattest mir gleich vier Mörder versprochen, Wittenberg!

Wittenberg:
In dem Prozess vor dem Feldkriegsgericht, dem Sondergericht mit Exzellenz Generalleutnant von Hofmann, dem Chef der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, als „Gerichtsherren“, der im Mai 1919 von Vorgesetzten und Gesinnungsgenossen der Täter im Schwurgerichtssaal des Moabiter Kriminalgerichtes als grottenschlechte Justizkomödie inszeniert werden durfte, wurde der Zeuge Hermann Souchon zum Fall Luxemburg gar nicht erst vernommen. Er sagte im Prinzip nur aus, dass er an dem Transport von Karl Liebknecht nicht beteiligt gewesen sei. Dann wurde er vereidigt und war entlassen.

Monica:
Wittenberg, wenn du mir die Bemerkung gestatten möchtest: Es wird in deiner Erzählung nicht immer deutlich, wann die Lügen des Hauptmannes Pabst enden und wo die Wirklichkeit beginnt. — Nehmen wir den vermutlich tödlichen Schuss in den Kopf von Rosa Luxemburg zum Exempel. Meiner Ansicht nach stellst du das viel zu dramatisch dar. Als eine Art Abenteuerroman. Oder als Hollywoodfilm. Wenn ich dich richtig verstanden habe, war das Transportfahrzeug voll besetzt. Fahrer, Beifahrer, Oberleutnant Vogel; Rosa Luxemburg saß betäubt, bewusstlos auf der Rückbank, rechts und links neben ihr zwei Bewacher.

Wittenberg:
Es liegt eine Skizze bei den Gerichtsakten, die das Arrangement zu bestätigen scheint.

Monica:
Und nun stelle dir die Szene noch einmal bildlich vor, aber bitte mit kritischer Distanz zu den eigenen Imaginationen. Der Todesschütze kann unmöglich auf den fahrenden Wagen aufspringen, meinetwegen auf das linke Trittbrett, schießen und wieder abspringen, ohne dabei sich selbst und vor allem seine Mordkomplizen zu gefährden. Er hätte leicht den rechts von Rosa Luxemburg sitzenden Kameraden treffen können. Eine unkontrollierte, plötzliche, heftige Lenkbewegung des Fahrers, eine gewisse Unebenheit der Straße hätte vielleicht schon ausgereicht. Das Risiko wäre einfach zu groß gewesen.

Wittenberg:
Medizinalrat Straßmann hat eine Bemerkung, die genau darauf abzielt, in seinen Obduktionsbericht geschrieben. Offenbar war auch er mit den phantastischen Erfindungen der GKSD konfrontiert worden. — Ich habe der Marginalie wahrscheinlich nicht die gebührende Aufmerksamkeit gezollt.

Monica:
Wir müssen Tempo, wir müssen Geschwindigkeit aus der Geschichte nehmen, sonst wird das alles nichts.

Wittenberg:
Den Film langsamer ablaufen lassen …

Monica:
… möglichst in Zeitlupe!

Wittenberg:
Du meinst also …

Monica:
Ich meine, Vogel und Souchon haben sich verabredet. Der Leutnant zur See Souchon wartete Kurfürstendamm, Ecke Nürnberger Straße auf den Luxemburg-Transport. Oberleutnant Vogel ließ langsam fahren, vielleicht sogar kurz anhalten. Souchon stieg in aller Ruhe auf das besagte Trittbrett. Ein Transportbegleiter, der dort wohl schon stand, machte Platz; die Soldaten neben Rosa Luxemburg rückten beiseite; der rechts neben ihr wird sich nicht nur nach außen, sondern vor allen Dingen nach vorne bewegt haben. Dann erst schoss Souchon. Beim ersten Versuch versagte seine Pistole. „Typisch Marine!“ hätte mein Vater dazu gesagt. Der zweite Schuss war ein Volltreffer. — Auf kürzeste Distanz treffen sogar Matrosen, wenn das Wetter mitspielt.

Wittenberg:
Damit hätten wir nicht nur Täter und Mordmotiv, sondern auch den Tatort.

Monica:
Wir reden wie Detektive oder wie Kriminalisten, und das zu allem Überfluss auch noch auf dem Polizeirevier Moritzstraße, Berlin-Spandau.

Wittenberg:
Im Mittelpunkt des immerhin vorhandenen öffentlichen Interesses stand damals, neben dem Kolbenschläger Runge, eindeutig Oberleutnant a. D. Vogel, als charakterköpfiger Truppführer beim Abtransport von Rosa Luxemburg. Er war bereits im Februar 1919 von Leo Jogiches in einem sensationellen Artikel in der „Roten Fahne“ als Mörder der Rosa Luxemburg verdächtigt worden.

Monica:
Aber er hat es nicht getan?

Wittenberg:
Er hat als verantwortlicher Offizier den Mord an seiner Schutzbefohlenen auch nicht gerade verhindert. Von ihm stammte die saublöde Idee, die Leiche der Rosa Luxemburg nach nur kurzer Fahrt in der Nähe der Lichtensteinbrücke in den Landwehrkanal werfen zu lassen.

Monica:
War Rosa Luxemburg zu dem Zeitpunkt nicht bereits tot? Du hast es eben selber unbedacht gesagt: „… die Leiche der Rosa Luxemburg …“

Wittenberg:
Für mich ist Oberleutnant Vogel der Täter Nr. 4. Er konnte nicht genau wissen, ob der Pistolenschuss seines Komplizen Souchon zum sofortigen Tod von Rosa Luxemburg geführt hatte.

Monica:
Er hätte also nach deiner Lesart eine schwer verletzte Frau ins Wasser werfen und ertränken lassen?

Wittenberg:
Es könnte so gewesen sein, Monicaleben.

Monica:
Mittäterschaft, Beihilfe, Beihilfe nach der Tat, Begünstigung, das Beiseiteschaffen einer Leiche, Pflichtverletzung als Wachhabender ─ ein Unschuldslamm sieht anders aus.

Wittenberg:
Hauptmann Pabst war außer sich. Er drohte dem Oberleutnant, der nicht einmal zu seinem Stab gehörte, dienstliche, dienstrechtliche Konsequenzen an.

Monica:
Warum denn? Die Luxemburg war doch auftragsgemäß vom Leben zum Tode gebracht worden.

Wittenberg:
Erstens wegen der brutalen Kolbenschläge des Jägers Runge: Vogel hätte das verhindern müssen, damit nicht von Anfang an die GKSD als undisziplinierter Haufen von Landsknechten unter Mordverdacht geriete. Zweitens: Pabst wäre es nicht im Traume eingefallen, Rosa Luxemburg quasi vor den Haustüren des Eden-Hotels, um die Ecke, beim Tiergarten, kurz vor der Lichtensteinbrücke, in den Landwehrkanal hineinschmeißen zu lassen.

Monica:
Er hätte einen weiter entfernt gelegenen Tatort bevorzugt?

Wittenberg:
Außerdem gab es Zeugen, nämlich die Brückenwache, befehligt von Hauptmann Weller.

Monica:
Aber …

Wittenberg:
Was – aber?

Monica:
Eigentlich …

Wittenberg:
Oder auch uneigentlich …

Monica:
… wolltest du einen kleinen Beitrag zur Kriminalgeschichte der SPD leisten. Bislang jedenfalls konntest du nur den Hauptmann Pabst, dessen Offiziere und Mannschaften belasten. ─ Das ist unbefriedigend, wenn ich dir das direkt so sagen darf.

Wittenberg:
Es kömmt nunmehr darauf an, den Genossen Ebert in einem völlig neuen Lichte zu betrachten.

Monica:
Ebert? Nicht Noske?

Wittenberg:
Ebert, vor allen Dingen Ebert, nach dem in Deutschland leider noch immer Straßen und Plätze benannt sind.

Monica:
Ebert der Schurke, der sich mit konterrevolutionären Killern gegen die eigenen Genossinnen und Genossen verbündet hat?

Wittenberg:
Ebert ist 1925 gestorben. Hindenburg wurde sein Nachfolger. Hindenburg gilt als böse, weil er Hitler zum Reichskanzler ernannt hat. Aber Ebert ist nachgeborenen Generationen seltsamerweise als guter Kerl in Erinnerung geblieben, obwohl er dafür verantwortlich zu machen ist, dass die angebliche „Revolutionsregierung“ sich mit den restlos kompromittierten Repräsentanten des alten Regimes, mit der Obersten Heeresleitung, mit Hindenburg und Ludendorff, zudem mit kaisertreuen Fronttruppen und Freikorps verbündete, also dafür Sorge trug, dass monarchistische, konterrevolutionäre Militärs die Macht im republikanischen Staatswesen an sich reißen durften.

Monica:
Mit Widersprüchen dieses Kalibers ist schwerlich umzugehen, was, Wittenberg? Aber wie steht es mit handfesten, konkreten Beweisen, dass die sozialdemokratische Parteiführung so weit ging, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zum Abschuss freizugeben?

Die uniformierte Polizistin kommt zurück in den Warteraum.

Polizistin:
Ich freue mich, dass Sie offenbar wohlauf und bei bester Laune sind. Gegen Tote wird, wie Sie vielleicht wissen, von Amts wegen nicht mehr ermittelt. Also lassen Sie den verstorbenen Reichspräsidenten Ebert am besten in Frieden ruhen. ─ Darf ich zuerst Sie bitten, Herr Wittenberg, die Kriminalpolizei hat einige vordringliche Fragen an Sie zu richten.

Wittenberg:
Werde ich als Zeuge befragt oder als Verdächtiger verhört?

Polizistin:
Das kommt darauf an.

Wittenberg:
So? Das kommt also darauf an?

Polizistin:
Sie sagen es, Herr Wittenberg.

Wittenberg:
Ich sage es, weil Sie es sagen.

Polizistin:
Es hat Gespräche mit der Polizei gegeben, die begannen als Befragung, wandelten sich innerhalb kürzerer oder längerer Zeit zum Verhör und endeten mit vorläufiger Festnahme und Vorführung beim Haftrichter.

Wittenberg:
Soll das eine Drohung sein, Madame?

Polizistin:
Aber nein, ich beantworte nur Ihre Frage, Herr Wittenberg, weiter nichts.

Monica:
Denke immer selber daran, was du mir geraten hast, Wittenberg: Schnauze halten!

Polizistin:
Ich möchte bezweifeln, dass das eine vorteilhafte Überlebensstrategie darstellt, Frau …

Monica:
Monica, nennen Sie mich bitte einfach Monica.

31. Oktober 2016

„Freie Affen“ Teil 15

Freie Affen Theaterstück Von Reinhard Tantow Berlin, April/Mai 2016

Fünfzehnte Szene: Reformationsplatz

Am Nachmittag auf dem Reformationsplatz. Einer der vermummten, furchtbaren Aggressoren liegt, gut sichtbar, ausgestreckt auf dem Rücken auf dem Bühnenboden. Das schwarze Tuch wurde ihm abgenommen. Sein Baseballschläger, mit deutlichen Spuren menschlichen Gebrauchs, liegt, schräg zum Publikum, gleich neben ihm. Der Mann ist tot. Weiter rechts hält Monica Zoltan in den Armen. Wittenberg hockt wimmernd neben Anastasia. Die Wolfshunde wurden erschlagen. Der Tatort ist mit Flatterband abgesperrt. Im Hintergrund zunächst nur ein großes Polizeifahrzeug, ein Mannschaftswagen. Richard sitzt apathisch auf der Bank rechts außen. Ein Polizist in Uniform hält sich in seiner Nähe auf und beobachtet ihn möglichst unauffällig. Sebastian ist verschwunden. Auch die restlichen schwarzen Schläger sind vorsichtshalber schleunigst abgehauen. Der Polizeifotograf macht Aufnahmen von der Leiche, vom Tatort, auch von der näheren Umgebung. Zwei Kriminalpolizisten gehen langsam auf Monica und Wittenberg zu.

Erster Kriminalpolizist:
Doc Valentin ist unterwegs. Aber die Diagnose dürfte bereits feststehen. Todesursache ist ein phänomenaler Messerstich, unter dem Rippenbogen angesetzt, schräg nach oben geführt und direkt ins Herz.

Zweiter Kriminalpolizist:
Feststehende Klinge?

Erster Kriminalpolizist:
Anzunehmen. Breit, aber nicht zu breit. Lang genug mit Sicherheit.

Zweiter Kriminalpolizist:
Tatwaffe?

Erster Kriminalpolizist:
Unauffindbar.

Zweiter Kriminalpolizist:
Beiseite geschafft?

Erster Kriminalpolizist:
Davon ist auszugehen.

Zweiter Kriminalpolizist (zu Monica und Wittenberg):
Kommen Sie bitte, der Tatort muss geräumt werden, der Gerichtsmediziner trifft gleich ein. Wir haben Ihnen außerdem einige Fragen zu stellen.

Monica:
Die Dreckhaufen haben unsere Hunde erschlagen! Zoltan und Anastasia. Aus purer Lust am Morden! Warum gehen Sie nicht und verhaften die Schweine? Sie dürften Ihnen seit Jahren bestens bekannt sein.

Wittenberg:
Ruhig, Monica, nicht provozieren lassen, ganz ruhig bleiben.

Zweiter Kriminalpolizist:
Das hätten Sie sich überlegen sollen, bevor Sie den Mann erstochen haben, Herr …

Wittenberg:
Wittenberg ist der werte Name. — Wir haben niemanden erstochen. Merken Sie sich das bitte, Herr Wachtmeister.

Erster Kriminalpolizist:
Und wie erklären Sie sich den Toten, keine zwei Meter neben Ihnen?

Wittenberg:
Den erkläre ich mir gar nicht.

Monica:
Erklären Sie sich das Aas gefälligst selber. Dafür werden Sie schließlich vom Staat fürstlich entlohnt.

Wittenberg:
Ruhe, Monica, am besten: Schnauze halten!

Erster Kriminalpolizist:
Ich möchte Sie noch einmal auffordern, den Tatort zu verlassen. Sie behindern sonst die Spurensicherung.

Monica:
Ich scheiße auf Ihre Spurensicherung, Sie gemeiner Bulle. — Meine Hunde sind tot!

Der Erste Kriminalpolizist winkt vier Uniformierte heran. Sie kommen angelatscht, ziehen Monica und Wittenberg hoch und führen sie nach hinten zu dem zweiten Mannschaftswagen, der mittlerweile (links) an der Ecke Carl-Schurz-Straße aufgefahren ist. Nach wenigen Schritten befreit sich Monica aus dem Griff der Polizisten. Sie bleibt stehen, zieht das violette Tuch aus der Brusttasche ihrer Jacke und bindet es sich um den Hals. Dann erst geht sie weiter zum Polizeifahrzeug.

Erster Kriminalpolizist:
Ich fürchte, es wird schwer werden.

Zweiter Kriminalpolizist:
Das übliche Versteckspiel.

Erster Kriminalpolizist:
Die Schwarzen beschuldigen die Roten, und die Roten verdächtigen die Schwarzen.

Zweiter Kriminalpolizist:
Wir müssen unbedingt das fabelhafte Kampfmesser finden.

Erster Kriminalpolizist:
Wir haben alle noch Anwesenden gründlich durchsucht — mit negativem Erfolg.

Zweiter Kriminalpolizist:
Die Frau könnte es gewesen sein. Sie wollte ihre Hunde rächen und zeigt keinerlei Reue.

Erster Kriminalpolizist:
Ich meine, es ist noch zu früh, konkrete Aussagen über eine mögliche Täterschaft zu machen.

Die beiden Kriminalpolizisten gehen zu Richard auf die rechte Seite der Bühne.

Erster Kriminalpolizist:
Guten Tag.

Richard antwortet nicht. Er schaut noch nicht einmal zu den Beamten auf.

Zweiter Kriminalpolizist:
Guten Tag!

Richard antwortet wieder nicht.

Erster Kriminalpolizist:
Können Sie nicht antworten? Sind Sie schwerhörig oder gar taub?

Richard:
Lassen Sie mich bitte in Frieden, meine Herren Staatsmacht.

Erster Kriminalpolizist:
Das ist allein unsere Entscheidung, wen wir in Frieden lassen und wen nicht. Vorläufig befragen wir Sie lediglich als Zeuge.

Richard:
Ich habe nichts zu bezeugen.

Zweiter Kriminalpolizist:
So wie der Appetit manchmal erst beim Essen kommt, ist es auch mit Zeugenaussagen. Oft kommt die Erinnerung erst, wenn einem die richtigen Fragen gestellt werden.

Richard:
Ich werde keine Fragen beantworten.

Erster Kriminalpolizist:
Sie sind zur Beantwortung der Fragen, die die Polizei Ihnen stellt, sogar verpflichtet.

Richard:
Das gilt keineswegs unter allen Umständen.

Erster Kriminalpolizist:
Kommen Sie bitte mit uns zum Einsatzleiter der Schupo. Sie müssen ebenfalls identifiziert werden.

Die Kriminalpolizisten begleiten Richard nach hinten zu den Mannschaftswagen der Schutzpolizei. Der Gerichtsmediziner untersucht den Leichnam. Er hält sich nicht lange damit auf. Zwei Sargträger erscheinen und stellen den Zinksarg bereit. Endlich betritt Mrs. Sanders mit wehenden Haaren und wehendem Mantel die Szene. Sie hat wieder ihr Walkie-Talkie dabei.

Mrs. Sanders:
Meine Herren, einen Augenblick!

Mrs. Sanders will unter dem Flatterband hindurch, wird aber von einem der Polizisten in Uniform daran gehindert.

Mrs. Sanders:
Wissen Sie nicht, wer ich bin? Ich muss unbedingt Ihren Vorgesetzten sprechen. Es ist dringend.

Polizist in Uniform:
Dann gehen Sie bitte außen herum. Die Absperrung haben wir nicht zum Spaß vorgenommen, und sie gilt für jeden Unbefugten ohne Ausnahme.

Mrs. Sanders:
Ich bin keineswegs eine Unbefugte, aber lassen wir das. Wo finde ich Ihren Chef?

Polizist in Uniform:
Immer der Nase nach, gnädige Frau.

Mrs. Sanders:
Ich bitte mir Respekt aus, junger Mann!

Die Kriminalbeamten kommen über den Reformationsplatz zurück und hören der Auseinandersetzung belustigt zu.

Mrs. Sanders (aufgeregt):
Ich habe es kommen sehen, meine Herren! Wenn man rechtzeitig auf mich gehört hätte, dann gäbe es jetzt keine Leiche mitten in der Spandauer Altstadt.

Zweiter Kriminalpolizist:
So beruhigen Sie sich erst einmal, gute Frau.

Mrs. Sanders:
Ich verbitte mir Ihre „gute Frau“, Herr Kommissar!

Erster Kriminalpolizist:
Sie sind Mrs. Sanders, wenn ich mich recht entsinne?

Mrs. Sanders:
Ganz genau.

Erster Kriminalpolizist:
Und Sie repräsentieren gewissermaßen das Altstadt-Management den Geschäftsleuten und auch der Kundschaft, den Altstadtbesuchern gegenüber?

Mrs. Sanders:
Das lässt sich in erster Annäherung so formulieren, Herr Winter.

Erster Kriminalpolizist:
Sie kennen meinen Namen?

Mrs. Sanders:
Selbstverständlich.

Erster Kriminalpolizist:
Womit dürfen wir Ihnen behilflich sein, Mrs. Sanders?

Mrs. Sanders:
Ich wünsche eine Besprechung im Landeskriminalamt über die künftige und hoffentlich verbesserte Zusammenarbeit zwischen dem Revier in der Moritzstraße, der Kripo und meinem Bureau.

Zweiter Kriminalpolizist:
Aber wie stellen Sie sich das vor, Mrs. Sanders?

Mrs. Sanders:
Das werde ich Ihnen genau zu erklären wissen, meine Herren, verlassen Sie sich darauf.

Erster Kriminalpolizist:
Also schön, ich werde das mit Herrn Kriminalrat von Werner absprechen, Mrs. Sanders.

Mrs. Sanders:
Über die Dringlichkeit der Angelegenheit sollten keinerlei vernünftige Zweifel mehr bestehen.

Zweiter Kriminalpolizist:
Wir sind voll im Bilde, Mrs. Sanders.

Mrs. Sanders:
Und lassen Sie bitte endlich diese entsetzliche Leiche abtransportieren! — Auch die Hundekadaver bieten keinen besonders erhebenden Anblick. Wer ist in Deutschland dafür zuständig? Die Müllabfuhr?

15. September 2016

„Freie Affen“ Teil 14

Freie Affen Theaterstück Von Reinhard Tantow Berlin, April/Mai 2016

Vierzehnte Szene: Reformationsplatz

Auf dem Reformationsplatz, im Prinzip deutlich voneinander abgegrenzt: Einerseits Wittenberg, Monica, Zoltan, Anastasia, Richard, Sebastian, Johannes — er trägt einen schwarzen Adidas-Trainingsanzug —; andererseits eine bunt zusammengewürfelte Clique von Alkoholikern. Die Protagonisten verteilen sich auf einem Areal rund um zwei oder drei Sitzbänke. Im Hintergrund die Häuser an der Nordseite des Platzes; zentral gelegen, mit schöner grüner Fassade, das „Café · St. Nikolai · Museum“, Reformationsplatz 12. Rechts hinten, mit dem Rücken zum Publikum, einer dieser unsäglichen, plumpen „Buddy Bären“ (oder wie man die nennt), angestrichen in der Hauptsache in einem merkwürdigen, an Mostrich erinnernden Ockerton, die Rückenpartie zudem mit bläulichen Längsstreifen verziert. Man kann den Eindruck gewinnen, der Bär trage einen altmodischen Badeanzug und sei weniger dem Zoo als vielmehr dem Strandbad Wannsee entlaufen.

Johannes:
Beim Hinsetzen eben hätte ich mir beinahe den Fuß verstaucht.

Richard:
Wie denn das, altes Ungeschick?

Johannes:
Unter der Bank ist eine richtige Kuhle. Ein falscher Tritt und schon bist du Invalide.

Richard steht auf und inspiziert die (vom Publikum aus gesehen) rechte Sitzbank. Er geht in die Hocke und tastet vorsichtig nach dem Fundament unter der linken Bankstütze.

Richard:
Johannes hat recht. Das Fundament hier ist auf etwa 20 cm freigelegt. — Vielleicht sollten wir das Gartenbauamt alarmieren?

Wittenberg:
Die Mitarbeiter dort werden nicht ausgerechnet von uns Aufträge entgegennehmen wollen.

Monica:
Wieso nicht? Wir sind besorgte Bürgerinnen und Bürger wie alle anderen auch. Es geht um Unfallverhütung.

Richard:
Wir könnten die App des Ordnungsamtes nutzen.

Johannes:
Heute hat die Polizei eine ganze Bande hochgenommen — lauter Taschendiebe.

Richard:
In der Altstadt?

Johannes:
Am Vormittag. Am hellichten Tage. Alles Ausländer. Gleich abschieben. Es langt. — Der Papst hat gut reden.

Wittenberg:
Man muss die Umstände, unter denen heimatvertriebene Migranten und Asylanten in Deutschland delinquent werden, zunächst einmal differenziert analysieren, bevor man nach dem Henker ruft.

Monica:
Das hast du wunderschön gesagt, Wittenberg.

Johannes:
Du musst dir um die kriminellen Ausländer keine Sorgen machen, Wittenberg; die Gendarmen werden mit Hilfe eines Dolmetschers ein Protokoll aufnehmen und die ganze Mischpoke nach kurzer Zeit wieder laufen lassen.

Monica:
Einer der Sexualstrolche von Silvester in Köln soll jetzt vor Gericht gestellt werden.

Richard:
Das habe ich im Radio gehört. Ein Algerier aus einer Gruppe von etwa zehn Leuten. Die Anklage lautet auf: „umzingeln, belästigen, bestehlen“.

Wittenberg:
Es wird wieder nichts dabei herauskommen. Die Zeugin kann nach über vier Monaten keinen einzelnen Algerier guten Gewissens als Täter identifizieren.

Johannes:
Anklägerische oder staatsanwaltschaftliche Symbolpolitik.

Sebastian:
Unser Reformationsplatz gilt mittlerweile als „Brennpunktgebiet“. Die Polizei darf Platzverweise erteilen. Wer nicht innerhalb weniger Minuten der Aufforderung, den Platz zu verlassen, folgt, kann bis zu 24 Stunden eingeknastet werden.

Im Hintergrund machen Touristen Fotos von dem „Buddy Bären“.

Monica:
Es ist wirklich angenehm ruhig heute.

Wittenberg:
Man könnte leicht ins Meditieren geraten.

Sebastian:
Worüber möchtest du nachsinnen?

Wittenberg:
Ich frage mich, wie der Niedergang der deutschen Sozialdemokratie vielleicht aufzuhalten geht.

Sebastian:
Kein aufbauendes Thema, Wittenberg, das zieht einen eher mit in die Depression. Warum freust du dich nicht einfach an dem schönen Frühlingswetter?

Wittenberg:
Wir liegen nach den Umfrageergebnissen in der Wählergunst bloß noch fünf Prozent über der AfD! Mit „sozialer Gerechtigkeit“ verbindet kaum noch jemand die SPD. Und unsere Parteiführung fährt unbeirrbar weiter ihren Schlingerkurs in Richtung Mitte.

Sebastian:
Eine letzte Chance gibt es, aber erst müssen die Wahlergebnisse für SPD und Linke weiter bedrohlich in den Keller gehen.

Wittenberg:
Und dann?

Sebastian:
Dann muss es einen Wiedervereinigungsparteitag in Berlin geben. SPD und Linke, Gabriel oder sein Nachfolger und Lafontaine, müssen sich verständigen und Sahra Wagenknecht zur Vorsitzenden und Kanzlerkandidatin der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands wählen lassen.

Wittenberg:
Das werden die kleinen und mittleren Funktionäre in unseren beiden sozialdemokratischen Parteien zu verhindern wissen.

Sebastian:
Einen anderen Ausweg sehe ich nicht.

Wittenberg:
Und im Grunde ist es dir auch egal? Du hast mit der Politik abgeschlossen?

Sebastian:
Aber auch umgekehrt — die Politik hat mit mir abgeschlossen. Diskussionsbeiträge der antikapitalistischen, leninistischen Linken werden instinktiv abgelehnt. Sie gelten unbesehen und ungeprüft als des Teufels. Im Gegensatz dazu lassen sich beispielsweise in Spandau eifrige Bemühungen beobachten, AfD-Sympathisanten „einzubinden“, wie es beschönigend heißt, und für die SPD in die Bezirksverordnetenversammlung zu entsenden.

Wittenberg:
Ich war bei der entscheidenden Kreisdelegiertenversammlung in der Bertolt-Brecht-Oberschule ausnahmsweise anwesend, als stellvertretender Delegierter. Die große Mehrheit der Kreisdelegierten ließ sich auf die neunmalklugen Spielchen des Kreisvorstandes ein und unterstützte die AfD-Leute.

Monica:
Das darf man niemandem erzählen, und es glaubt einem sowieso keiner.

Aus der Gruppe der Alkoholiker löst sich Rollstuhlfahrer Hagen und fährt zu Wittenberg & Co. die kurze Strecke hinüber.

Hagen:
Wittenberg, möchtest du dich mit einem kleinen Einsatz an unserem Wettspiel beteiligen? Der vorletzte Auftritt von Hertha in dieser Saison muss unbedingt entsprechend gewürdigt werden.

Wittenberg:
Mein Urvertrauen in Hertha BSC war nie besonders ausgeprägt, Hagen, und ich fürchte, sie verlieren sogar noch zu Hause gegen die Kellerkinder.

Hagen:
Dann wettest du eben auf Niederlage. Zahlreiche angebliche Hertha-Fans tun das in realistischer Einschätzung der Möglichkeiten „ihrer“ Mannschaft.

Wittenberg:
Das wäre aber ein ausgesprochen unehrenhaftes Verhalten von mir.

Hagen:
Na und? Wenn’s ums Geld geht?

Richard:
Schlimmer als Herthas Niederlagen sind für mich die anschließenden Kommentare des Trainers. Aber er hat Glück. Sein Unernst und sein analytisches Unvermögen werden ihm als „Humor“ abgenommen. — Zum Schluss haben wir wahrscheinlich wieder einen banalen Platz im Mittelfeld zu erwarten.

Monica:
Eine Freundin von mir hatte vor einiger Zeit einen befristeten Job im „Haus des deutschen Sports“ auf dem Olympiagelände. Dabei konnte sie beobachten, wie die jungen Hertha-Cracks mit ihren teuren Autos umgehen. Sie regte sich richtig darüber auf. „Wenn ihr Vater,“ so sagte sie ungefähr, „sich jemals einen Wagen dieser Kategorie hätte leisten können, das wäre für ihn vermutlich der Höhepunkt seines Lebens gewesen, und er hätte das Teil gehegt und gepflegt wie seinen Augapfel.“

Johannes:
Genau, sage mir, wie du mit deinem Auto umgehst, und ich sage dir, wer du bist. — Das ist eine hundertprozentige Lebensregel.

Hagen:
Gibt es irgendein Thema auf der Welt, das ihr Ganoven nicht sofort ins Allgemeingültige und Ewige zu verkehren wisst?

Wittenberg:
Bayern München — dazu fällt uns nichts mehr ein.

Monica:
Hoffentlich schafft Werder Bremen den Klassenerhalt. — Den grünen Jungs gönne ich es von Herzen.

Hagen rollt zurück zu seiner Clique.

Sabine:
Und? Haben sie ein paar Euronen herausgetan?

Hagen:
Fehlanzeige.

Caspar:
Ich habe meine Eingangstür jetzt endlich verstärken können. Drei Stahlriegel. Nicht einmal die GSG 9 kommt ohne Schwierigkeiten in meine Behausung.

Sabine:
Das glaubst aber auch nur du! In meiner Kampfsportzeit hätte ich dir dein Gerümpel notfalls noch selber eingetreten.

Marianne:
Menschen, die sich einmal entschlossen haben, ein
Unbestimmtes Stück des Lebensweges gemeinsam zu gehen,
Liebende, wie sie gemeinhin genannt werden, machen,
Es lässt sich leider nicht vermeiden, unterwegs Fehler.

Sabine:
Ich dachte, mit dem Thema „Männer“ sind wir durch, und zwar endgültig.

Marianne:
Sie drücken sich falsch oder feindselig aus,
Geben, womöglich mitten in der Nacht,
Unbedachte Äußerungen von sich,
Trinken viel zuviel Alkohol,
Bieten Anlass zur Eifersucht,
Wollen gewisse Gewohnheiten,
Die den Partner zur Weißglut treiben,
Partout nicht ablegen.

Sabine:
Du scheinst dir mächtig Gedanken gemacht zu haben, Marianderl. Aber glaube mir: Das ist alles für die Katz! Die Kerle sind es nicht wert, dass wir unsere kostbare Lebenszeit an sie verschwenden.

Marianne:
Fragen der Hygiene sind keineswegs zu unterschätzen,
Auch die notwendige Verständigung über gemeinsam
Als angenehm empfundene Sexualpraktiken
Gelingt nicht immer reibungslos.

Sabine:
Im Prinzip läuft alles einzig und allein darauf hinaus, ob und wie lange sie unsere Titten mögen. Früher oder später erkennen sie ihren Irrtum und suchen sich eine neue Spielkameradin.

Marianne:
Die Möglichkeit einer Trennung
Steht permanent einerseits
Als Risiko, als Bedrohung, als Gefahr,
Andererseits aber auch als Chance
Zu Neuanfang und Befreiung
Im logischen und emotionalen Raum
Des Beziehungsalltags.

Sabine:
Um sich trennen zu können, muss man erst einmal zusammenfinden.

Marianne:
Auf diese Weise lassen sich derartige Entwicklungen
Zur Psycho-Physiologie des Liebeslebens wenigstens
Annäherungsweise und halbwegs verständlich
Beschreiben, aber das Gesagte bleibt unbefriedigend,
Denn es bietet offenkundig keinen allgemein verbindlichen
Und gangbaren Ausweg aus der Misere.

Sabine:
Die meisten Paare, die ich kenne, bleiben nur deshalb zusammen, weil sie zu feige sind, einen Schlussstrich zu ziehen.

Marianne:
Auffällig ist indes eine stets und ständig wiederkehrende
Radikalität des Anspruchsdenkens, die ansonsten
Überhaupt nicht radikale Persönlichkeiten ausgerechnet
Gegenüber ihrem Lebensgefährten glauben entfalten zu müssen.
Die althergebrachte Forderung nach dem „idealen Gatten“
Oder dem „reifen Charakter“, dem „anständigen Menschen“
Wird natürlich längst nicht mehr in unverblümter Art und Weise
                                                                                                            erhoben.
Die Methoden sind auch in Liebesdingen merklich subtiler geworden.

Sabine:
Subtilität und Finesse müssen mir bei meinen Männern komplett entgangen sein.

Marianne:
Es könnte sich deshalb als nützlich erweisen, über offene
Und mehr noch über versteckte Erscheinungsformen des
                                                                        Irrationalismus
In der Ästhetik des Liebeslebens nachzudenken. Eine einseitig,
Um nicht zu sagen: undialektisch aufgefasste Sexualität bietet sich
Als Einfallstor für Hirngespinste und Dämonen aller Art geradezu an.

Sabine:
Lecken, blasen, ficken — das und nur das verstehen Männer unter einer befriedigenden Sexualität. Als Schulungsmaterial dienen ihnen Pornofilme. Sie sind narzisstische, polymorph perverse, aufgeklärte und manipulative Phallokraten.

Johannes (ruft hinüber zu Sabine):
Komm her, mein Schatz, ich möchte dich übers Knie legen!

Sabine:
Du dürres Klappergestell, wage es nur, mich anzurühren!

Ein Junge kommt mit dem Fahrrad angefahren. Er hält neben Hagen an und flüstert ihm etwas ins Ohr. Der wirkt plötzlich wie elektrisiert und wendet seinen Rollstuhl (nach links) in Richtung Carl-Schurz-Straße.

Hagen (zu seinen Leuten, die sich um ihn gruppiert haben):
Abflug!

Johannes (zu Sabine):
Sabine, warte! Du hast versprochen, mir Zigaretten zu drehen.

Sabine:
Hast du Tabak und Blättchen gekauft?

Johannes rennt Sabine und der Clique um Rollstuhlfahrer Hagen hinterher. Wittenberg und die Seinen schauen ihnen allen verwundert nach.

Monica:
So etwas nennt man wohl nicht bloß in Künstlerkreisen einen „unglaublich starken Abgang“.

Sebastian:
Vielleicht sollten wir uns auch lieber verkrümeln?

Wittenberg:
Das kommt überhaupt nicht in Frage!

Richard:
Gut überlegen, dann erst die große Schnauze, Wittenberg.

Wittenberg:
Wir haben nichts verbrochen, Richard, und folglich ein Recht, uns hier aufzuhalten.

Richard:
Was glaubst du, warum sind Hagen und seine freien Affen so schnell verschwunden?

Wittenberg:
Vielleicht weil sie Hosenscheißer sind?

Monica:
Sie sind einfach abgehauen, ich fasse es nicht, und ohne uns ein Wort zu sagen.

Plötzlich ertönt ein schrilles, ohrenbetäubendes Pfeifen. Aus Richtung Havelstraße (von rechts her) stürmt eine Gruppe vermummter, schwarz gekleideter Gestalten auf die Bühne. Es handelt sich um mindestens ein halbes Dutzend Mann. Jeder hat einen schweren Baseballschläger als Waffe dabei. Der Trupp nimmt geordnet nebeneinander Aufstellung. Die Baseballschläger werden wie ein Gewehr geschultert. Monica hält Zoltan, Wittenberg hält Anastasia fest.

Der Anführer der Vermummten (schreit):
Freiheit! Heimat! Vaterland!

Zwei Vermummte bleiben stehen und schlagen ihre Baseballschläger immer wieder im Rhythmus gegeneinander: Eins – zwei – eins, zwei, drei – eins, zwei, drei, vier – Let’s go! Die anderen Vermummten heben ihre Baseballschläger hoch und rücken langsam gegen Monica und Wittenberg, gegen die Hunde, gegen Richard und Sebastian vor. Plötzlich setzt der Schlagrhythmus aus.

Die Vermummten (schreien im Chor):
Freiheit!

Das rhythmische Gegeneinanderschlagen der Holzknüttel setzt wieder ein und hört nach relativ kurzer Zeit abermals auf.

Die Vermummten (schreien im Chor):
Heimat!

Die beiden Taktgeber beginnen noch einmal. Wieder kehrt Stille ein.

Die Vermummten (schreien im Chor):
Vaterland!

Endlich gibt der Anführer der Vermummten mit seiner furchtbaren Trillerpfeife das Zeichen zum Angriff.

Anführer der Vermummten (schreit):
Draufschlagen, Männer! Keine Gnade!

Die Wolfshunde bellen. Während der Tumult auf der Bühne vollends erschreckende Formen annimmt, schließt sich der Vorhang.

12. September 2016

„Freie Affen“ Teil 13

Freie Affen Theaterstück Von Reinhard Tantow Berlin, April/Mai 2016

Dreizehnte Szene: Zitadelle

Monica und Wittenberg, Anastasia und Zoltan besuchen die große Ausstellung historischer Bildhauerkunstwerke aus den Berliner Bezirken, die auf den Höfen der Spandauer Zitadelle zusammengetragen worden sind und nun dem staunenden Publikum in völlig neuer Perspektive präsentiert werden. Höhepunkte sind zweifellos die steinernen Überbleibsel der legendären „Puppenallee“ aus dem Tiergarten und, natürlich, das Leninhaupt. Es stammt von dem Lenin-Denkmal her, das zu DDR-Zeiten auf dem Leninplatz in der Nähe des Volksparks Friedrichshain gestanden hatte. Nicht lange nach der konterrevolutionären „Wende“ war die siegreich gebliebene Reaktion darangegangen, das zum Gedenken an die Russische Oktoberrevolution errichtete Mahnmal unter Polizeischutz zu zerstückeln und niederzureißen. Immerhin noch recht zahlreich erschienene Gegendemonstranten hatten dabei das seltene Vergnügen, den zähen, gleichsam militanten Widerstand des granitenen Lenins gegen seine gekauften Zerstörer beobachten zu können. Die willigen Destruktivkräfte stießen auf ungeahnte Schwierigkeiten. Sie brauchten mehrere Tage, um überhaupt erste Ansatzpunkte für ihre in der Tat beeindruckenden Werkzeuge zu finden. Die gemeine Denkmalsschändung verzögerte sich beträchtlich; die steigenden Kosten spielten allerdings, wie nicht anders zu erwarten, für den bürgerlichen Staat nur eine untergeordnete Rolle.

Monica:
Und du bist damals leibhaftig live dabei gewesen?

Wittenberg:
Selbstverständlich!

Monica:
Aber was habt ihr euch davon versprochen? Was wolltet ihr erreichen?

Wittenberg:
Wir haben die Abrissarbeiten beobachtet und uns diebisch darüber gefreut, dass sie nur quälend langsam vorwärts kamen.

Monica:
Aber ihr habt die Bauarbeiter doch nicht etwa angegriffen?

Wittenberg:
Nein, das nicht, wir wussten genau, dass unser Spiel verloren war, aber wir wollten dabeibleiben, bis zum bitteren Ende.

Monica:
Der Bauplatz war sicherlich abgesperrt?

Wittenberg:
Worauf du dich verlassen kannst! Alles rundherum vergittert, bloß der Stacheldraht hat noch gefehlt. Polizeibeamte in ausreichender Anzahl standen ebenfalls zur Verfügung. Aber alles blieb friedlich. Wir wurden nicht einmal zurechtgewiesen oder zur Ordnung gerufen. Man beobachtete uns so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich. — Heute würde die Polizeiführung vermutlich von einer erfolgreich angewendeten Deeskalationsstrategie sprechen.

Monica:
Es ging ums Ausharren?

Wittenberg:
Weißt du, es ging um den Kopf.

Monica:
Es geht immer um den Kopf.

Wittenberg:
Der Plan der technisch intelligenten und begabten Handlanger bestand darin, Lenin „sauber“ zu enthaupten, das provozierende Denkmal sozusagen „denkmalgerecht“ zu schänden. — Sie haben es sich nicht getraut, es einfach zu zertrümmern oder zu sprengen.

Monica:
Auch Gewalt gegen Sachen braucht eine gewisse Ästhetisierung, um nicht von vornherein abstoßend zu wirken.

Wittenberg:
Jedenfalls gingen nicht bloß Stunden, sondern mehrere Tage ins Land, bis es den Bauarbeitern endlich gelang, die ersten Granitblöcke des Denkmals abzutragen. — Die Kosten explodierten.

Monica:
Wenn man deutschen Proleten genug bezahlt, sind sie offenbar zu jeder Schandtat bereit.

Wittenberg:
So würde ich es auf keinen Fall formulieren wollen, Monica.

Monica:
Bestimmt nicht, Wittenberg, das wäre dir wieder einmal viel zu direkt und zu drastisch.

Wittenberg:
Unsere ungeteilte Aufmerksamkeit sollte vielmehr den angeblich demokratischen Auftraggebern für die technische Intelligenz und für deren Zuarbeiter gelten. Sozialdemokraten vom berlinischen Typus sehen naturgemäß wenig Sinn darin, ausgerechnet Lenins ehrend zu gedenken. — Nichtsdestotrotz, die Hände sollen ihnen abfaulen, den verdammten Kollaborateuren!

Monica:
Wittenberg, nun mäßige dich augenblicklich wieder. Immerhin erlebt der Genosse Lenin aus Ost-Berlin jetzt in Spandau, also im westlichsten Westen des alten West-Berlins, eine Art monumentaler Wiederauferstehung. — Erinnerst du dich an Brechts Gedicht von der „unbesieglichen Inschrift“?

Wittenberg:
Sie ließ sich nicht übertünchen, oder?

Monica:
Es wurden verschiedene Methoden ausprobiert, die Inschrift auszutilgen, aber es gelang nicht.

Wittenberg:
Die Episode stammt aus einem Gefängnis. Politische Gefangene hatten die Parole „Hoch Lenin!“ an eine Wand geschrieben, und zwar mit ihren bescheidenen, im Knast­alltag zuhandenen Mitteln.

Monica:
Mit Kopierstift. — Der Gefängnisdirektor gab den Befehl, die Inschrift zu löschen.

Wittenberg:
Die Subalternen schienen wieder einmal zu gehorchen. Aber alle penibel angewandten handwerklichen Arbeitsweisen brachten eher das gegenteilige Resultat.

Monica:
Die famose Inschrift kam am Ende jedweden Arbeitsganges wieder hervor. Sie tauchte immer wieder auf.

Wittenberg:
Was genau taten die Inschriftenauslöscher? — Es fällt mir nicht mehr ein.

Monica:
Der erste Beauftragte erschien mit einem langstieligen Pinsel und einem Eimer Kalk. Er zog aber die Schriftzüge nach mit seinem Kalk. Das Ergebnis kann sich sogar der kleine Moritz gut vorstellen.
Der zweite Beauftragte, wieder ein Maler, wollte es besser machen. Er nahm einen breiten Pinsel und bestrich die Wand großflächig mit Kalk, so dass die „drohende Inschrift“, wie Brecht sie nennt, für einige Stunden verschwand. Aber nach dem Trocknen der Farbe war am nächsten Morgen wieder gut zu lesen: „Hoch Lenin!“
Der dritte Beauftragte der Gefängnisdirektion war ein Maurer. Er gab sich große Mühe und kratzte und schabte mit Messern und Geräten in stundenlanger Arbeit Buchstabe für Buchstabe von der Zellenwand. Hernach sah er sich das Ergebnis seiner Arbeit an, schien zufrieden und verschwand. Die „unbesiegliche Inschrift“ stand nun, farblos zwar, aber kämpferischer als zuvor, tief in die Mauer hineingeschlagen: „Hoch Lenin!“
Der Gefängnisdirektor gab schließlich den Befehl, die Mauer abzureißen und neu zu errichten.

Wittenberg:
Und wenn die Arbeiter sich nun absichtlich dumm angestellt hätten?

Monica:
Vorstellbar wäre das durchaus; ich meine, merkwürdig ist das Verhalten von Handwerkern allemal. — Insbesondere die Idee, die verbotene Inschrift zu allem Überfluss auch noch auszukratzen oder auszustemmen verdient Verwunderung. — So blöde kann eigentlich niemand sein, oder vielleicht doch?

Wittenberg:
Wie gefallen dir die Eisenbolzen in Lenins Kopf?

Monica:
Die sehen schlimm aus, abscheulich, wie das chirurgische Instrumentarium aus einem Horrorfilm.

Wittenberg:
Es geht immer um den Kopf.

Monica:
Daran wurden sicherlich die Drahtseile befestigt?

Wittenberg:
Und dann gingen die Werktätigen aus dem Westen endlich daran, Lenins Kopf abzuseilen. — Ich werde es nie vergessen.

Monica:
Es geht immer um den Kopf.
Es geht immer gegen den Kopf.
Es geht immer darum, einen klaren Kopf zu verhindern.
Es geht immer um die Herrschaft über die Köpfe.

Wittenberg:
Und der Kampf um die Köpfe wird mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln geführt.

Monica:
Und es ist auch nicht immer leicht, den Kampf um die Köpfe als solchen zu erkennen.

Wittenberg:
Das Ideologische, das Falsche, das Verkehrte, das Gefährliche weiß sich meistens gut zu tarnen.

Monica:
Ideologische Chimären.

Wittenberg:
Chimären sind perverse …

Monica:
… aus verschiedenen Tierarten, die sich nicht kreuzen lassen, zusammengesetzte Phantasmagorien.

Wittenberg:
Wohin gehen wir jetzt?

Monica:
Zum Reformationsplatz.

Wittenberg:
Ich frage mich bloß, warum sie Lenins Kopf auf die Seite gelegt haben?

Monica:
Vielleicht weil es so am einfachsten war? Wenigstens brauchten die Museumsleute keine komplizierten technischen Vorrichtungen zu entwickeln, um den Kopf aufrecht zu halten.

Wittenberg:
An Lenins Gesichtsausdruck wurde nicht manipuliert; die frischen Wunden im Granit würde man sehen können.

Monica:
Es hätte auch sicherlich in der Zeitung gestanden.

Wittenberg:
Oder im Internet, Monica, heutzutage stehen die wichtigen Sachen eher im Internet.

Monica:
Und was nicht im Internet steht, das gibt es nicht oder es ist nicht wichtig.

Wittenberg (nachdenklich):
Es sieht schon ein bisschen so aus, als ob Lenin schläft.

Monica:
Ein schlafender Riese …

Wittenberg (erfreut):
Ein schlafender Riese, der eines Tages wieder erwachen könnte?

Monica:
Wie Barbarossa? Der Kaiser Rotbart?

Wittenberg:
Warum nicht?

Monica:
Fürchtest du dich vor dem Tod, Wittenberg?

Wittenberg:
Vor dem Tod nicht, eher vor dem Sterben.

Monica:
Was stellst du dir vor?

Wittenberg:
Ich glaube, dass ich Krebs schrecklich finden würde.

Monica:
Wahrscheinlich gibt es niemanden, der das nicht ebenso empfinden dürfte.

Wittenberg:
Kehlkopfkrebs.

Monica:
Wieso gerade der?

Wittenberg:
Ich könnte mir vorstellen, dass ich das eines Tages kriegen werde.

Monica:
Aber wie kommst du nur darauf, Wittenberg?

Wittenberg:
Das hängt mit meinem kaputten Magen zusammen, mit dem ständigen säuerlichen Aufstoßen und dem Reflux in der Nacht.

Monica:
Und weiter?

Wittenberg:
Das reizt und schädigt die Schleimhäute im Rachenraum und in der Speiseröhre. Und wenn es richtig ist, dass Krebs sich vor allem an Epithelübergängen ausbildet, dann sind wir genau an der richtigen Stelle.

Monica:
Wenn die Zeit gekommen ist, wenn die Stunde schlägt, ist der Tod der beste Freund, den der Mensch jemals hatte.

Wittenberg:
Er nimmt dich in die Arme und begleitet dich auf deinem letzten Gang.

Monica:
Aber ist das nicht furchtbar morbide, was wir jetzt reden, Wittenberg? Wenn die Leute uns hören könnten …

Wittenberg:
Sie würden sich wundern, sich vielleicht sogar empören. Aber später, wieder zu Hause angekommen, würden sie vielleicht darüber nachdenken.

Monica:
Lenin wird für entsetzliches Unrecht verantwortlich gemacht.

Wittenberg:
Hauptsächlich von halbgebildeten Ideologen, die es ablehnen, sich gründlich mit ihm zu beschäftigen.

Monica:
Ein „lupenreiner Demokrat“ ist er aber sicherlich nicht gewesen.

Wittenberg:
Wohl kaum.

Monica:
Das scheint dich nicht besonders zu stören, Wittenberg, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf.

Wittenberg:
Es gab damals Bürgerkrieg, Hungersnöte und zu allem Überfluss auch noch Interventionen aus dem Ausland. Das gerade eben nach dem Ersten Weltkrieg neu formierte Polen hatte nichts Besseres zu tun, als Krieg gegen Russland zu führen. ─ Stalin hat den Polen das niemals vergessen.

(5. September 2016)

„Freie Affen“ Teil 12

Freie Affen Theaterstück Von Reinhard Tantow Berlin, April/Mai 2016

Zwölfte Szene: Behnitz und Kolk

Monica und Wittenberg, Anastasia und Zoltan haben sich zur katholischen Kirche St. Marien am Behnitz geflüchtet. Rechts neben der Kirche, vor einem kleinen Anbau, der sicherlich nicht als „Seitenschiff“ bezeichnet zu werden braucht, nach hinten versetzt, steht eine Bank, auf die Monica und Wittenberg sich setzen. Vor der Bank eine alte Brunneneinfassung aus Feldsteinen, etwa ½ Meter hoch. Die Kirchenfenster sind vergittert worden, um die bunten Scheiben vor den Steinwürfen der Vandalen zu schützen. Direkt oberhalb der Bank ist eins dieser Fenster zu sehen, links am Hauptgebäude ein oder zwei weitere, etwas größere. Rechts außen an dem Anbau das auffällige, helle Regenabflussrohr. Unweit der Bank, rechts, steht ein Abfallbehälter, der allerdings schon länger nicht geleert worden ist. Der Wind hat allerlei Müll aus Papier und Plastik in der kleinen gärtnerischen Anlage vor dem Zaun, der das Kirchengelände von dem benachbarten städtischen Kinderspielplatz trennt, verteilt.

Wittenberg:
Die Stadt und den Müll haben wir schon — jetzt fehlt uns nur noch der Tod.

Monica:
Sage mal, Wittenberg, wie kommst du bloß auf solche trüben Gedanken?

Wittenberg:
Das macht die Melancholie ganz automatisch.

Monica:
Dagegen solltest du aber dringend etwas unternehmen!

Wittenberg:
Leichter gesagt als getan.

Monica:
Juliane und ich, wir wollen ins Fitnessstudio gehen.

Wittenberg:
So? Warum denn?

Monica:
Das brauchst du nicht ganz genau zu wissen, Wittenberg, es handelt sich einmal mehr um eine Frauensache.

Wittenberg:
Frauensachen sind echt ätzend, meiner Meinung nach.

Monica:
Dann sollen es am besten auch unsere Sachen bleiben, Wittenberg, belaste deine komplizierte Psyche nicht zusätzlich damit.

Wittenberg:
Wollt ihr Muckis machen?

Monica:
Das sicherlich nicht, jedenfalls nicht in erster Linie; es geht um systematisches Bewegungstraining, um Dehnen und Strecken.

Wittenberg:
Früher wurden Menschen aus den niederen Ständen aufs Rad geflochten. Das war auch eine Art Einübung in Dehnen und Strecken.

Monica:
Wittenberg, deine Assoziationen sind heute wieder einmal vollkommen unmöglich!

Wittenberg:
Ich habe mir ein Messer gekauft.

Monica:
Was denn für ein Messer?

Wittenberg:
Das offizielle Kampfmesser der Bundeswehr. In einem Laden …

Monica:
Zeig her!

Wittenberg kramt in seinem Rucksack, sucht und findet endlich das Messer. Er reicht es Monica herüber. Die zieht das Messer vorsichtig aus der Messerscheide.

Monica:
Du musst vollkommen verrückt sein, Wittenberg!

Wittenberg:
Es war kein spontaner Kauf, das muss ich zugeben. — Ich ging mit der Idee gewissermaßen schwanger.

Monica:
Du hast etwas ausgebrütet?

Wittenberg:
Neulich in der U-Bahn. Ich wollte Gleisdreieck umsteigen, Richtung Ruhleben. Die Tür war schon offen, aber der Zug rollte noch langsam weiter. Plötzlich stand der Mann, der die Obdachlosenzeitung verkaufen wollte, hinter mir und flüsterte mir zu: „Spring doch! Warum springst du denn nicht? Traust du dich nicht zu springen?“ Dann kicherte er wie ein Irrsinniger, so als wäre er aus der Landesnervenklinik oder aus einem schlechten amerikanischen Gangsterfilm entsprungen. — Ich versuche, mich an das Gesicht des Mannes zu erinnern; es gelingt mir nicht.

Monica:
Das ist direkt unheimlich, Wittenberg, erzählst du mir auch die Wahrheit?

Wittenberg:
Es war ein kleiner Mann; er reichte mir höchstens bis zur Schulter.

Monica:
Einer, der dir bis zur Schulter reicht, ist immer noch ziemlich groß, du langes Elend.

Wittenberg:
Eben noch hatte er mit beachtlichem rhetorischem Geschick den Fahrgästen der BVG seine Postille angepriesen, dabei Friedfertigkeit und Harmlosigkeit heuchelnd, um gleich darauf einen Wildfremden zu provozieren, sich in Unfallgefahr zu begeben. — Denn das Abspringen von einem noch fahrenden Zug ist riskant. Wer solche Tricks nicht von Jugend auf eingeübt hat, sollte in späteren Jahren nicht mehr damit anfangen.

Monica:
Kam das unverhofft? Hast du ihm eine Zeitung abgekauft?

Wittenberg:
Nein, ich kaufe niemals etwas in der U-Bahn oder in der S-Bahn. — Ich müsste mein Portemonnaie hervorholen.

Monica:
Und?

Wittenberg:
Ich meine, schon damit würde ich mich angreifbar machen.

Monica:
Interessant …

Wittenberg:
Wahnsinnig interessant!

Monica:
Doch, schon. — Hattest du vielleicht eine Art Vorahnung?

Wittenberg:
Bestimmt ein unbehagliches Gefühl, als er hinter mir stand, noch bevor er zu sprechen begann — ja.

Monica:
Woran hast du in diesem Augenblick gedacht?

Wittenberg:
Daran, dass es in Berlin brutale Menschen gibt, die sich einen Spaß daraus machen, ihnen vollkommen Unbekannte vor den einfahrenden Zug zu stoßen.

Monica:
Und schützt du dich vor denen?

Wittenberg:
Wenn ich auf einen Zug warten muss, dann stelle ich mich immer mit dem Rücken zur Bahnsteigwand oder ich setze mich auf eine der Bänke, die normalerweise in der Mitte der Bahnsteige aufgestellt sind. Erst wenn der Zug eingefahren ist, gehe ich nach vorne zum Einsteigen. — Und wenn mir die eine Bahn zu voll ist, warte ich schon mal auf die nächste.

Monica:
Das grenzt aber bedenklich an Paranoia, findest du nicht?

Wittenberg:
Eine milde Form von Paranoia hat in Berlin noch niemandem geschadet.

Monica macht Anstalten, die Schärfe des Messers mit der Spitze ihres linken Zeigefingers zu prüfen.

Wittenberg:
Mach das lieber nicht, Monica! — Das Ding ist wirklich verdammt scharf.

Monica:
Was hat du damit vor, Wittenberg?

Wittenberg:
Ich weiß es noch nicht.

Monica:
Muss man langsam Angst vor dir bekommen?

Wittenberg:
Ich hoffe, dass das nicht der Fall sein wird.

Monica:
Aber du bist dir deiner selbst keineswegs sicher?

Wittenberg:
Nein.

Monica:
Deine tödliche Waffe ist hiermit beschlagnahmt, Wittenberg, du bekommst sie erst wieder zurück, wenn du klarer siehst.

Monica steckt das Messer wieder in die Messerscheide. Dann zieht sie ein recht großes, violettes Tuch aus der Brusttasche ihrer Jacke und wickelt das gefährliche Mordinstrument langsam, sorgfältig darin ein. Schließlich verstaut sie alles in den beträchtlichen Tiefen ihres stattlichen, vermutlich aus Bayern herstammenden Rucksackes.

Monica:
So! Die Gefahr ist zunächst einmal gebannt.

Wittenberg:
Wenn du es sagst, Monicaleben.

Monica:
Ich habe, ehrlich gesagt, schon daran gedacht, mir Pfefferspray zu besorgen.

Wittenberg:
Aber du hast es am Ende doch sein lassen?

Monica:
Nein, ich habe es mir anders überlegt.

Wittenberg:
Warum?

Monica:
Es kam mir plötzlich albern vor.

Wittenberg:
Albern?

Monica:
Es wäre in meinen Augen eine vollkommen inadäquate Überreaktion gewesen, wenn ich mich auf eine solch merkwürdige Weise bewaffnet hätte.

Wittenberg:
Außerdem kommt es beim Pfefferspray immer auf die Windrichtung an. Man muss höllisch aufpassen, sonst kriegt man das Zeug selber ins Gesicht.

Monica:
Was weißt du über Diabetes?

Wittenberg:
Wenig. — Wieso?

Monica:
Bei Julianes Mutter sind überhöhte Blutzuckerwerte festgestellt worden.

Wittenberg:
Manchmal fallen Diabetiker in Ohnmacht. Vor hier auf jetzt. Eben ist dein Chef noch dabei, dich anzuschnauzen, aber plötzlich und unerwartet sackt er in seinem Polstersessel zusammen und ist komplett weggetreten. Man muss ihn auf die Couch oder notfalls auf den Fußboden legen und sich um ihn kümmern. Am besten, man ruft für alle Fälle den Notarzt. Wahrscheinlich ist der Diabetiker längst wieder auf den Beinen, wenn der Rettungswagen eintrifft, aber Vorsicht ist bekanntlich die Mutter der Porzellankiste.

Monica:
Ein Schockzustand?

Wittenberg:
Gerade zum Beginn einer Diabetes-Therapie, wenn das richtige Medikament herausgefunden und die genaue Dosierung ermittelt werden muss, kann es zu solchen hypoglykämischen Zwischenfällen kommen. Deshalb sollten Zuckerpatienten stets etwas Zucker oder besser noch einen Apfel bei sich haben.

Monica:
Aber ich denke, Zuckerpatienten haben mehr als genug Zucker in ihrem Körper, im Blut und auch sonst, sogar im Urin?

Wittenberg:
Willst du dich ernsthaft mit dem Thema beschäftigen?

Monica:
Warum nicht?

Wittenberg:
Das Schlüsselwort, das auf der ganzen Welt verstanden wird, lautet: „Insulin“.

Monica:
Man müsste wissen, wie Insulin funktioniert.

Wittenberg (doziert):
Die Bauchspeicheldrüse ist ein kleines, längliches, fleischiges und doch weiches Organ. Es liegt zwischen Magen und Wirbelsäule in der Nähe des Zwölffingerdarmes. Die Sekrete der Bauchspeicheldrüse wurden als „Trypsin“, „Diastase“ und „Lipase“ bezeichnet. Es galt bereits als gesichert, dass sie eine überaus bedeutsame Rolle bei der Verdauung der Eiweiße, Kohlehydrate und Fette zu spielen hätten.
Der Pathologe Paul Langerhans, Professor an der Universität Freiburg im Breisgau, entdeckte 1869 unter dem Mikroskop einen Zelltypus im Pankreas, der sich im Aussehen völlig von allen anderen dort vorkommenden Zellen unterschied. Langerhans berichtete, diese Zellen sähen „wie Inseln“ aus. — Nach ihrem Entdecker wurden jene spezifischen und rätselhaften Zellstrukturen der Bauchspeicheldrüse als „Langerhans’sche Inseln“ benannt. Langerhans konnte allerdings noch nichts über die besondere Funktion „seiner“ Inselzellen aussagen.
Der amerikanische Pathologe Eugene Lindsay Opie stellte im Jahre 1901 fest, dass bei einigen Patienten, die an Diabetes gestorben waren, das Gewebe der Langerhans’schen Inseln geschrumpft und verhärtet war. Dr. Opie diagnostizierte einen Verfallsprozess, der auch an anderen Geweben festgestellt werden kann und als „hyaline Degeneration“ bezeichnet wird.
Zwei an der Universität Straßburg tätige deutsche Ärzte, Dr. Oskar Minkowski und Dr. von Mering, hatten bereits berichtet, dass ein Hund, dem das Pankreas experimentell entfernt worden war, nach wenigen Tagen schwer zuckerkrank geworden sei.
Mitten im Ersten Weltkrieg, 1916, war es dann der britische Physiologe Sir Edward Sharpey-Schafer, der die Theorie aufstellte, Diabetes entstehe und entwickele sich durch das Fehlen eines internen Sekrets der Langerhans’schen Inselzellen. Sharpey-Shafer gab der von ihm postulierten, wirkungsmächtigen Substanz den Namen „Insulin“ — nach dem lateinischen Wort „insula“ für „Insel“.
Damit war das Arbeitsprogramm einer neuen Forschergeneration vorgegeben: Es ging primär darum, etwaige Sekrete der Langerhans’schen Inseln zu isolieren, zu reinigen und zu standardisieren, um sie zunächst im Tierversuch und anschließend bei der Behandlung von Menschen erfolgreich und lebensrettend einsetzen zu können.
Von dem berühmten französischen Wissenschaftler Claude Bernard stammte die Hypothese, das Pankreas müsse als eine Art „Doppelorgan“ verstanden werden: Einerseits produziere es die bekannten Enzyme oder „Verdauungssäfte“ — ein Vorgang der „äußeren Sekretion“. Andererseits sei es durchaus vorstellbar, dass der vielleicht von den Langerhans’schen Inseln herstammende antidiabetische Faktor direkt in das Blut abgegeben werde, um hernach im Gesamtorganismus seine Wirkungen zu entfalten — dies wiederum sei als ein Vorgang der „inneren Sekretion“ aufzufassen. Das nach wie vor hypothetische „Insulin“ konnte somit unter die 1897 von den Engländern Bayliss und Starling vorgeschlagene Kategorie der „Hormone“ gefasst, also der Klasse jener Stoffe zugeordnet werden, die zunächst in einem bestimmten Gewebe oder Organ synthetisiert und durch das Kreislaufsystem verteilt, erst an einem entfernteren Ort ihren besonderen Wirkmechanismus zur Anwendung bringen.
Den entscheidenden Durchbruch zur Bekämpfung der damals oft tödlich verlaufenden Zuckerkrankheit verdankt die Menschheit dem Kanadier Frederick Grant Branding, seinem Mitarbeiter Charles Herbert Best, Amerikaner urkanadischer Herkunft, sowie den Hunden Susy und Marjorie, außerdem zahlreichen anderen Versuchstieren, die für die Isolierung des Insulins ihr Leben lassen mussten.
Dr. Branding hatte 1921 die im Rückblick einfach und folgerichtig erscheinende Idee — man muss nur eben im passenden Augenblick darauf kommen —, die Bauchspeicheldrüsen von Hunden durch Abbinden der Ausführungskanäle zum Zwölffingerdarm einer kontrollierten Atrophie zuzuführen. Nur diejenigen Zellen, die die Verdauungsenzyme produzieren, sollten verkümmern, nicht jedoch die Langerhans’schen Inseln. Aus den unbeschädigten Inselzellen wollten Branding und Best dann das theoretisch vorausgesagte Insulin in möglichst reiner Form, also unbeeinträchtigt von Beimengungen der Verdauungsenzyme, die vermutlich alle früheren Versuche, Diabetes mit Pankreas-Extrakten zu behandeln, fehlschlagen ließen, extrahieren.

Monica beugt sich zu Anastasia und Zoltan herab und streichelt sie liebevoll.

Monica:
Habt ihr genau zugehört, was Professor Wittenberg uns eben in populärwissenschaftlicher Privataudienz erzählt hat? Nein? Also wenn Susy und Marjorie nicht gewesen wären, müssten heutzutage noch immer viele Menschen an der Zuckerkrankheit elendiglich zugrunde gehen. — Was sagt ihr dazu?

Anastasia und Zoltan drängen zum Aufbruch. Sie springen ein paar Meter voraus und drehen sich dann nach Frauchen und Herrchen um, die endlich aufstehen und nachkommen mögen.

Wittenberg:
Hunde sind eben doch die besseren Menschen.

(1. September 2016)

„Freie Affen“ Teil 11

Freie Affen Theaterstück Von Reinhard Tantow Berlin, April/Mai 2016

Elfte Szene: Moritzstraße

Monica sowie Anastasia und Zoltan haben es sich einmal mehr in der Moritzstraße bequem gemacht. Sie sitzen aber nicht mehr in der Nähe der Apotheke, sondern etwas weiter westlich in Richtung Jüdenstraße. Der Second Hand Shop ist jetzt im Hintergrund rechts, links sehen wir eine kleine Pizzeria mit einigen Tischen und Stühlen auch auf der Straße.

Monica vertritt sich die Beine; Anastasia und Zoltan springen erst an ihr hoch und kabbeln sich dann untereinander. Juliane bringt erneut Wasser für die Wolfshunde. Zwei Herren im mittleren Alter sitzen zusammen an einem der Tische auf der Moritzstraße. Sie haben sich trockenen Weißwein und gebratenen Fisch bestellt.

Juliane:
Meine Mutter ist vor ein paar Tagen beim Arzt gewesen. Nicht beim Internisten, sondern bei ihrem Hausarzt, zu dem sie schon seit Jahrzehnten geht. Wenn es nicht missverständlich wäre, könnte man sagen, die beiden seien zusammen alt geworden.

Monica:
Und was hat der Doktor festgestellt?

Juliane:
Diabetes.

Monica:
Wow!

Juliane:
Ich war auch erst erschrocken, aber Mutti tröstete mich und sagte, das sei immer noch besser als Krebs.

Monica:
Fühlt sie sich denn krank?

Juliane:
Genau das ist das Merkwürdige: Wäre nicht dieser Routine-Check gewesen mit Laboruntersuchungen aller Art, dann hätte sie von ihren erhöhten Blutzuckerwerten einfach nichts gewusst.

Monica:
Diabetiker sind normalerweise leicht erschöpft; sie werden schnell müde.

Juliane:
Davon ist meine Mutter weit entfernt. Sie steht immer noch früh auf, macht ihren Haushalt, kümmert sich um den Garten, fährt mit dem Rad zum Friedhof, um unsere vielen Gräber zu pflegen. — „Wenn ich es nicht mache, macht es sowieso keiner,“ sagt sie immer mal wieder. Meine Brüder und ich nehmen den Vorwurf beschämt zur Kenntnis. Aber dann fügt sie lächelnd hinzu: „Na, Schwamm drüber!“ und füttert uns mit selbstgebackenem Streußelkuchen.

Monica:
Muss deine Mutter viel trinken? Und geht sie dementsprechend oft auf die Toilette? Kann sie nachts nicht durchschlafen, weil sie austreten muss?

Juliane:
Alle diese Fragen sind mir, ehrlich gesagt, noch nie eingefallen. Ich weiß verdammt wenig über die Zuckerkrankheit. — Und über meine Mutter …

Monica:
Es ist eine Volkskrankheit; das Volk hat Zucker.

Juliane:
Das Volk frisst auch viel zuviel Zucker.

Monica:
Zucker steckt unter Dutzenden von Namen fast überall drin — sogar im Rotkohl aus dem Glas. Zucker ist eine Droge. Man isst immer mehr davon. — Ich merke es an mir selber. Ich kaufe mir regelmäßig Braunen Kandis, also „Krusten Kandis“ aus der Sweet Family von Nordzucker für meinen Tee zum Süßen. Nun ist es so, dass der Braune Kandiszucker nicht in demselben Maße süßt wie weißer Zucker. Im Ergebnis tue ich immer mehr Stückchen, große und kleine, aber doch lieber große, in meinen Teepott.

Juliane:
Dr. Silberstein hat von „Risikofaktoren“ gesprochen.

Monica:
Diabetes gehört zu den Risikofaktoren für die Entstehung von Arteriosklerose.

Juliane:
Außerdem ungesundes Essen, Übergewicht, Bewegungsmangel, Fettstoffwechselstörungen, Lebererkrankungen, Bluthochdruck, Rauchen.

Monica:
In dem Fall hängt wieder einmal alles mit allem zusammen.

Juliane:
Auch psychosomatische Sachen soll es geben.

Monica:
Alkohol!

Juliane:
Das Merkwürdige ist nun aber, dass Dr. Silberstein von der Verschreibung von Medikamenten zunächst einmal abgesehen hat.

Monica:
Dr. Silberstein scheint ein kluger Mann zu sein, Juliane.

Juliane:
Er argumentiert, ein einziger Risikofaktor, nämlich der erhöhte Blutzuckerwert, sei längst kein Grund, einen Menschen zum Diabetiker, also zum ernsthaft Erkrankten zu stempeln.
Aber das ist noch längst nicht alles, Monica. — Dr. Silberstein führt seine Praxis, wie gesagt, seit Jahrzehnten. Ihm ist schon lange aufgefallen, dass der Grenzwert der Konzentration von Zucker im Blut, der den noch Gesunden vom schon Kranken scheiden soll, im Lauf der Zeit von der Wissenschaft, der Pharmazeutischen Industrie, den Gesundheitsorganisationen immer wieder herabgesetzt worden ist.
Und das heißt, dass heutzutage Menschen mit Blutzuckerwerten, nach denen vor 15 oder 20 Jahren kein Hahn gekräht hätte, auf die lange Liste der Patienten mit Diabetes gesetzt und mit teuren Medikamenten therapiert werden, obwohl das in zahlreichen Fällen gar nicht notwendig wäre.

Monica:
Mit dem hohen Blutdruck verhält es sich ganz ähnlich. Niedrigere „Normalwerte“ sind eine bestens erprobte Methode, den Absatz von blutdrucksenkenden Mitteln zu steigern.

Juliane:
Mutti hat sich mit Hilfe von Kalorientabellen einen Diätplan geschmiedet. Sie darf alles essen, was ihr schmeckt, aber verteilt über den Tag und — jetzt kommt die entscheidende Pointe — immer ein bisschen weniger als gewohnt. — Das klingt harmlos, hat es aber in sich. Der Mensch soll seine Gewohnheiten ändern. Das ist eine ungeheuerliche Zumutung. Man braucht dazu enorme Energien und Selbstdisziplin.

Monica:
Und jede Menge Motivation!

Juliane:
Wenn ich jetzt schon anfinge mit der Zuckerdiät, vorbeugend? — Diabetes soll auch eine erbliche Komponente haben.

Monica:
Wie sieht es bei dir aus mit — Schokolade?

Juliane:
Ich liebe Schokolade!

Monica:
Ich schlage dir vor, deine Liebe zur Schokolade zu einer Art Hassliebe umzugestalten.

Juliane:
Jeden Bissen mit Reue genießen?

Monica:
So ungefähr …

Juliane (trotzig):
Ich esse auch gerne Marzipan.

Monica:
Ich bin überzeugt, dass du noch ganz andere Sachen gerne isst, Julianchen!

Juliane (schnippisch):
War das eine Beleidigung?

Monica:
Um Himmels willen, nein!

Juliane:
Aber ich kann mir schon denken, worauf du anspielst.

Monica:
So? Worauf denn?

Juliane:
Auf meinen Arsch!

Monica:
Dein Hintern ist ganz entzückend, Juliane.

Juliane:
Nicht zu fett?

Monica:
Aber nein, wenn du dir angewöhnst, die Treppe zu nehmen, statt den Fahrstuhl, kannst du bald Nüsse damit knacken.

Juliane:
Dein Hintern ist schon ein wenig üppig, Monica, wo wir gerade davon sprechen.

Monica:
Ich weiß.

Juliane:
Hat Wittenberg nichts dagegen?

Monica:
Er soll sich hüten, auch nur ein einziges Wort darüber verlauten zu lassen, sonst …

Juliane:
Sonst was, Monica?

Monica:
Ich werde ihm eine eheähnliche Szene machen, deren Sinngehalt er mit in sein kühles Grab nehmen wird.

Juliane:
Aber ist es nicht besser, das Thema nicht zu tabuisieren?

Monica:
Mein kluges Kind, ich werde darüber nachdenken.

Juliane:
Nachdenken allein hilft nicht. — Wir könnten ins Fitnessstudio gehen.

Monica:
In ein Fitnessstudio nur für Frauen?

Juliane:
Nö, in ein stinknormales Fitnessstudio.

Monica:
Du willst dir unter den Augen von Männern den Allerwertesten abtrainieren?

Juliane:
Pourquoi pas, ma chère?

Monica:
Chuzpe!

Juliane geht wieder in ihren Laden, Monica setzt sich zu den Hunden auf die Decke. Sie sucht in ihrem Rucksack, findet ein Taschenbuch, blättert bis etwa zur Mitte und beginnt dann, darin zu lesen. Es handelt sich um Sartres „Bewusstsein und Selbsterkenntnis“. Den Herren am Tisch wird von einer kleinen asiatischen Kellnerin das Essen serviert.

Kellnerin (deutlich und akzentfrei, aber nicht übertrieben laut):
Meine Herren, ich wünsche Ihnen einen guten Appetit!

Herr Peter:
Vielen Dank.

Herr Jacobsohn:
Das sieht aber gut aus!

Die Kellnerin räumt ein paar Biergläser von den Nebentischen und verschwindet dann wieder im Lokal.

Herr Peter:
Schade eigentlich, dass „Nordsee“ in der Carl-Schurz-Straße zumachen musste.

Herr Jacobsohn:
Ich bin auch ganz gerne dort hingegangen; aber es war nicht billig. Und an manchen Tagen hätte das Essen ruhig etwas heißer sein dürfen.

Herr Peter:
Lauwarmer Fisch ist unangenehm.

Herr Jacobsohn:
Die Bratkartoffeln, das Gemüse… — Wenn das mein Restaurant gewesen wäre, ich hätte meinen Mitarbeitern die Leviten gelesen, das kannst du mir glauben.

Herr Peter:
Aber hier in der Moritzstraße kann man nicht meckern. — Und recht eigentlich betrachtet ist es ein Wunder, dass eine so kleine Restauration sich mit frischem Fisch belastet.

Herr Jacobsohn:
Warum nicht? Jetzt, wo die schier übermächtige Konkurrenz weg ist, handelt es sich nicht mehr um ein Wagnis.

Herr Peter:
In den Arcaden gibt es die letzte verbliebene „Nordsee“-Filiale, aber dort habe ich noch nicht gegessen.

Herr Jacobsohn:
Ich auch nicht, John, ich gehe nicht gern in die Arcaden, die Luft dort ist mir widerlich.

Herr Peter:
Hast du dir den Film angesehen?

Herr Jacobsohn:
Ja, gestern, in der Nacht.

Herr Peter:
Und? Wie fandest du ihn?

Herr Jacobsohn:
Recht merkwürdig, ehrlich gesagt.

Herr Peter:
Merkwürdig? Wieso merkwürdig?

Herr Jacobsohn:
Vor allem der Schluss ist verblüffend. Man denkt, der Hitler ist jetzt tot und fällt vom Dach, dann steht er plötzlich wieder hinter dir und erklärt, man könne ihn gar nicht umbringen, denn er stecke in jedem Deutschen tief drin.

Herr Peter:
Aber dumm ist das nicht, wenn man es sich in Ruhe überlegt.

Herr Jacobsohn:
Es bringt uns aber auch nicht weiter, fürchte ich.

Herr Peter:
Hitler quasi als Symbol des Aggressiven, des Dämonischen, des Bösen in uns, das immer vorhanden ist und bleibt, das niemals schläft, niemals wirklich, und nur auf die nächste Gelegenheit zu neuen ungeheuerlichen Verbrechen gegen die Menschheit lauert.

Herr Jacobsohn:
Meiner Meinung nach ist eine solche Sicht auf das historische Phänomen „Hitler“ vollkommen unzureichend oder unzulänglich.

Herr Peter:
Der Teufel — das war er!

Herr Jacobsohn:
Johnny, jetzt nimm aber wieder Vernunft an!

Herr Peter:
Aber ich bin vollkommen vernünftig, trinke meinen Wein, der übrigens nicht schlecht ist, ein wenig nüchtern vielleicht, esse meinen Fisch, den ich vorzüglich finde, und versuche, mit dir über einen Film zu diskutieren, der, wie ich meine, durchaus Interesse verdient.

Herr Jacobsohn:
Einverstanden, aber wir müssen uns darüber verständigen, welche kritischen, hier eben: filmkritischen Tendenzen wir verfolgen möchten. Eine bloße Psychologisierung Hitlers oder seiner Wiedergänger bringt keine neuen und verwertbaren Erkenntnisse.

Herr Peter:
Nein?

Herr Jacobsohn:
Hitler war Täter, aber auch Handlanger.

Herr Peter:
Banken, Versicherungen, Industrielle, Rüstungsfabrikanten standen hinter ihm. Das ist bekannt, soll aber nicht weiter bedacht und zur Systemfrage fortgeschrieben werden. Der ganze Komplex „Die Hitlerei als besondere Erscheinungsform des imperialistischen, räuberischen deutschen Kapitalismus in der ersten Hälfte des XX. Jahrhunderts“ wird wie ein besonders gefährliches Virus unter strikter Quarantäne gehalten.

Herr Jacobsohn:
Das heikle Thema wurde notgedrungen in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen angeschnitten, aber damit sollte es dann auch gefälligst sein Bewenden haben.

Herr Peter:
Alle diese Dinge haben in einem Kinofilm nichts zu suchen. Wer sich für die politische Ökonomie des Nationalsozialismus interessiert, soll, bitte sehr, die Stadtbibliothek aufsuchen.

Herr Jacobsohn:
Da ist was dran, leider.

Herr Peter:
Wie fandest du die Auftritte des neuen Hitlers am Brandenburger Tor oder auf dem NPD-Parteitag?

Herr Jacobsohn:
Schon erschreckend lebensecht. — Waren das echte NPDler? Die müssen doch das Filmteam bemerkt haben!

Herr Peter:
Sie dachten wohl, es handele sich um die üblichen Fernsehjournalisten — um Kameramänner für RTL oder für die Tagesschau.

Herr Jacobsohn:
Das immerhin könnte eine wünschenswerte Nachwirkung des Films ergeben: Dass die Zuschauer sich schmunzelnd von der NPD abwenden, weil sie sie endlich als abgrundtief dämlich durchschaut haben.

Herr Peter:
Aber diese Tumulte am Brandenburger Tor! Leute, die den Hitler erschlagen wollten, aber auch Leute, die ihn unter Einsatz von Gesundheit und Leben verteidigten.

Herr Jacobsohn:
Und die Verteidiger blieben Sieger, genau wie in der Weimarer Republik. Damals schon waren die Nazis stärker. — Ich meine: physisch stärker.

Herr Peter:
Dann die Interviews, die der wiedergekommene Hitler geben durfte, zum Beispiel dem leibhaftigen Herrn Jörg Thadeusz.

Herr Jacobsohn:
In diesen Szenen des Films sehe ich sogar eine gewisse Gefahr.

Herr Peter:
Jetzt übertreibst du aber, Siegfried.

Herr Jacobsohn:
Das ist ein altes Problem, mit dem sich früher oder später jeder Theaterautor, jeder Drehbuchentwickler konfrontiert sieht. Du kannst nicht dem Publikum über anderthalb oder zwei Stunden eine negative oder böse Figur vorführen, vorausgesetzt natürlich, es handelt sich um einen echten Charakter, ohne dass sich trotzdem gewisse Sympathien für sie bemerkbar machen, ohne dass sich die berühmten Identifikationen einstellen. — Wenn nun aber in einem Kintoppstück der Hitler ganz menschlich herüberkommt, also einigermaßen logisch argumentiert, sich als schlagfertig und humorvoll erweist, dann sagen sich die Leute am Ende womöglich unwillkürlich: „Also bitte, so schlimm ist der Hitler doch gar nicht. Es war bestimmt nicht alles falsch, was er gemacht hat. Die Autobahnen hat er so großzügig angelegt, dass wir sie heute noch benutzen können. Nur die Juden hätte er natürlich nicht umbringen lassen dürfen. Das war ein Fehler.“

Herr Peter:
Worauf willst du hinaus?

Herr Jacobsohn:
Ich fürchte, dass der Film der AfD eher nützt als schadet.

Herr Peter:
Aber die AfD kommt in „Er ist wieder da“ gar nicht vor.

Herr Jacobsohn:
Das spielt keine Rolle.

Herr Peter:
So, meinst du?

Herr Jacobsohn:
Ich glaube, der Film wird dazu beitragen, die rechten und rechtsradikalen Konkurrenten der AfD, also alle jene, die sich von der historisch restlos kompromittierten NSDAP nicht zu emanzipieren vermögen, endgültig ins Abseits zu schieben. Die AfD könnte mittelbar gestärkt aus dem Gelächter hervorgehen.

Herr Peter:
Als die einzig relevante nationalistische, konservative und ausländerfeindliche politische Vereinigung in Deutschland? Vergleichbar mit dem französischen Front National?

Herr Jacobsohn:
So ungefähr.

Herr Peter:
Na, dann „Gute Nacht, Deutschland!“

Herr Jacobsohn:
Frau Petry und Frau von Storch haben sich mit ihrem Gerede über Schießereien an der deutschen Grenze allerdings selber ins Bein geschossen.

Herr Peter:
Aber das Erschreckende ist, dass ihnen das nicht wesentlich geschadet hat.

Herr Jacobsohn:
Ihre Anhänger nehmen auch solche törichten Entgleisungen noch halbwegs billigend in Kauf. Höchstens kritisieren sie die Deutlichkeit der Ansprache.

Herr Peter:
Selbstverständlich hat jedes Land auf der Welt das Recht, seine Grenzen zu verteidigen. Und eine jede Regierung hat die Pflicht, die dafür notwendigen Maßnahmen zu ergreifen. In diesem Lichte betrachtet, stellt für mich die Öffnung der deutschen Grenzen für eine unkontrollierte Einwanderung von Hunderttausenden von Ausländern den bemerkenswertesten Akt staatlicher Illegalität in Deutschland seit Schröders völkerrechtswidrigem Angriffskrieg gegen Jugoslawien dar.

Herr Jacobsohn:
Der sozialdemokratische Bundeskanzler Schröder ist ein Kapitel für sich. Er hat einer Militarisierung der Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland Tür und Tor geöffnet. Frau Merkel und Frau von der Leyen beackern nur die Saat, die er aussäte.

Herr Peter:
Ein etwas peinlicher Sämann, aber er ging, wie erinnerlich, immer im Gleichschritt mit den einstmals pazifistischen Grünen um Außenminister „Joschka“ Fischer!

Herr Jacobsohn:
Und Frau Müller!

Herr Peter:
An die erinnere ich mich mit Grausen!

Herr Jacobsohn:
Wer war zu der Zeit US-Präsident?

Herr Peter:
Das müsste Clinton gewesen sein.

Herr Jacobsohn:
Ein Sozialdemokrat vom amerikanischen Typus.

Herr Peter:
Mit Sicherheit gab es damals gewaltige diplomatische Pressionen von Seiten der Vereinigten Staaten von Nordamerika, um Deutschland zum Mitmachen und Mitmorden zu zwingen.

Herr Jacobsohn:
Egon Bahr hat ein Buch darüber geschrieben.

Herr Peter:
Aber eine sozialdemokratische Partei, die ihren Namen noch verdient, hätte sich dem widersetzen müssen!

Herr Jacobsohn:
Ich glaube nicht, dass der Krieg gegen Belgrad überhaupt hätte stattfinden können, wenn Deutschland sich geweigert hätte, mitzumachen.

Herr Peter:
Ich wundere mich, dass der Schröder noch frei herumläuft. Den völkerrechtswidrigen Charakter seines Angriffskrieges gegen Serbien hat er selber öffentlich zugegeben, um seinen Kumpel Putin wegen dessen Annexion der Krim zu verteidigen, nach der Devise: „Wir haben völkerrechtswidrig gehandelt, also darf er das jetzt auch.“ — Das ist die bizarre politische Logik von monomanischen Marionettenspielern.

Herr Jacobsohn:
Am liebsten würdest du den Genossen Schröder wohl eigenhändig vor das Kriegsverbrechergericht in Den Haag stellen?

Herr Peter:
Das ist gar keine so schlechte Idee!

Herr Jacobsohn:
Auf die Beweisanträge freue ich mich jetzt schon.

Herr Peter:
Ein Haufen Propagandalügen würde auffliegen, spät, aber vielleicht nicht zu spät, bestens geeignet zur Erziehung, Bildung und Unterweisung der Nachgeborenen.

28. August 2016

„Freie Affen“ Teil 10

Freie Affen Theaterstück Von Reinhard Tantow Berlin, April/Mai 2016

Zehnte Szene: Klosterstraße

Wittenberg und Richard sitzen auf einer Bank vor dem alten, seit Jahren geschlossenen und verwahrlosten Postgebäude in der Klosterstraße, ganz in der Nähe vom Rathaus Spandau. — Richard trägt einen hellen Trenchcoat und hält eine abgenutzte, braune Aktentasche auf den Knien.

Wittenberg:

Und? Wie ist es auf dem Arbeitsamt gelaufen?

Richard:

Reine Zeitverschwendung, wie immer. Allem Anschein nach halten die einen Ingenieur aus Kasachstan für eine besondere Käsesorte.

Wittenberg:

Aber sie bestellen dich immer wieder hin, die Damen und Herren Arbeitsvermittler?

Richard:

Alles Routine. — Sie müssen einfach ihr persönliches und dienstliches Soll an sinnlosen Gesprächen erfüllen.

*
***
*

Wittenberg:

Du hast von dem ätzenden Schmähgedicht gegen den Staatspräsidenten von Transturkien, Herrn Hyrdülbogan, gehört?

Richard:

Wie schaffst du das bloß? Ich kann mir solche Namen beim besten Willen nicht merken.

Wittenberg:

Ich habe dafür lange gebraucht, bis ich das kleine Land zwischen der Türkei und Georgien auf meinem Atlas ausfindig machen konnte.

Richard:

Von Geographie haben die Berliner bekanntermaßen keinen blassen Schimmer. Sie halten ihre Heimatstadt für den Mittelpunkt der Welt und sehen keine besondere Notwendigkeit darin, ihr Gedächtnis mit überflüssiger Erdkunde zu belasten.

Wittenberg:

Schon merkwürdig, mit was für Verbündeten sich Deutschland noch immer umgeben zu müssen meint. Ich dachte bisher, solch groteske Potentaten wie Präsident Hyrdülbogan gebe es allenfalls in fast verblichenen Stummfilmen vom Beginn des XX. Jahrhunderts. Er lässt Menschen öffentlich mit Stockschlägen bestrafen. Mannigfaltige Folterpraktiken wirft Amnesty International ihm vor. Straftätern werden in Transturkien unter Berufung auf die Scharia Glieder amputiert. Sexuell hyperaktive Frauen müssen mit Steinigung rechnen. Es herrscht eine archaische Rechtsordnung, aber der bösartige Despot kriegt aus Deutschland die modernsten Waffensysteme geliefert, sogar mit Mengenrabatt. Außerdem stellt die Bundeswehr militärische Ausbildungsplätze an Akademien in Deutschland zur Verfügung und schickt bei Bedarf auch kundige Militärberater in die Hauptstadt von Transturkien oder in die vermeintlich von den Russen bedrohten nördlichen Provinzen.

Richard:

Der Satiriker Boemerfeldt darf froh sein, wenn er den grandios inszenierten Ärger um sein schweinisches Ziegenfickergedicht überlebt.

Wittenberg:

Stress? Herzinfarkt? Geheimnisvolle Giftsorten auf Schwermetallbasis? Radioaktiv, möglicherweise?

Richard:

Eine eiskalte Hinrichtung kommt meiner Ansicht nach schon eher in Betracht. — Der arme Mann steht längst unter Polizeischutz.

Wittenberg:

Du meinst …

Richard:

Er könnte einem Anschlag zum Opfer fallen.

Wittenberg:

Wie der Regisseur aus den Niederlanden? Wie war noch gleich sein Name?

Richard:

Den habe ich leider vergessen.

Wittenberg:

Er wurde wegen islamkritischer Filme getötet. Und seine Arbeiten werden bis heute in Deutschland einfach nicht im Fernsehen gezeigt. — Denn eine Zensur findet selbstverständlich doch statt!

Richard:

Ich wundere mich über Boemerfeldts Naivität. Er hätte als gewiefter Medienprofi, der er nun einmal ist, wissen müssen, worauf er sich einlässt.

Wittenberg:

Es wäre mir nicht im Traum eingefallen, besagten und betagten autoritären Potentaten Hyrdülbogan einen „Ziegenficker“ zu schimpfen.

Richard:

Weil es dir dazu an schmutziger Phantasie mangelt?

Wittenberg:

Vor ein paar Monaten, im Herbst, waren Monica und ich bei herrlichem Wetter im Tierpark Friedrichsfelde unterwegs. Dort gibt es ein riesiges Ziegengehege mit Ziegen in allen Formen und Größen, vielmehr Rassen und Arten. Darunter kräftige, weiße, zottelige Ziegen mit langen, geschwungenen und gewundenen Hörnern. Ich habe für wenig Geld ein Beutelchen Futter aus dem Automaten gezogen, es der Monica in die Hand gedrückt und anschließend die Nichtsahnende in das sandige Gehege hinein komplimentiert.

„Jetzt kommt Mäxchen,“ sagte eine Mutter zu ihren drei Kindern, „passt mal auf!“ Und in der Tat hob in ungefähr 50 Metern Entfernung eine der weißen Zottelziegen das gehörnte Haupt, erspähte die sich unsicher, mit kurzen, zaghaften Schritten der Herde nähernde fremde Frau im ureigenen Terrain und rannte sofort los, kleinere, unbeholfenere Ziegen beiseite schiebend, um sich einen angemessenen Anteil an den Leckereien zu sichern. Monica war auf den Ansturm des Ziegenbocks nicht vorbereitet; sie bemühte sich wie immer, alle Tiere gleichberechtigt und gerecht zu behandeln. Sie sah das Mäxchen nicht einmal herannahen.

Richard:

Du kanntest das zu erwartende Spektakel vermutlich schon von früheren Tierparksbesuchen her, du hinterlistiges Früchtchen?

Wittenberg:

Nun, möglicherweise. Jedenfalls wusste die freche Kampfziege sich bemerkbar zu machen und stupste mit ihrem hörnerbewehrten Schädel gegen Monicas dickes Hinterteil. Sie schob Monica tatsächlich wie im Zirkus ein Stück vor sich her. Es war zum Schreien komisch, und wir Zuschauer hatten einen Heidenspaß. Die Kinder quietschten vor Begeisterung und klatschten sogar unwillkürlich in die Hände, ganz so, als wollten sie einer Vorstellung im Kasperletheater Beifall spenden.

Richard:

Wittenberg …

Wittenberg:

Und nun stelle dir bitte bildlich vor, wie jener grauenerregende Staatspräsident Hyrdülbogan den Versuch wagt, unser lebenslustiges Mäxchen zu vögeln!

Richard:

Ein Fiasko!

Wittenberg:

Ganz genau, denn der Präsident Hyrdülbogan müsste ein stahlharter Mann wie aus einem amerikanischen Superheldencomic sein, selbst um die geringste unserer berlinischen Ziegen zu bändigen. Er würde es höchstens schaffen, wenn ihm ein ganzes, speziell geschultes Armeekorps dabei hilfreich zur Seite stünde.

Richard:

Ich nehme alles zurück, Wittenberg, an schmutziger Phantasie fehlt es dir wirklich nicht.

Wittenberg:

Man könnte natürlich argumentieren, eigenwillige Ziegenböcke kämen als Sexualpartner für operettenhafte Staatspräsidenten sowieso nicht in Frage; es müsse auf jeden Fall eine relativ wehrlose weibliche Ziege dran glauben — in einem polymorph perversen Akt von heterosexueller Sodomie.

Richard:

Sagt man „Sodomie“? Ist das nicht das, was Schwuchteln tun? — Weibliche Ziegen haben auch wesentlich kleinere Hörner.

Wittenberg:

Daran kann man sie vielleicht erkennen. — Ich sollte wieder einmal auf einem Bauernhof Urlaub machen.

Richard:

Dass mir keine Klagen kommen, Wittenberg, ich möchte nichts Ungezogenes mehr von dir hören.

*
***
*

Wittenberg:

Was sagst du zu unserem schäbigen Postgebäude mitten im Spandauer Zentrum? Für mich handelt es sich dabei um eine politische Perversion besonderer Art.

Richard:

Eine Schande?

Wittenberg:

Ein kommunalpolitischer Offenbarungseid.

Richard:

Wem gehört das eigentlich alles?

Wittenberg:

Einer schwäbischen Hausfrau vielleicht?

Richard:

Rede keinen Unsinn, Wittenberg.

Wittenberg:

Es ist allem Anschein nach ein Ding der Unmöglichkeit, mit den Grundeigentümern auch nur in Kontakt zu treten.

Richard:

Aber der eine oder andere Investor als bürgerlicher Hoffnungsträger muss den Kaufvertrag doch bereitwillig unterschrieben haben!

Wittenberg:

Darauf kannst du einen lassen, Kasache.

Richard:

Ohne die Fakten zu kennen, möchte ich mich zu der Angelegenheit nicht äußern.

Wittenberg:

Der aktuelle Zeitungsartikel von Herrn Döhring bringt im Prinzip nichts Neues. — Alle paar Jahre bekommen wir einen ähnlichen Text zu lesen, es werden politische Initiativen versprochen, auch das bitterböse Wort „Enteignung“ kommt dem einen oder anderen Bezirksverordneten wie ein melancholischer Hauch über die schmalen Lippen. — Aber das alles verpflichtet zu nichts, und die verdammte Ruine bleibt stehen.

Richard:

Als „Ruine“ kann man das Gebäude wirklich nicht bezeichnen. Im Gegenteil, die Bausubstanz scheint recht robust zu sein.

Wittenberg:

Wenn ich ehrlich sein soll, ich habe schon hässlichere Bauwerke gesehen.

Richard:

Meiner Ansicht nach müsste man zuerst das Hochhaus gegenüber abreißen. Dann hätte Spandau ein unbebautes Filetgrundstück als Verhandlungsmasse, und die Karten könnten neu gemischt werden.

Wittenberg:

Wie stellst du dir das vor?

Richard:

Wenn du ein Problem in einem System nicht lösen kannst, musst du das System unter Umständen zumindest eine Zeitlang verlassen.

Wittenberg:

Und weiter?

Richard:

Ein unbebautes Grundstück mitten in der Stadt lockt normalerweise die Bauherren an wie ein Haufen Scheiße die Fliegen.

Wittenberg:

Was ist eigentlich drin in der Scheiße, das für die Schmeißfliegen, die man getrost auch „Scheißfliegen“ nennen könnte, so attraktiv ist?

Richard:

Vom Scheißer ungenutzte Nährstoffe vermutlich.

Wittenberg:

Der gewesene Fraktionsvorsitzende der Piraten vertritt die Auffassung, man müsse eine Investorenentscheidung unbedingt respektieren.

Richard:

Nein, man muss eine Investorenentscheidung provozieren.

Wittenberg:

Aber wie stellst du dir das konkret vor?

Richard:

Vielleicht sollten wir sogar im Dreieck denken.

Wittenberg:

Im Dreieck, natürlich.

Richard:

Die Arcaden, das Postamt und das Jugendamtshochhaus bilden eine Art städtebaulich zu entwickelndes Dreieck, sogar, wenn wir wollen, mit phantastischen Anbindungsmöglichkeiten an die Havel.

Wittenberg:

Aber wie bekommst du die Verbindung zwischen den vielerlei Investoreninteressen hin?

Richard:

Eben durch die zu erbringende Vorleistung des Abrisses des Hochhauses durch den Bezirk Spandau oder durch die große Stadt Berlin.

Wittenberg:

Das kapiere ich nicht, Richard Löwenherz.

Richard:

Ganz klar ist es mir auch noch nicht.

Wittenberg:

Nicht?

Richard:

Ich stelle mir vor, dass der ökonomische Druck, den die Neuinvestoren ausüben werden, den inaktiven Altinvestor endlich in Zugzwang bringt. Er könnte dann mitmachen und mitverdienen oder verkaufen und mitverdienen.

Wittenberg:

Jedenfalls verdienen?

Richard:

Er hat das Grundstück und das Postamt seit Jahren unter Kontrolle als Faustpfand und Spekulationsobjekt. Wenn er aber den Eindruck gewinnt, jetzt endlich seinen Reibach machen zu können, dann wird er sich eventuell bewegen.

Wittenberg:

Was hältst du von der Parole „Enteignung“?

Richard:

Das wird schwierig werden, und zeitraubend ist es sowieso.

Wittenberg:

Aber nicht unmöglich?

Richard:

Das Postamt liegt im Sanierungsgebiet Wilhelmstadt?

Wittenberg:

Ja.

Richard:

Ich bin mir nicht sicher, ob das die Chancen zu einer Enteignung erhöht.

Wittenberg:

Aber es verschlechtert sie auch nicht?

Richard:

Ich fürchte, das Sanierungsgebiet allein ist noch kein ausreichendes Argument. Es müsste ein überzeugendes Konzept, eine alles überstrahlende Idee entwickelt und planungsrechtlich abgesichert werden, um das Gemeinwohl gegen das Investorenwohl in Stellung bringen zu können.

Wittenberg:

Im Baugesetzbuch finden sich Ansatzpunkte.

Richard:

Aber das deutsche Baugesetzbuch ist kein sozialrevolutionäres Manifest.

Wittenberg:

Es existiert ein Gutachten von einem über Berlin hinaus bekannten Planungsbüro. Darin wird der fehlende Anschluss der Wilhelmstadt an das Berliner Schnellbahnnetz beklagt.

Richard:

Das müssten unsere ehemaligen „Volksparteien“ aufgreifen und vorantreiben.

Wittenberg:

Die werden sich hüten.

Richard:

Vor Hitler gehörte es zu den Grundprinzipien der BVG, die Außenbezirke mit der Innenstadt zu verbinden und umgekehrt.

Wittenberg:

Auch das scheint nach dem Vorbild des Kollegen Alzheimer allmählich in Vergessenheit geraten zu sein. Nicht nur die Wilhelmstadt, auch Pichelsdorf, Heerstraße-Nord, Staaken, der gesamte Spandauer Süden, über Gatow, Hohengatow und Kladow bis nach Potsdam, hat keinen U-Bahn-Anschluss.

Richard:

Die Grünen werden mit Sicherheit dagegen argumentieren. Denn für all das schöne Geld, das für die Verlängerung von zwei Spandauer U-Bahnlinien aufgewendet werden müsste, könnte man zahllose Kilometer Radwege bauen.

Wittenberg:

Die Straßenbahn wäre eine prima Alternative.

Richard:

Der wiederum steht, wie man hört, unser Bezirksbürgermeister Hellmuth Kleeberger durchaus wohlwollend gegenüber.

Wittenberg:

Auch Stadtrat Mullicke könnte sich auf der Heerstraße eine Straßenbahn, die die ewigen Buskolonnen ersetzt, durchaus vorstellen. Aber die kleinen und mittleren Funktionäre im und um das Bezirksamt herum werden hemmend einzuschreiten wissen. — Wenn unser braver Bürgermeister wüsste, wie höhnisch seine eigenen Leute ihn manchmal hinterrücks belächeln, würde er sich vermutlich seine zwei oder drei Gedanken machen.

*
***
*

Richard:

Wittenberg, ich fürchte, du hast dich in der Politik, in der SPD in eine ähnlich schwierige Situation manövriert, wie dir das regelmäßig beim Schachspielen passiert. ─ Immer wieder!

Wittenberg:

Der Eindruck drängt sich mittlerweile auf, sogar mit Macht. Monica mokiert sich fast jeden Tag in ganz ähnlicher Weise.

Richard:

Du müsstest dir angewöhnen, die Entwicklungsgeschichte der SPD in den letzten 100 Jahren als einen naturhistorischen Prozess zu begreifen.

Wittenberg:

Schön …

Richard:

Vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges nach Jahrzehnte währendem Imperialismus, über die verratene Novemberrevolution, die gescheiterte Weimarer Republik und die grauenvolle Nazizeit bis heute.

Wittenberg:

Und?

Richard:

Eine solche Perspektive wäre überaus nützlich für deine mentale Gesundheit, Wittenberg.

Wittenberg:

Ich fasse es nicht!

Richard:

Der deutsche Arbeiter ist ein Spießbürger. Das hatte bereits Walther Rathenau klar erkannt. In diesem Lichte betrachtet, bekommt der inzwischen spektakulär motorisierte Subalterne Heinz mit seiner SPD genau die politische Führung, die er verdient ─ konterrevolutionär bis auf die Knochen und verlogenen Bündnissen mit militaristischen Kräften keineswegs abgeneigt.

Wittenberg:

Der sozialdemokratische Funktionär der Gegenwart dillettiert in Bildungspolitik, macht menschenfreundliche Sozialreformen nach Kassenlage und interessiert sich zunehmend wieder für Religionsdinge.

Richard:

Ich spreche von Krisenzeiten, Wittenberg. ─ Die SPD ist nicht prinzipiell gegen Gewalt. Man muss genauer hinschauen und sich dabei nicht einschüchtern lassen. Die SPD lehnt Gewalt oder genauer: Gegengewalt gegen die erwiesenermaßen gewalttätigen bürgerlichen Klassen ab, aber mörderische Gewalt gegen die eigenen Leute hält sie leider im missverstandenen Interesse des Staatserhaltes von Zeit zu Zeit für unverzichtbar.

Wittenberg:

Ich weiß das wohl, Richard, aber was soll man dagegen machen?

Richard:

Du zahlst auch noch Beitrag dafür, verschwendest deine kostbare Lebenszeit für Parteiveranstaltungen, wirst gemobbt und verachtet, als linksradikal diffamiert. Warum tust du dir das an?

Wittenberg:

Aber wenn den Linken in der SPD am Ende nichts Besseres einfällt als der Parteiaustritt, dann machen die Rechten ewig so weiter.

Richard:

„Nichts ist ewig,“ sagen die Indianer, „nur die Sonne und die großen Berge.“

Wittenberg:

Soll ich vielleicht eine Splitterpartei gründen?

Richard:

Jetzt übertreibst du wieder, Wittenberg.

Wittenberg:

Oder einer Splitterpartei beitreten?

Richard:

Das bliebe zu überlegen.

Wittenberg:

Von der aktuell umtriebigsten Spandauer Splitterpartei hast du schon gehört?

Richard:

Nein, leider noch nicht.

Wittenberg:

Dann will ich dich gerne aufklären …

Richard:

Ich bitte darum!

Wittenberg:

Also …

Richard:

Man beginnt ein politisches Referat nicht mit „also“, Wittenberg, das solltest du langsam wissen.

Wittenberg:

Nun gut …

Richard:

Das ist auch nicht viel besser.

Wittenberg:

Tatsache ist …

Richard:

Das lässt sich hören, Wittenberg, konzentriere dich bitte auf die Tatsachen.

Wittenberg:

Es geht um die WisS …

Richard:

Um die was?

Wittenberg:

Wählerinitiative soziales Spandau — abgekürzt: großes „W“, kleines „i“, kleines „s“, großes „S“.

Richard:

Zweimal großes „S“ ginge schlecht, dann hätten wir wieder die „SS“.

Wittenberg:

Meinst du, das würde schlimme historische Erinnerungen wecken?

Richard:

Was sind das für Leute?

Wittenberg:

Wenn du mich fragst, und du fragst mich ja, dann sind das politisch gescheiterte Sozialdemokraten und listige, eigennützige Piraten, die sich die neuerdings wieder aufgebrochenen Protestpotentiale nutzbar machen möchten.

Richard:

Eine Splitterpartei mehr für den Misthaufen der Geschichte?

Wittenberg:

Ich frage mich ernsthaft, Kasache, wer dir solch schmutzige deutsche Vokabeln beigebracht haben könnte.

Richard:

Die habe ich mit der Muttermilch aufgesogen, Wittenberg, alter Flegel.

Wittenberg:

Der eine oder andere Grüne wird sicherlich auch mittun wollen bei der WisS.

Richard:

Wird die Spandauer SPD gegenhalten?

Wittenberg:

Keine Ahnung.

Richard:

Hat die SPD in Spandau überhaupt die Kraft, auf solche unverhofften Herausforderungen zu reagieren?

Wittenberg:

Nehmen wir unseren ehemaligen sozialdemokratischen Genossen Neuhoff zum Exempel. Der war bis zum Februar 2016 Vorsitzender der Abteilung Südpark/Tiefwerder der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. — Eine sozialdemokratische Abteilung in Berlin ist gleich einem sozialdemokratischen Ortsverein in Westdeutschland. — Außerdem arbeitete er im Büro des SPD-Bundestagsabgeordneten Schulzendorff. Der wiederum hatte maßgeblichen Anteil daran, dass Neuhoff überhaupt für zwei Jahre den Abteilungsvorsitz Südpark/Tiefwerder übernehmen konnte. Agitatorischer Telefonsex als interne Wahlkampfhilfe, wenn du verstehst, was ich meine. Neuhoffs Hauptanliegen als Abteilungsvorsitzender war es, seine Position zu festigen und bei den nächsten Wahlen in Berlin in aussichtsreicher Position für die Spandauer Bezirksverordnetenversammlung kandidieren zu dürfen. Das ist nämlich keineswegs ein Ehrenamt und dient vielen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten zur Aufbesserung ihrer Renten. Kommunalpolitisches Engagement und Sachverstand sind dabei eher weniger gefragt; als Auswahlkriterium dient in erster Linie unbedingte Ergebenheit dem Kreisvorsitzenden gegenüber.

Richard:

Aber der schlaue Plan des ambitionierten Genossen Neuhoff ging nicht auf?

Wittenberg:

Die, die ihn anfangs in der Abteilung als Übergangsfigur unterstützten, um bestimmte oppositionelle Vagabunden zu verhindern, ließen ihn aus Langeweile bald wieder fallen. Er wurde als Abteilungsvorsitzender nicht wiedergewählt, und eine Kandidatur zur BVV kam überhaupt nicht in Frage. Daraufhin trat er prompt aus der Partei aus und schmiss sogar seinen Job als Mitarbeiter des Genossen Bundestagsabgeordneten Schulzendorff hin. — Die Überraschung zumindest war ihm gut gelungen. Einen solch drastischen Schritt aus lauter Verzweiflung hätte niemand von uns erwartet.

Richard:

Hat er inzwischen bessere Geldquellen für sich aufgetan?

Wittenberg:

Das weiß ich nicht; so genau kenne ich ihn nicht.

Richard:

Eine gewisse Risikobereitschaft scheint dem Mann nicht abzusprechen zu sein.

Wittenberg:

In der Spandauer SPD hatte jedenfalls auch Neuhoff sich in ein rechtschaffen auswegloses Endstadium hinein manövriert.

Richard:

Diese Bürgerinitiative oder meinetwegen: „Wählerinitiative“ geht also in allererster Linie gegen die SPD?

Wittenberg:

„Wählerinitiative“ bedeutet dem Wortsinne nach: eine Initiative von Wählern. Davon kann keine Rede sein. Eher handelt es sich um eine Initiative gegen die Wähler; sie sollen nämlich verleitet werden, ihre wertvollen Stimmen an eine Splitterpartei zu verschwenden. Ebenso gut könnten sie ihre Stimmzettel auch gleich in den Papierkorb schmeißen.

Richard holt aus seiner Aktentasche zwei große Dosen Schultheiss-Bier.

Richard:

Dagegen wollen wir aus dem Blech einen trinken!

Wittenberg:

Bedauerlicherweise sind immer nur ein paar Schluck in so einer Büchse, dann ist sie leer.

Richard:

Das Leben ist eben großenteils ungerecht.

Wittenberg:

Das Leben ist eben genau, wie es ist. Es kann nichts dafür, dass die Menschen sich Illusionen machen.

Richard:

Die Illusion der Freiheit, die Illusion der Gerechtigkeit, die Illusion der Solidarität, die Illusion der Demokratie.

Wittenberg:

Um nur die bekanntesten, am weitesten verbreiteten zu nennen!

Richard:

Die Illusion der Gesundheit …

Wittenberg:

… als eine der letzten großen politischen Lügen unserer Zeit.

(21. August 2016)

„Freie Affen“ Teil 9

Freie Affen Theaterstück Von Reinhard Tantow Berlin, April/Mai 2016

Neunte Szene: Moritzstraße, Südseite

Monica und Wittenberg, Anastasia und Zoltan sitzen diesmal nicht auf der nördlichen Seite der Moritzstraße, vor Apotheke und Second Hand Shop, sondern genau gegenüber auf der Südseite. Hinter ihnen befindet sich die gerade neu eröffnete Fast-Food-Filiale der Firma Burger Prince. Als Reklamemaskottchen dient eine Figur, die aus der Entfernung an Elvis Presley und an Michael Jackson erinnert, aus der Nähe betrachtet aber einem Comic für Kinder entsprungen sein könnte. Die schwarzen Haarsträhnen des Jungen weisen in alle erdenklichen Himmelsrichtungen; seine großen, neugierigen Augen sind grün; eine spitzige Stupsnase gibt ihm einen besonders pfiffigen Gesichtsausdruck. Er ist auffällig schlank, trägt einen silbrigen Popstaranzug und hat, in scheinbarem Widerspruch dazu, eine kleine rote Schürze umgebunden, auf der wiederum er selbst abgebildet ist. Zu sehen ist das Maskottchen auf der Markise des Geschäfts, auf Aufklebern an den Fenstern und auf lebensgroßen Aufstellern in der Moritzstraße und in der Carl-Schurz-Straße, die auf der linken Seite der Bühne angedeutet ist. Die Moritzstraße und die Carl-Schurz-Straße wurden von Burger Prince mit Hunderten bunten Luftballons geschmückt. Zwei Angestellte, eine Frau und ein Mann, verteilen Reklamezettel an die Passanten.

Monica und Wittenberg spielen auf ihrer Decke „Mensch ärgere Dich nicht“. Monica hat die blauen Steine, Wittenberg die roten.

Monica:

Ist er Türke?

Wittenberg:

Das nicht gerade.

Monica:

Was dann?

Wittenberg:

Diese Dinge werden in der Partei nicht in aller Ausführlichkeit erörtert.

Monica:

Aber viele Leute denken, es handele sich um einen Türken.

Wittenberg:

Ich glaube, man begeht keinen allzu großen Fehler, wenn man ihn als Palästinenser bezeichnet.

Monica:

Palästina?

Wittenberg:

West Bank.

Monica:

Das Existenzrecht Israels gehört zur deutschen Staatsraison; das Existenzrecht Palästinas ist uns hingegen reichlich schnuppe.

Wittenberg:

Es handelte sich um Terroristen damals aus Palästina, die uns unsere wunderbare, bezaubernde Olympiade in München kaputtgemacht haben. Es hätte die schönste Olympiade aller Zeiten werden sollen und vielleicht auch werden können. Wir waren auf gutem Wege. Die Eröffnungsfeier wird vielen Zuschauern unvergesslich geblieben sein. Joachim Fuchsberger als Stadionsprecher. Musik von Martin Böttcher. Das ist der Karl-May-Filme-Komponist. Der feierliche Einzug der Nationalmannschaften ins Münchener Olympiastadion. Es war ein herrliches Fest. — Wir baten damit die Völker der Welt: „Bitte, vergebt uns unsere Schuld.“

Monica:

Ich habe davon gehört. — Wann genau war das?

Wittenberg:

Die Sommerolympiade von 1972 in München.

Monica:

Und richtige Terroristen?

Wittenberg:

Sie nannten sich „Schwarzer September“. Unsere Sicherheitskräfte waren total überfordert.

Monica:

Hat es viele Tote gegeben?

Wittenberg:

Alle jüdischen Geiseln wurden getötet, auch alle Terroristen, wenn ich mich recht entsinne.

Monica:

Auch tote Polizisten?

Wittenberg:

Ich erinnere mich nicht mehr an alle Einzelheiten, aber ich glaube, Polizisten waren nicht unter den Opfern. — Das finale Massaker ereignete sich auf dem Gelände des Flughafens Fürstenfeldbruck. — Der Spielfilm „München“ von Steven Spielberg handelt von der mörderischen Rache des israelischen Geheimdienstes an den Hintermännern des „Schwarzen Septembers“.

Monica:

Es ist gemein, unpolitische Sportler als Geiseln zu nehmen.

Wittenberg:

Aber ist es auch gemein, mit gleicher Münze heimzuzahlen und die vermeintlich Schuldigen ohne Gerichtsurteil mit dem Tode zu bestrafen?

Monica:

„Auge um Auge …“

Wittenberg:

Ich wusste gar nicht, dass es so viele Regeln gibt beim „Mensch-ärgere-Dich-nicht“-Spielen.

Monica:

Regeln, die unbedingt einzuhalten sind.

Wittenberg:

Sonst wären es keine Regeln.

Monica:

Vielleicht ist das sogar der pädagogische Hintersinn von solchen Spielen: Die Kinder sollen die Bedeutung von Regeln zumindest erahnen.

Wittenberg:

Der politische Traum unseres palästinensischen Kreisvorsitzenden besteht darin, dass um das Jahr 2030 eine muselmanische Frau zur Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland gewählt wird.

Monica:

Für dich wäre das wohl eher ein Albtraum, nicht wahr?

Wittenberg:

Ich bin kein Ausländerhasser, Monica.

Monica:

Hat er das offiziell erklärt? Oder war das parteiintern abends in der Kneipe?

Wittenberg:

Nein, nein, bei einem öffentlichen Auftritt in der Kultur-Universität von Istanbul, September 2015.

Monica:

Kann es vielleicht sein, dass der Spandauer Kreisvorsitzende der SPD ein aufgeschlossener, moderner Politiker ist, der sich für das friedliche Zusammenleben von Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen einsetzt?

Wittenberg:

Das will ich gar nicht bestreiten, Monica.

Monica:

Aber was nörgelst du dann beständig herum an dem Mann, Wittenberg?

Wittenberg:

Ich meine, dass eine SPD, die sich in der Hauptsache um Religionsdinge bekümmert, sich nicht wundern sollte, wenn sich die Wähler, die andere Interessen verfolgen, enttäuscht von ihr abwenden.

Monica würfelt wieder und schlägt dann einen von Wittenbergs roten Steinen.

Wittenberg:

Deine Technik beim „Mensch ärgere Dich nicht“ ist in hohem Maße provozierend, wenn du mir die Bemerkung gestatten möchtest.

Monica:

Ich gestatte keineswegs, Wittenberg, und drohe dir hiermit eine schallende Ohrfeige an.

Wittenberg:

Aber wenn du mich erst laufen lässt, um mich dann kurz vor dem Ziel herauszuschmeißen, dann erinnert mich das stark an eine Katze, die mit der Maus ihr Todesspiel treibt.

Monica:

Das hast du nicht unsensibel beobachtet, alter Lustmolch.

Wittenberg:

Du gibst es also zu?

Monica:

Ich gebe niemals etwas zu, das solltest du inzwischen gelernt haben, vor allem nicht — die Tatsachen.

Mrs. Sanders kommt aus der Carl-Schurz-Straße um die Ecke in die Moritzstraße. Sie hat Christoph Haase im Schlepptau, den Fraktionsvorsitzenden der SPD in der Spandauer Bezirksverordnetenversammlung.

Mrs. Sanders:

Bitte, schauen Sie sich das an, Herr Haase! So geht das nun schon seit Wochen. Ihr Genosse Wittenberg und seine Gespielin Monica lungern ohne Sinn und Verstand in der Altstadt herum und ängstigen Kunden und Passanten mit ihren Wolfshunden, die von richtigen Wölfen kaum zu unterscheiden sind. — Ich fordere Sie auf, dagegen einzuschreiten. Bitte, sprechen Sie endlich ein Machtwort!

Haase:

Mit Machtworten ist es bei Wittenberg so eine Sache. Er hört einfach nicht.

Mrs. Sanders:

Aber haben Sie denn keinerlei Möglichkeiten zur Disziplinierung? Können Sie ihn nicht aus der Partei ausschließen lassen?

Haase:

Das wäre ein langwieriges Verfahren. Man müsste dem Genossen parteischädigendes Verhalten nachweisen. Außerdem würde Wittenberg den Rummel um seine Person sicherlich genießen, Statements abgeben, Schmähepisteln verbreiten.

Mrs. Sanders:

Sie wollen sich nicht mit ihm anlegen, habe ich das richtig verstanden?

Haase:

Wir haben in einigen Monaten Abgeordnetenhauswahlen in Berlin, Mrs. Sanders, und müssen unsere bescheidenen Kräfte auf das Wesentliche konzentrieren.

Mrs. Sanders:

Aber für die gedeihliche wirtschaftliche Entwicklung der Spandauer Altstadt ist es durchaus von Bedeutung, ob halbverrückte Sozialdemokraten weiterhin ungestört hier herumlungern dürfen oder nicht!

Haase:

Über welche Instrumentarien verfügen Sie denn in Ihrer Eigenschaft als hohe Repräsentantin des Altstadt-Managements?

Mrs. Sanders:

Mir sind leider in vielfältiger Hinsicht die Hände gebunden.

Haase:

Ach!

Mrs. Sanders:

Ich hätte sehr gerne einen schlagkräftigen Sicherheitsdienst an meiner Seite. Dagegen gibt es zur Zeit erstaunlicherweise noch Widerstände.

Haase:

Ich verstehe.

Mrs. Sanders:

Wir haben ein ganzes Bündel, einen ganzen Haufen von Institutionen, die sich angeblich um das Wohlergehen der Altstadt bemühen. Bei näherer Betrachtung stellt sich allerdings oftmals heraus, dass eher gegeneinander als miteinander gearbeitet wird.

Haase:

Sehr bedauerlich.

Mrs. Sanders:

In London hatte ich es wesentlich einfacher.

Haase:

Vielleicht sollten wir einen Arbeitskreis gründen?

Mrs. Sanders:

Verscheißern kann ich mich alleine, Herr Haase.

Haase:

Ich bitte vielmals um Verzeihung, Mrs. Sanders. Ich werde mich mit Wittenberg unterhalten.

Mrs. Sanders:

Tun Sie das, Herr Haase, tun Sie das! — Guten Tag.

Mrs. Sanders geht nach rechts durch die Moritzstraße ab. Sie verabsäumt nicht, Zoltan und Anastasia einen misstrauischen Blick über die Schulter zuzuwerfen. Christoph Haase geht auf Monica und Wittenberg zu. Die Hunde bellen ein wenig, geben aber gleich wieder Ruhe.

Haase:

Wittenberg, was hat das alles zu bedeuten?

Wittenberg:

Nichts weiter.

Haase:

Aber du musst doch wenigstens für dich selbst einen Sinn darin sehen, hier in aller Öffentlichkeit zu kampieren. — Nein?

Wittenberg:

Es handelt sich um keinerlei Manifestation oder Demonstration. Wir spielen „Mensch ärgere Dich nicht“. — Möchtest du vielleicht mitspielen? Monica hat verschärfte Regeln eingeführt. Man darf nicht nur, sondern man muss einen gegnerischen Stein nach rückwärts schlagen, wenn die Augenzahl stimmt.

Haase:

Nach rückwärts?

Monica:

Normalerweise zieht und schlägt man beim „Mensch ärgere Dich nicht“ nur vorwärts. Das hat sich nun grundlegend geändert. Wenn du eine Drei würfelst und ein feindlicher Stein steht drei Felder hinter dir, dann musst du zuerst diesen Stein schlagen, sonst wird — gepustet.

Haase:

Gepustet?

Wittenberg:

Genau, dein eigener Stein kommt auf Anfang, weil du die neue Regel nicht beachtet hast.

Haase:

Aber ihr beiden Anarchisten dürft doch nicht einfach die Regeln des „Mensch-ärgere-Dich-nicht“-Spiels ändern. — Wo kämen wir da hin? Wenn das jeder machte, könnte bald überhaupt nicht mehr „Mensch ärgere Dich nicht“ gespielt werden!

Wittenberg:

Ich war auch erst dagegen. Dann jedoch stellte sich heraus, dass das Spiel dadurch interessanter und abwechslungsreicher wird, besonders wenn vier Personen mitmachen. Man wird ständig gezwungen, in beiden Richtungen zu denken, vorwärts und rückwärts.

Ein Angestellter von Burger Prince, der wie das Firmenmaskottchen gekleidet ist und auch eine schwarze Perücke trägt, um die Ähnlichkeit noch etwas deutlicher zu machen, bringt Softdrinks und Hamburger für Monica und Wittenberg.

Angestellter:

Mit freundlicher Empfehlung des Hauses Burger Prince!

Der Mann macht sogar eine leichte Verbeugung, dann will er wieder abgehen. Ein Fotograf ist im Hintergrund aufgetaucht und ruft ihn zurück.

Fotograf:

Einen Moment bitte, junger Mann! — Wir brauchen erst noch ein Foto. Ihr Chef hat sicherlich nichts dagegen.

Der Angestellte kommt wieder zurück und stellt sich neben Monica und Wittenberg. Anastasia und Zoltan schnüffeln an den Hacksteaks. Christoph Haase steht verlegen etwas abseits.

Fotograf:

Kommen Sie Herr Haase, seien Sie kein Spielverderber! Mit Ihnen auf der rechten Bildseite kommen wir zu einem ausgewogenen Arrangement, das bestimmt Aufmerksamkeit erregen wird.

Christoph Haase tritt zögernd näher.

Haase:

Übertriebene Aufmerksamkeit für Monica und Wittenberg möchten wir allerdings tunlichst vermeiden.

Fotograf:

Ein kleines Stückchen noch, Herr Haase, und jetzt ein freundliches Gesicht, wenn ich bitten darf. — Wunderbar! Ich bedanke mich herzlichst!

Der Fotograf hat ein paar Aufnahmen gemacht und zieht zufrieden ab durch die Moritzstraße. Der Angestellte geht zurück ins Burger Prince. Monica nimmt die Hacksteaks aus den Hamburger-Brötchen und füttert damit Anastasia und Zoltan.

Wittenberg:

Ob das Zeug auch gut ist für die Hunde?

Monica:

Ich meine, es wird nicht gleich Gift sein, was sie den Leuten verkaufen.

Wittenberg:

Bist du sicher?

Haase:

Ich muss mich leider verabschieden.

Wittenberg:

Die Pflicht ruft, was, Genosse Haase?

Haase:

Du hast es erfasst, Wittenberg. — Und wirst du über das nachdenken, was ich gesagt habe?

Wittenberg:

Ich verspreche, ich werde an nichts anderes mehr denken, Christoph. Ich mache mir sogar einen doppelten Knoten ins Taschentuch.

Monica:

Wittenberg ist nämlich normal kein besonders nachdenklicher Mensch, Herr Haase.

Haase:

Ach, schert euch doch zum Teufel, ihr beiden Spinner!

Christoph Haase enteilt durch die Carl-Schurz-Straße (links) in Richtung Rathaus.

(19. August 2016)

„Freie Affen“ Teil 8

Freie Affen Theaterstück Von Reinhard Tantow Berlin, April/Mai 2016

Achte Szene: Moritzstraße, Nordseite

Monica und die beiden Wolfshunde haben es sich einmal mehr in der Moritzstraße bequem gemacht. Juliane bringt wieder Wasser für die Tiere. In dem Augenblick kommt Mrs. Sanders aus der Apotheke. Sie trägt einen eleganten hellen Sommermantel offen über einem grauen Kostüm. (Dazu vielleicht einen lindgrünen Seidenschal und graue Wildlederschuhe.) In der linken Hand hält sie ein stattliches, schwarzes Walkie-Talkie.

Mrs. Sanders:

Meine Damen, ich habe ernsthaft mit Ihnen zu reden.

Juliane:

So?

Monica:

Guten Tag, Mrs. Sanders.

Mrs. Sanders (zu Monica):

Ihren Namen kenne ich leider noch nicht.

Monica:

Das ist schade, Mrs. Sanders.

Mrs. Sanders:

Möchten Sie sich vielleicht vorstellen?

Monica:

Darüber denke ich gerade nach.

Mrs. Sanders:

Herr Dr. Krauth hat mich soeben über das Gespräch informiert, das er neulich mit Ihnen geführt hat. Sie erinnern sich?

Monica:

Vage, äußerst vage bloß, Mrs. Sanders.

Mrs. Sanders:

Es ging dem Herrn Apotheker um das höchst malerische Bild, das Sie und Ihr Kumpan, der, wie ich hörte, von allen nur „Wittenberg“ genannt wird, für seine werte Kundschaft abgeben, die ungestört bei ihm pharmazeutischen Rat einholen und Medikamente einkaufen möchte.

Juliane:

Der Apotheker ist Monica ziemlich unverschämt gekommen. Dabei hatte sie nichts getan.

Mrs. Sanders:

Sie sind Frau Juliane Zimmermann? Sie führen den Second Hand Shop gleich hier nebenan?

Juliane:

Richtig.

Mrs. Sanders:

Dann sollten Sie entschieden mehr Verständnis für die Sorgen und Nöte Ihrer Handelskollegen aus der Spandauer Altstadt entwickeln — und zwar möglichst umgehend.

Juliane:

Das tue ich doch! Ich nehme sogar regelmäßig an den Sitzungen zur Bürgerbeteiligung am Sanierungsgeschehen teil, obwohl mir das nach der Arbeit oft nicht leicht fällt.

Mrs. Sanders:

Es ist mir schlechterdings unbegreiflich, Frau Zimmermann, wie Sie solch zigeunerhaftes Herumlungern quasi direkt vor Ihrer Ladentüre auch noch unterstützen können. Es muss Ihnen doch einleuchten, dass ein anständiges, bürgerliches Publikum, wie wir es für unsere City Performance dringend brauchen und dementsprechend keinesfalls verärgern wollen, sich geniert, wenn es sich seinen Weg in die Geschäfte an äußerst fragwürdigen Gestalten vorbei gewissermaßen erst erkämpfen muss.

Juliane:

Jetzt übertreiben Sie aber, Mrs. Sanders. — Monica und Wittenberg sprechen niemanden an. Sie betteln nicht. Wenn ihnen ein Passant eine Münze schenkt, nehmen sie sie natürlich dankend an.

Monica:

In Deutschland sagt man auch nicht mehr „Zigeuner“, Mrs. Sanders, das wird zunehmend als diskriminierend empfunden.

Mrs. Sanders:

Ich glaube, ich träume! Jetzt muss ich mich vielleicht noch vor Ihnen rechtfertigen?

Monica:

Das wäre zumindest einer kurzen Überlegung wert, Mrs. Sanders. Sie würden damit am Ende vor sich selbst bestimmt besser dastehen.

Mrs. Sanders:

Ich bin aus London hierhergekommen, um Ordnung zu schaffen, und glauben Sie mir, es wird mir auch gelingen.

Monica:

Davon bin ich überzeugt, Mrs. Sanders.

Juliane:

Nach den Besprechungen im Bürgerforum hatte ich mir Ihre Tätigkeit für uns in der Altstadt allerdings ein wenig anders vorgestellt.

Mrs. Sanders:

Und wie, wenn ich fragen darf?

Juliane:

Ich dachte, Sie würden neben bestimmten Ordnungsvorstellungen auch eine Art weltstädtisches Flair aus Ihrer fabelhaften Hauptstadt mitbringen. Wissen Sie, ich habe einige Jahre in Pimlico gelebt. London hat mich mächtig beeindruckt. Westminster Abbey vor allem. Die Kirche ist für mich ein Symbol der Hoffnung dafür, dass aus uns Menschen vielleicht eines Tages doch noch etwas wird.

Mrs. Sanders:

Ausgerechnet Pimlico — ich fasse es nicht!

Juliane:

Ich meine, es ist vollkommen korrekt, wenn Sie Ladendiebe unbarmherzig verfolgen und ihrer gerechten Bestrafung zuführen, keine Frage, aber das kann doch nicht alles sein. Was wir in erster Linie benötigen, das sind kreative Phantasien und produktive Inspirationen.

Mrs. Sanders:

Vielleicht sollten Sie zunächst einmal und vor allen Dingen Ihr Ladenlokal regelmäßig lüften, Frau Zimmermann.

Juliane:

Gute Idee, Mrs. Sanders, ich verabschiede mich.

Juliane nickt Monica und Mrs. Sanders kurz zu, dann beugt sie sich zu den Hunden herab, streichelt sie flüchtig und verschwindet in ihrem Second Hand Shop.

Mrs. Sanders:

Über Ihre beiden Haustiere müssen wir uns ausführlicher auseinandersetzen, Frau …

Monica:

Monica.

Mrs. Sanders:

Frau Monica …

Monica:

Monica genügt, Mrs. Sanders.

Mrs. Sanders:

Also gut, Monica, Sie können nicht Wölfe in der Altstadt von Spandau frei herumlaufen lassen. Das ist beängstigend und irrsinnig. Ich verbiete Ihnen das hiermit ein für allemal. Haben Sie mich verstanden?

Monica:

Anastasia und Zoltan sind keine Wölfe.

Mrs. Sanders:

Sie sehen Wölfen aber verdammt ähnlich, finden Sie nicht auch?

Monica:

Es handelt sich um Wolfshunde aus Irland.

Mrs. Sanders:

Aus Irland ist selten etwas Gutes gekommen.

Monica:

Es sind Rassehunde. Wir besitzen sogar einige Papiere, die es Kennern ermöglichen, ihre Zucht oder ihre Herkunft nachzuverfolgen.

Mrs. Sanders:

Ich schlage vor, Sie besprechen das in aller Ruhe mit Ihrem famosen Herrn Wittenberg. Auf dessen bessere Einsicht kann ich nur hoffen. Sollten Sie sich weiterhin quer stellen, dann bekommen Sie es mit mir zu tun. — Ich habe Sie gewarnt. Guten Tag.

Mrs. Sanders geht ab nach links in Richtung Jüdenstraße und Altstädter Ring.

(17. August 2016)

„Freie Affen“ Teil 7

Freie Affen Theaterstück Von Reinhard Tantow Berlin, April/Mai 2016

Siebente Szene: Süd Bistro, Carl-Schurz-Straße

Wittenberg und sein alter Freund Richard, Russlanddeutscher aus Kasachstan, sitzen im Süd Bistro in der Carl-Schurz-Straße und spielen Schach. Wittenberg hat noch nie ein Spiel gegen Richard gewinnen können, aber er gibt die Hoffnung nicht auf, dass ihm das eines Tages vielleicht doch noch gelingen könnte.

An der Bistrowand hinter den beiden Schachspielern sind einige Plakate aufgehängt. Eins davon ist besonders auffällig: Eine junge Frau mit knabenhaft kurz geschnittenen schwarzen Haaren, sonst aber überhaupt nicht knabenhaft, sitzt allein an einem Bistrotisch, vor sich ein Glas Weißwein, eine Schachtel Zigaretten, einen gläsernen Aschenbecher; in der rechten, senkrecht nach oben gehaltenen Hand eine brennende Zigarette. Den schönen Kopf an die graue Wand des Zimmers gelehnt, die Augen offen, aber nicht unbedingt auf einen Gegenstand des Interesses gerichtet, die vollen Lippen geschlossen, wirkt die Frau in sich gekehrt, nachdenklich; sie möchte wohl, in diesen Augenblicken, lieber nicht gestört werden. Es handelt sich um eine Schwarz-Weiß-Aufnahme. Man sieht die junge Frau — wie alt mag sie sein? 25 vielleicht? — im Profil. Ihr Blick geht nach rechts. Links über ihr, angeschnitten, ein altes Blechschild, dessen Text auf „DDR“ endet; rechts über ihr ein Plakat „Kalinka“, das in englischer Sprache auf eine Veranstaltung mit den „Russian Folk Dancers from Vladimir“ hinweist. Rechts außen, hinter dem Bistrotisch, ein Fenster ohne Gardinen, das den Blick auf einen Hinterhof freigibt. Unter der Fotografie haben die Grafiker des Aufbau-Verlages ein Zitat aus Christa Wolfs „Nachdenken über Christa T.“ plaziert:

„Obwohl zum Innehalten

die Zeit nicht ist,

wird einmal keine Zeit mehr sein,

wenn man jetzt nicht innehält.“

Wittenberg:

Wer ist am Zug?

Richard:

Du bist am Zug.

Wittenberg:

Ich bin am Zug?

Richard:

Ein Schachspieler, der nicht einmal weiß, wann er am Zug ist, sollte gar nicht erst anfangen.

Wittenberg:

Dieses Mal werde ich dich aber schlagen — unerbittlich!

Richard:

Aber dazu musst du zunächst wissen, wann du am Zug bist, sonst geht es nicht.

Wittenberg:

Ich habe mir eine famose Eröffnung ausgedacht, die dich in arge Bedrängnis bringen wird.

Richard:

Eröffnungen sind Eröffnungen. Sie bringen niemanden in Bedrängnis. Das kommt später, im Mittelspiel und im Endspiel.

Wittenberg:

Mein Mittelspiel ist ziemlich schwach, nicht wahr?

Richard:

Ich würde es diplomatischer ausdrücken, um dich nicht zu verärgern.

Wittenberg:

Diplomatie ist mir wurscht.

Richard:

Ich weiß.

Wittenberg:

Diplomatie ist bloß ein anderes Wort für Verlogenheit, für staatlich organisierte Verlogenheit.

Richard:

Man kann nicht immer mit dem Vorschlaghammer agieren, Wittenberg, das ist auf die Dauer zu anstrengend.

Wittenberg:

Aber man muss offen und ehrlich aussprechen, was ist.

Richard:

Nicht in jedem Fall.

Wittenberg:

Nicht?

Richard:

Nein.

Wittenberg:

Aber …

Richard:

Du bist am Zug.

Wittenberg:

Schon wieder?

Richard:

Es geht abwechselnd.

Wittenberg:

Eine Freundin von mir traut sich schon nicht mehr in die U-Bahn. Sie ist überaus niedlich und wird ständig von Ausländern angemacht.

Richard:

Wie angemacht?

Wittenberg:

Verfolgt, angesprochen, auch angefasst.

Richard:

Hat sie ein Handy dabei?

Wittenberg:

Schon, aber was soll ihr das nützen?

Richard:

Sie könnte damit telefonieren.

Wittenberg:

Sie lässt sich nichts gefallen, sie schimpft, brüllt, schreit. — Die Migrationshintergründe laufen dann zum Glück immer gleich weg.

Richard:

Wenn einem im Ozean ein Haifisch begegnet, soll man auf ihn zu schwimmen.

Wittenberg:

Du sprichst in Rätseln, alter Junge.

Richard:

Der Haifisch ist es nicht gewohnt, dass Meeresbewohner auf ihn zu schwimmen. Die Regel, die er kennt, ist, dass alles Lebendige vor ihm zu fliehen versucht.

Wittenberg:

Aber Asylanten sind keine Haifische?

Richard:

Nicht unbedingt, aber sie verhalten sich allem Anschein nach zunehmend räuberischer.

Wittenberg:

Sie sind vermutlich so erzogen, dass Frauen, die ohne männliche Begleitung unterwegs sind, als leichte Beute betrachtet werden dürfen und eine Art Freiwild darstellen.

Richard:

Leichte Beute …

Wittenberg:

… für den Haifisch.

Richard:

Die Aufregung über die Ereignisse in Köln zu Neujahr hat sich inzwischen wieder gelegt.

Wittenberg:

Das ist vollkommen normal in Deutschland: Erst wird ein riesiger Medienhype in Szene gesetzt, dann kehrt langsam Ruhe ein, schließlich geht das ganze Theater bei passender Gelegenheit wieder von vorne los.

Richard:

Gab es überhaupt eine einzige Festnahme, die auch zu einer Verurteilung geführt hat?

Wittenberg:

In Köln? Nicht, dass ich wüsste. — Fremde, die in Massen agieren, sind erfahrungsgemäß schwer zu beschreiben. Die Opfer konnten keine konkreten Anschuldigungen gegen bestimmte Personen erheben, also gab es auch keine zielführenden Ermittlungsverfahren.

Richard:

Die Polizei hätte gleich in der Nacht rigoros einschreiten müssen.

Wittenberg:

Das war, glaube ich, politisch nicht gewollt. Denn wenn die Polizei eingeschritten wäre, hätte sie unter Umständen von der Schusswaffe Gebrauch machen müssen. Nichts dämpft bekanntlich die geile Vorfreude eines womöglich syphilitischen Sexualstraftäters gründlicher als ein gezielter Pistolenschuss in die Geschlechtsteile. Aber dann hätte Deutschland einmal mehr als aggressiver Nazi-Staat in der Zeitung gestanden. Folglich mussten die bedrängten und vergewaltigten Frauen von der ausführenden Staatsmacht kühl kalkuliert im Stich gelassen werden. — Es ergab sich wie zwangsläufig aus der unübersichtlichen Situation und dem übergeordneten Interesse an halbwegs befriedeten Verhältnissen im Inneren.

Richard:

Situation — im weitesten Sinne des Wortes?

Wittenberg:

Eine in dieser Dimension komplett neue Situation, genau, aber ich fürchte, wir lernen nicht genug daraus.

Richard:

Niedere Dämonen, die sich austoben wollten?

Wittenberg:

Jedenfalls kein multikultureller Beitrag zur Vermehrung der Freundlichkeit in der Welt.

Richard:

Schach!

Wittenberg:

Schach?

Richard:

Ein kleiner Angriff nur, zum Warmspielen gewissermaßen, du wirst ihn überstehen.

Wittenberg:

Aber du hast mir doch eben noch erzählt, Eröffnungen seien relativ harmlos. — War das eine Falle?

Richard:

Du musst besser aufpassen und vor allen Dingen strategischer denken. Es genügt nicht, den nächsten und vielleicht noch den übernächsten Zug in den Blick zu nehmen.

Wittenberg:

Monica hat im Internet ein Video gefunden, in dem ein Komödiant vom NDR sich nicht entblödete, die Flüchtlingsproblematik für endgültig gelöst zu erklären. Der Mann argumentiert in seinem Sketch etwa folgendermaßen: Deutschland hat 80 oder 81 Millionen Einwohner. Wenn nun im letzten Jahr zirka 1 Million Flüchtlinge hinzugekommen sind, dann macht das 1/80 oder 1/81 oder 1/82, also zwischen etwas über 1 % und allerhöchstens 2 % der Gesamtbevölkerung aus. Daraus lasse sich selbstverständlich keineswegs eine substanzielle Bedrohung der christlichen Kultur des Abendlandes herleiten. Im Gegenteil, es gebe schlicht und ergreifend gar keine Flüchtlingsproblematik. Der Comedian kletterte sportlich über die Rückenlehne seines Sitzmöbels, ließ zwei sympathische Leute aus dem im Hintergrund positionierten Publikum aufstehen und erbrachte so umgehend den augenscheinlichen Beweis, dass diese beiden Menschen vollkommen ungefährlich seien.

Richard:

Früher nannte man dergleichen Simplifizierungen eine „Milchmädchenrechnung“. — Gibt es den Ausdruck heute noch im Deutschen?

Wittenberg:

Und ob es den Ausdruck noch gibt!

Richard:

Obwohl die spindeldürren Milchmädchen, die selber etwas mehr Milch und vor allem auch Sahne gut hätten vertragen können, seit Jahrzehnten schon in die Sozialgeschichte des deutschen Staates eingegangen sind?

Wittenberg:

Danach wird schon lange nicht mehr gefragt.

Richard:

Aber wenn du erst zu Einfluss und Macht gekommen sein wirst, soll sich das alles grundlegend ändern, was?

Wittenberg:

Wenn ich endlich König von Deutschland wäre? Aber ich bin mittlerweile vollkommen isoliert in der SPD.

Richard:

Kein Wunder, Wittenberg.

Wittenberg:

Für mich noch ein Malzbier. Und du?

Richard:

Schwarzbier, ‘nen Henkel.

Wittenberg:

Wenn du erst betrunken bist, steigen meine Chancen im Schachduell sprunghaft an. — Vielleicht möchtest du ein großes Glas Wodka ins böhmische Bier? Damit es nicht zu süß schmeckt?

Richard:

Ich denke auch, die eine Million Flüchtlinge aus dem letzten Jahr können wir in Deutschland recht und schlecht verkraften. Kritisch wird es, wenn jedes Jahr eine weitere Million hinzukommen sollte.

Wittenberg:

Es hat sich nun aber leider herausgestellt, dass überproportional viele Mitglieder des Deutschen Gewerkschaftsbundes die AfD gewählt haben. Die Gewerkschaftsspitze gibt sich überrascht und beunruhigt.

Richard:

Gewerkschaftsbonzen sind hervorragend kluge Persönlichkeiten. Es gelingt ihnen immer wieder, Jahr für Jahr, sich von den schwer malochenden Arbeitern und Angestellten ein gutes Gehalt bezahlen zu lassen.

Wittenberg:

Aber interessant ist es schon, dass ausgerechnet Gewerkschaftler AfD wählen. Besonders wenn man bedenkt, dass die AfD sich vor den Landtagswahlen in einem Programmentwurf dezidiert gegen den Mindestlohn ausgesprochen hatte.

Richard:

Das hat Frau Petry mittlerweile korrigiert. Jetzt ist die AfD für den Mindestlohn.

Wittenberg:

Außerdem waren bestimmte Gewerkschaften, aber nicht alle, auch lange Zeit gegen den Mindestlohn. Die Genossen Oberärsche begründeten ihre feindselige Grundhaltung damals mit dem Argument, die Tarifautonomie werde durch eine Mindestlohnregelung gefährdet; sie müsse unbedingt erhalten bleiben. Dabei will niemand die Tarifautonomie abschaffen. Es geht lediglich um die verbindliche Festlegung der untersten Grenze dessen, was kampfesmüde Gewerkschaftsführer in Zukunft allenfalls noch unterschreiben dürfen.

Richard:

Immerhin, ver.di war für den Mindestlohn.

Wittenberg:

Auch die Sozialdemokraten hätten in zwei Amtszeiten unter Bundeskanzler Schröder genügend Zeit gehabt, den Mindestlohn einzuführen. — Sie dachten gar nicht daran.

Richard:

Wenn die Arbeitsmarktreformen von Anfang an mit einem Mindestlohn gekoppelt worden wären, sähen die Dinge heute vielleicht etwas anders aus.

Wittenberg:

Meinst du wirklich?

Richard:

Dann wäre möglicherweise die massive Beschädigung der Arbeit oder der Arbeitskraft in Deutschland vermieden worden und das berühmte „Prekariat“ zumindest in solch erschreckendem Umfang gar nicht erst entstanden.

Wittenberg:

Aber die Hervorbringung eines ausufernden Niedriglohnsektors war doch gerade der politische, soziale und ökonomische Sinn von Hartz IV.

Richard:

Eben, deshalb gab es unter Schröder keinen Mindestlohn.

Der Wirt kommt mit einem kleinen Tablett an den Tisch von Wittenberg und Richard. Er räumt die leeren Gläser ab.

Wirt:

Möchtet ihr noch etwas bestellen?

Wittenberg:

Noch ein Malzbier und noch ein Schwarzbier, bitte.

Wirt:

Kommt sofort!

Der Wirt bleibt einen Augenblick stehen und begutachtet kritisch den Stand der Schachpartie.

Wirt:

Das sieht gar nicht gut aus für dich, Wittenberg. Wenn du es mit einem überlegenen Gegner zu tun hast, solltest du wenigstens auf eine Rochade hinarbeiten. Deshalb verlierst du trotzdem, aber die Niederlage wirkt weniger schmachvoll. — Im Unterschied zu der von Hertha letztens gegen Mönchengladbach!

Wittenberg:

Für mich ist es faszinierend zu sehen, mit welcher Selbstverständlichkeit die ehemaligen Kronländer der Habsburger-Monarchie sich um ihre natürliche Hauptstadt Wien versammeln, um der deutschen Ausländerei geschlossenen Widerstand entgegenzusetzen. Die alten, lange Zeit für überwunden gehaltenen Gegensätze zwischen West- und Osteuropa brechen im Nu wieder auf.

Richard:

Das sind alles halbwegs vernünftige Gedanken, die du dir machst, Wittenberg, aber es gelingt dir leider nicht, an den Kern des Problems heranzukommen.

Wittenberg:

Und der wäre?

Richard:

Deutschland hat sich außenpolitisch in eine fatale Abhängigkeit von der Türkei hineinmanövriert. Wir sind erpressbar geworden.

Wittenberg:

Aber was soll man machen?

Richard:

Es handelt sich, möglichst genau besehen, um eine für Deutschland ungemein gefährliche Abhängigkeit von einem reaktionären, nationalistischen, sogar expansionistischen Türkentum, das nicht einmal davor zurückschreckt, ein russisches Kampfflugzeug abzuschießen. — Wir dürfen von Glück sagen, dass Präsident Putin noch einmal Gnade vor Recht hat ergehen lassen.

Wittenberg:

Hattest du eine strengere Bestrafung der Türkei erwartet?

Richard:

Das ist nicht einfach zu beurteilen und zu bewerten. Wenn Russland auf die türkische Aggression, die freilich nicht völlig unerwartet kam, mit einem kraftvollen militärischen Gegenschlag reagiert hätte, wären die Türken weinend zu Frau Merkel, zu Präsident Hollande und zu Barack Obama gelaufen und hätten um die Bündnishilfe der NATO gefleht. Der Weltfrieden wäre in Gefahr geraten. — Wieder einmal liegt Brandgeruch über unserem kleinen Planeten Erde.

Wittenberg:

Es gibt keinen Weltfrieden.

Richard:

Bezeichnen wir als „Weltfrieden“ provisorisch und pragmatisch das zeitweilige Nichtvorhandensein eines Weltkrieges.

Wittenberg:

Im Radio habe ich neulich etwas über einen gemeinnützigen Verein aus der kleinen Stadt Pfaffenhofen in Bayern gehört. Seit Jahren holt er immer wieder junge Menschen aus dem Ausland, aus dem Irak und aus Syrien, wo das Gesundheitswesen weitgehend zerstört ist, zur medizinischen Behandlung nach Deutschland. Die Vereinsmitglieder sammeln Spenden und tragen sämtliche Kosten. Überaus aufschlussreich sind aber auch die Analysen des Vereinsvorsitzenden über die Vorbereitung von regional begrenzten Kriegsabenteuern. Ein klares Muster zeichnet sich immer wieder ab. Zunächst wird das Land, das leider eine den Westmächten unliebsame Regierung aufzuweisen hat, mit einem Wirtschaftsembargo isoliert. Die Auswirkungen sind in der Regel verheerend: Die Wirtschaft gerät in eine Krise, die Arbeitslosigkeit explodiert, die Bevölkerung wird physisch und psychisch geschwächt und zermürbt.

Richard:

Du bist am Zug.

Wittenberg:

Selbst wenn einem Embargo ausnahmsweise einmal keine militärischen Interventionen nachfolgen, weil die in Ungnade gefallenen Potentaten sich zum Einlenken bequemen, sind die Auswirkungen des Boykotts zerstörerisch genug. Es handelt sich im Grunde um die schäbigste Art der Kriegsführung, gegen die einfache Bevölkerung, vor allem gegen die Armen, mit angeblich zivilen, wirtschaftlichen Methoden und Mitteln. Also um Wirtschaftskrieg im wahrsten Sinne des Wortes.

Richard:

Wenn du nicht aufpasst, Wittenberg, werde ich gleich zwei oder drei deiner Bauern abräumen.

Wittenberg:

Das scheint mir das gewöhnliche Schicksal von Bauern im Schachspiel zu sein. Sie werden aufgeopfert, um König und Königin das Überleben sichern zu helfen.

Der Wirt bringt Richard und Wittenberg ihr frisches Bier. Wieder bleibt er kurz stehen, um sich den aktuellen Stand des Schachspiels genauer anzuschauen.

Wirt (kopfschüttelnd):

Es ist ein Jammer mit dir Wittenberg, du kannst dich einfach nicht auf das Match konzentrieren, immer musst du politisieren. — Warum spielst du nicht lieber „Mensch ärgere Dich nicht“?

Richard:

Oder „Monopoly“? Die Pennsylvania Avenue zum Spottpreis für nur 320 Dollar?

Wittenberg:

Über „Monopoly“ sprechen wir gerade. — Den zum weiteren Verfall auserkorenen Staaten wird eine Veränderung in der Gestaltung ihrer Wirtschaft diktiert, die verhängnisvolle langfristige Auswirkungen nach sich zieht. Die wichtigsten Industrien müssen verkauft werden. Man redet verharmlosend von „Privatisierung“, meint aber nichts anderes als die feindselige Inbesitznahme von Volkseigentum durch amerikanische oder westeuropäische Konzerne. Ergänzend wird selbstverständlich verlangt, dass das unter Kontrolle zu bringende Land seine sämtlichen Handelsbeschränkungen aufhebe. Das wiederum hat zur Folge, dass in den Läden die europäischen und amerikanischen Waren dominieren, während gleichzeitig der einheimischen Industrie die Absatzmöglichkeiten genommen werden. Das Ende vom Lied sind Massenarbeitslosigkeit und hohe Staatsverschuldung.

Richard:

Vielleicht sollte man das Embargo gegen Syrien endlich aufheben?

Wittenberg:

Das wäre ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Richard:

Schach!

Wittenberg:

Du gottverfluchter Sauhund!

(17. August 2016)